Süddeutsche Zeitung

Christoph Kramer im DFB-Team:Vom Komparsen zum WM-Kandidaten

Sami Khedira und Bastian Schweinsteiger suchen ihre Form, Lars Bender ist abgereist. Wie bekommt Bundestrainer Joachim Löw die Zentrale vor der Abwehr dicht? Da empfiehlt sich einer, den niemand auf der Rechnung hatte.

Von Philipp Selldorf, St. Leonhard

Am Samstag kamen Marco Reus und Mario Götze zur täglichen Pressekonferenz im Trainingslager. Beide wirkten frisch und ausgeruht, obwohl sie eben noch angeblich "sehr hart" (Reus) trainiert hatten. Reus sah wie immer aus, als hätte er ein paar Minuten zuvor seinen wahrscheinlich ganz schön durchgeknallten Friseur verabschiedet; Götze, als ob er stundenlang von einer Kosmetikerin präpariert worden wäre. Außerdem trugen sie die gleichen Ohrringe. Soweit die interessanten Erkenntnisse.

Ansonsten waren sich Götze und Reus, von DFB-Medienchef Jens Grittner als "die Unzertrennlichen" angekündigt, auf brüderliche Weise einig, dass sie nicht viel mitzuteilen hätten. Sagte der Eine etwas Nichtiges, fügte der Andere hinzu: "Das sehe ich genauso." Die wichtigste Botschaft, die derzeit von ihnen ausgeht, ist, dass sie gesund sind - was bereits ein erheblicher Vorzug ist, weil man das ja nicht von allen deutschen WM-Hoffnungen sagen kann.

Götze und Reus sind typische Fälle der neuen Generation von Profis: Im Fußball aufgewachsen und in sehr jungen Jahren berühmt und reich geworden. Beide werden als Markenartikel gehandelt, den Umgang mit der Öffentlichkeit meistern sie dadurch, dass sie sich der Öffentlichkeit so gut es geht entziehen. Selbst wenn sie, wie am Samstag in St. Leonhard, zur Nation reden, sind sie eigentlich nicht da.

In solchen Belangen hat der DFB-Neuling Christoph Kramer, 23, noch einiges zu lernen, noch hat er sich die Neugier nicht abgewöhnt. Womöglich wird er sie sogar als Nationalspieler nicht verlieren.

Wenn die Leute von Borussia Mönchengladbach über ihn reden, fällt ihnen so ziemlich als Erstes ein, dass Kramer eine "ungewöhnliche, interessante" Erscheinung sei, unter anderem, weil er etwas recht Gewöhnliches macht: Er schreibt Tagebuch. Das Ungewöhnliche daran ist, dass er seit seiner Jugend Tagebuch über seine eigenen Fußballspiele führt, in dieser Saison waren das 33 Bundesligaspiele mit Mönchengladbach sowie eine Partie im DFB-Pokal - und neulich ein Länderspiel gegen Polen.

"Der sieht hier die Chance seines Lebens"

Dass ihn Joachim Löw zu diesem Anlass hinzu bat, hatte selbst die Fachleute in seinem Klub überrascht. Kramer sowieso. Er gab bekannt, dass es ihm genügen würde, "vielleicht eine Sekunde zu spielen", und dass er diese Sekunde als "absoluten Bonus zu einer grandiosen Saison" betrachten werde, bevor er dann in den Urlaub aufbreche - "weil alles andere ist ja Quatsch". Gemeint war die WM in Brasilien. In der Saison zuvor hat Kramer noch beim VfL Bochum in der zweiten Liga gespielt - an der Seite des heutigen Schalkers Leon Goretzka, der sich inzwischen ebenfalls A-Nationalspieler nennen darf.

Was in Mönchengladbach sonst noch über Kramer erzählt wird, hat zunächst auch nichts mit seinem Spiel zu tun, sondern mit seinen menschlichen Eigenschaften. Sehr aufgeweckt, sehr hell, sehr angenehm, so schwärmen sie dort, und das gleiche sagen sie jetzt in Südtirol beim Nationalteam: Dass Kramer "sehr klar im Kopf" sei und sich "sehr gut einbringt - der sieht hier die Chance seines Lebens".

