4:3-Spektakel "Es ist grausam"

Pep Guardiola tröstet Ilkay Gündogan.

(Foto: Getty Images)
  • In einem absurden Spiel scheitert Manchester City erneut in der Champions League.
  • In der Nachspielzeit erkennt der Videoschiedsrichter korrekt eine Abseitsstellung von Sergio Agüero - was sein Tor und Citys Weiterkommen verhindert.
  • Pep Guardiola jubelt zunächst wie nie in seinem Trainerleben - um dann auf dem Rasen zusammenzubrechen.
Von Sven Haist, Manchester

Weil alle dachten, das Tor würde zählen und deswegen Manchester City im Halbfinale der Champions League stehen, spielten sich Szenen ab im Stadion, die nur glaubt, wer sie mit eigenen Augen gesehen hat. Außer sich vor Freude fielen die Citizens in der dritten Minute der Nachspielzeit über Torschütze Raheem Sterling her. Auf den Tribünen kannten die Fans in ihrer Ekstase kein Halten mehr und fühlten sich an den Gewinn der englischen Meisterschaft vor sieben Jahren erinnert, als Sergio Agüero mit einem Tor unmittelbar vor Abpfiff den verloren geglaubten Titel für den Klub zurückholte.

Selbst das war jedoch nichts im Vergleich zum emotionalen Ausbruch des Pep Guardiola am Mittwoch. Mit dem Gesicht zu den Zuschauern sowie den Fäusten in der Luft sprang Guardiola nach dem vermeintlichen Treffer die Seitenlinie hoch und runter, wie ihn bisher als Trainer nie jemand erlebt hat (und wahrscheinlich auch nicht mehr erleben wird). In der Vermutung, das eigene Trauma, in der Königsklasse frühzeitig zu scheitern, überwunden zu haben. Dagegen riss sich aus Enttäuschung sein argentinischer Kollege Mauricio Pochettino von Tottenham Hotspur nacheinander das Jackett und den Pullover vom Leib. Auf dem Spielfeld lagen die Spurs darnieder, einer neben dem anderen, als wäre für sie hier das Ende der Welt. Was es gefühlt gewesen wäre, wenn das Tor für City gezählt hätte.

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Aber das Tor zählte nicht. Mit dem linken Fuß hielt sich Agüero vor seinem Pass zu Sterling im Abseits auf, was Schiedsrichter Cüneyt Cakir vom Videoassistenten zugerufen bekam. Zwischen dem Treffer und seiner Aberkennung lagen eine Minute und acht Sekunden - in denen es für City aus dem Fußballhimmel in die Fußballhölle ging und für Tottenham genau anders herum. Fertig mit dem Schicksal sank Guardiola an Ort und Stelle in sich zusammen. In den mutmaßlich fürchterlichsten Sequenzen seines Trainerdaseins, die man nicht mal seinem schlimmsten Feind wünschen würde, hielt er sich knieend die Hände über den Kopf. Von einer Sekunde auf die andere wurde für ihn und die Citizens alles zu nichts und noch weniger. Keiner wusste damit umzugehen - wer hat mit solcher Scheußlichkeit schon Erfahrung? Die folgenden verzweifelten Restangriffe, um doch noch das Tor zur nächsten Runde zu erzwingen, wehrten die Spurs mit letzter Kraft ab und schafften den Ball an die gegnerische Eckfahne.

Später Jubel historischer Spurs

Erst jetzt, nach 96 Minuten, war das Spiel aus und nicht Manchester City, sondern Tottenham Hotspur im Halbfinale der Champions League. Mit zum Himmel gerichteten Händen bejubelte Pochettino im Beisein des Trainerteams das Weiterkommen, als wäre das bereits einhergehend mit dem Finalsieg in der Königsklasse. Seit 1962 hatte Tottenham nicht mehr den Status der vier besten Vereine in diesem Wettbewerb erreicht und das ließ sich nun den Feierlichkeiten entnehmen. "Wir haben Geschichte geschrieben. Meine Spieler sind Helden. Ich bin so stolz", sagte Pochettino.

