Wer in diesen Tagen den Puy de Dôme hinauf radeln möchte, muss am Fuß des Berges erkennen, dass die Straße zum Gipfel durch eine Schranke versperrt ist. Für alle gleich, selbst für Radler – und Radlerinnen. In Clermont-Ferrand, unweit dieses Vulkans, hängen dennoch auffällig viele Plakate, die Gegenteiliges vermitteln. „Puy de Dôme“ ist zu lesen, dazu die Ankündigung der sechsten Tour-Etappe der Frauen – sowie, dem inzwischen überholten Hinweis auf die zehnte Etappe der Männer, die unlängst Clermont-Ferrand streifte. Die Tour beider Geschlechter eint, dass sie nur vermeintlich über den prominenten Puy de Dôme führt. Auf dem Poster indes ist ein Zielsprint zwischen einem Rennfahrer und einer Rennfahrerin angedeutet: Der Mann liegt in der Illustration hinter der Frau, blickt etwas grimmig drein, während sie die Faust reckt.
Die Zeichnung aus dem französischen Zentralmassiv lässt erahnen, dass Rennrad fahrende Frauen nach Jahren der Nichtbeachtung vor einer promotion, einer Beförderung stehen. Erstmals geht es über neun Etappen, womit für die Tour de France Femmes beileibe nicht jener Aufwand betrieben wird, wie bei der am Sonntag endenden dreiwöchigen Variante der Männer. Aber es geht so lange wie noch nie – und im Streckenprofil sind nicht wenige gebirgige Berühmtheiten zu erkennen. Es ist also auch eine Tour de Chance zu erwarten. Die Frage ist: Wie nimmt das Publikum die zweite Frankreich-Rundfahrt im Jahr 2025 wahr?
Das Finale der Austragung 2024 hinterließ jedenfalls Werbung für die Tour de France Femmes. Damals rettete die Polin Katarzyna Niewiadoma-Phinney auf der achten und letzten Etappe ihren Vorsprung gerade so ins Ziel und gewann mit nur vier Sekunden Guthaben vor der Zweitplatzierten die Gesamtwertung, knapper denn je. Jedenfalls könnten die vom Allesfresser Tadej Pogacar vergrämten Zuschauer einen spannenden Kampf um das Gelbe Trikot eventuell goutieren.
Die Tour de France Femmes wird seit 2022 von der Amaury Sport Organisation veranstaltet, die auch die berühmte Rundfahrt der Männer leitet. Unter der Renndirektorin bei den Frauen, Marion Rousse, verzichtet die Tour dieses Jahr auf ein Zeitfahren und legt es auf eine Entscheidung im Hochgebirge an. Auf der Königsetappe am achten Tag wartet der berühmte Col de la Madeleine auf das Peloton. Tags darauf geht es auf dem Weg nach Châtel den nächsten Anstieg der höchsten Kategorie hinauf. Insgesamt müssen die Fahrerinnen mehr als 18 000 Höhenmeter erklimmen – der nächste Tour-Rekord.
40 Millionen TV-Zuschauer bei der Tour der Männer, immerhin 17 Millionen bei den Frauen
Die Bergankünfte und Sprint-Etappen dürften auch deshalb spannend werden, weil die Favoritinnen gleichmäßiger über die Mannschaften verteilt sind. Die Niederländerin Demi Vollering und die Schweizerin Marlen Reusser fahren seit dieser Saison für neue Teams. Zuvor standen beide bei der Equipe SD Worx-Protime unter Vertrag, die dieses Jahr Lotte Kopecky ins Rennen schickt, die amtierende Straßenweltmeisterin. Aus deutscher Perspektive ist Liane Lippert eine aussichtsreiche Kandidatin für Etappensiege. Sie gewann beim Giro d’Italia Women zwei Etappen.
Der ungleich engere Konkurrenzkampf als bei den Männern und die attraktive Streckenführung lassen das Entwicklungspotenzial des Frauenradsports erahnen. Der Weltradsportverband (UCI) gibt zudem vor, dass die Frauenetappen der Tour im Schnitt nicht länger als 140 Kilometer sein dürfen, 2025 sind es im Mittel 130 Kilometer. So soll sichergestellt werden, dass die Leistungsunterschiede im Peloton nicht zu stark das Renngeschehen bestimmen. Diese Grenze drückt dementsprechend aus, wie die UCI das Leistungsniveau im Fahrerinnenfeld beurteilt. Eine schwierige Angelegenheit bei einem sich so dynamisch entwickelnden Sport.
Die Tour de France Femmes hat sich erst in den vergangenen Jahren zum wichtigsten Etappenrennen im Frauenradsport entwickelt. Obwohl sie in ihrer aktuellen Form erst zum vierten Mal stattfindet, wird sie dem Veranstalter zufolge in 190 Länder übertragen. 2024 habe sie allein in Frankreich fast 17 Millionen TV-Zuschauer erreicht. Bei den Männern waren es zwar etwa 40 Millionen, doch andere Frauenrennen sind von solchen Dimensionen weit entfernt.
Durch die Aufmerksamkeit hat die Tour den wesentlich älteren Giro d’Italia Women als Saisonhöhepunkt verdrängt. Die italienische Rundfahrt beginnt traditionell wenige Wochen vor der Tour. Immer mehr Fahrerinnen richten ihre Saison allerdings auf das französische Rennen aus. Weil sie deshalb in Italien entweder gar nicht oder nur zur Vorbereitung vorbeischauen, weicht der italienische Veranstalter nun von der Tradition ab. Im kommenden Jahr beginnt der Giro bereits Ende Mai.
Der Straßenradsport der Frauen wirkt wie in einer Wachstumsphase, wie sich an der Tour de France Femmes erahnen lässt: mehr Etappen, mehr Höhenmeter, mehr Aufmerksamkeit. Das passt zumindest zu Beobachtungen in den Tagen der Tour de France der Männer auf den großen französischen Gebirgspässen. Ganz anders als etwa noch vor zehn Jahren tummeln sich zwischen dem Col du Tourmalet und L’Alpe d’Huez immer mehr Frauen in voller Radmontur auf nagelneuen Rennrädern.