Dauerläufer mit Helfer-Syndrom

Womöglich stimmt das ja. Kramers späte Einladung ins Trainingsquartier haben Kritiker als Beleg für die zaudernde Art des Bundestrainers gewertet. Zunächst war der Gladbacher nur als Komparse für den seltsamen Test gegen Polen eingeplant, bei dem der 20-jährige Julian Draxler als dienstältester Nationalspieler zum Kapitän befördert wurde. Nach der Partie entschied Löw spontan, Kramer mit nach Südtirol zu nehmen. Diese Spontanität deuteten Kritiker als Orientierungslosigkeit.

Nun könnte Löw, wenn er wollte, die Kritiker zurückkritisieren. Denn auch die Kritiker leugnen jetzt nicht mehr, dass Kramers Anwesenheit nach Lars Benders verletzungsbedingter Heimreise (Oberschenkelblessur, drei Monate Pause) einen Sinn ergibt. Auch der aktuelle Zustand der arrivierten Mittelfeld-Koryphäen Schweinsteiger und Khedira ist weiterhin nicht geeignet, Kummer und Sorgen zu vertreiben.

Über Bastian Schweinsteiger, 29, sagte Löws Assistent Hansi Flick am Wochenende, er solle "bald" vom Einzel- ins Mannschaftstraining wechseln. Das klingt nach einer irischen Wettervorhersage: Entweder es regnet oder die Sonne scheint oder nichts davon. Sami Khedira, 27, ist zwar seit Samstagabend Europameister mit Real Madrid, aber sein Auftritt in Lissabon bis zur Auswechslung in der 59. Minute war nicht von Eleganz und Leichtigkeit geprägt, nicht mal von Wucht und Effizienz. Was wahrlich nicht verwerflich ist nach einem halben Jahr Verletzungspause wegen einer Kreuzband-Operation. Khedira versichert aber, er werde noch in die WM-Form finden, Löw möchte ihm gern glauben.

Eine zentrale Frage ist derzeit, wie Löw seine Zentrale dicht bekommt. Deutsche Teams waren historisch bei Turnieren immer dann stark, wenn sie stabil standen, so beim WM-Gewinn 1990 um den Stuttgarter Guido Buchwald oder beim EM-Sieg 1996 mit dem selbstlosen Bremer Dieter Eilts. Auch der aktuelle Kader bietet weitere Lösungen, sollten Schweinsteiger und Khedira der WM-Form fern bleiben. Beispielsweise, dass der Dortmunder Mats Hummels auf die "6" vorgezogen würde, er hat das früher häufiger gespielt und hätte die Autorität dazu. In allen Erwägungen aber spielt nun auch Kramer eine Rolle.

Interessante Klauseln

Er ist gesund und fit, sogar mehr als das: Sein Trainer Lucien Favre bezeichnet ihn als "Maschine", wenn Lars Bender als superfleißig gilt, dann muss Kramer als super-superfleißig gelten. Er steht in der Garde der Bundesliga-Dauerläufer an der Spitze, durchschnittlich 13 Kilometer ist er pro Spiel unterwegs, so viel schafft keiner.

Kramer erklärt das mit einer Art Helfer-Syndrom: "Vom Naturell her bin ich ein Spieler, der versucht, überall zu helfen." Hin und wieder, heißt es bei der Borussia, würden ein paar Meter weniger seiner Effektivität nicht schaden. Von Kramer dürfe man kaum Tore (in der Liga waren es drei) und wohl auch kaum Vorlagen, dafür aber auch keine Fehler erwarten. Favre sieht noch jede Menge Steigerungs-Potential.

Als Nationalspieler ist Kramer auf dem Handelsmarkt zwar nicht so wertvoll wie Reus und Götze, aber wertvoller als vorher. Die Borussia beschäftigt ihn als Leihgabe von Bayer Leverkusen, eine vorzeitige Rückkehr sieht der Vertrag nicht vor. Im kommenden Sommer besitzt Gladbach dann ein Vorkaufsrecht, falls Bayer für Kramer keine Verwendung im eigenen Team haben sollte. Was diese Klausel wert ist, könnte sich schon in Brasilien zeigen.

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SZ vom 26.05.2014/jkn
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