Aus der Euphorie heraus sprang Heung-Min Son seinem Coach auf die Schultern, der Arm in Arm mit seinen Spielern später vor den Fans zu tanzen anfing. Als Pochettino auf die Ehrentribüne zum Vereinsvorsitzenden Daniel Levy hochsah, legte er eine weitere Jubelarie ein. Zu diesem Zeitpunkt hatte Guardiola seine Sachen längst gepackt. Mit der Jacke im Arm lief er einsam und fast wie in Trance nach Abpfiff zum Schiedsrichter und wieder zurück. Kurz vor dem Ausgang machte er eine Kehrtwende, um schnell Bernardo Silva und den weinenden Ilkay Gündogan zu trösten. "Es ist grausam, aber es ist, wie es ist. Wir müssen das so akzeptieren", sagte Guardiola auf der Pressekonferenz.

Wer dachte, im Fußball alles gesehen zu haben, ist in Manchester mal wieder eines Besseren belehrt worden. Das wahnsinnige 4:3 für City gegen Tottenham, das dem englischen Meister nach dem 0:1 im Hinspiel aufgrund der Auswärtstorregel nicht genügte für die Hürde des englischen Viertelfinals, wird als eines der dramatischten Spiele in die Historie der Champions League eingehen. Sechs Mal änderte sich allein das Weiterkommen - Tottenham, Unentschieden, Tottenham, City, Tottenham, City, Tottenham - während der Partie. Nach dem Doppelschlag durch Son (7./10.), der den Führungstreffer von Sterling in der vierten Minute konterte, mussten die Citizens mindestens drei Tore schießen, um die Hoheit über das Duell zurückzuerlangen - und tatsächlich schossen sie diese drei Tore in Person von Bernardo Silva (11.), Sterling (21.) und Agüero (59.). Vier Tore in elf Minuten beziehungsweise fünf Tore in 21 Minuten hatte bis dahin keine Begegnung in der Champions League zustande gebracht. "Das ganze Spiel war eine Achterbahnfahrt. Da waren Tore, Tore, Tore, Tore und Drama überall. Gott sei Dank war der Treffer letztlich Abseits", sagte Tottenhams Christian Eriksen.

Guardiola wird wieder für defensive Ausrichtung bestraft

Als die Spurs nach dem vergebenen Vorsprung den Eindruck vermittelten, nicht mehr in der Lage zu sein, sich selbst helfen zu können, gab ihnen Guardiola den Glauben zurück. Statt dass City auf ein fünftes Tor zugespielt hätte, überkam Guardiola die Panik vor einem Gegentor. Mit der Einwechslung des angeschlagenen Fernandinho sicherte er lieber die Abwehr ab und brachte sein Team damit ins Nachdenken (63.). Prompt fiel kurz darauf der spielentscheidende Treffer durch Fernando Llorente nach einem Eckball (73.).

Diese Maßnahme reiht sich ein in sein Coaching der bisher entscheidenden Spiele der Saison, in denen Guardiola gegen seine eigentliche Denkweise die Defensive über die Offensive stellte. Zurück führt das wohl auf die Viertelfinalauseinandersetzung mit dem FC Liverpool im Vorjahr der Champions League. Mit einer überriskanten Strategie leitete der katalanische Ballbesitzprediger beim 0:3 im Hinspiel das Aus ein. Diesen Fehler wollte er wohl jetzt unbedingt vermeiden - und hat dabei den nächsten begangen.

Durch das erneut vorzeitige Scheitern hat es Pep Guardiola seit seinen beiden Triumphen mit dem FC Barcelona 2009 und 2011 nicht mehr ins Finale der Champions League geschafft. Dabei hat Manchester City ihn im Sommer 2016 hauptsächlich für dieses Ziel engagiert. Weder der Verein noch seine Spieler (bis auf Ersatztorwart Claudio Bravo und Ersatzverteidiger Danilo) haben den Henkelpokal gewonnen. Dass das mit Guardiola noch gelingt, steht mehr denn je in Frage.

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