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Christoph Kramer im DFB-Team:Dauerläufer mit Helfer-Syndrom

Womöglich stimmt das ja. Kramers späte Einladung ins Trainingsquartier haben Kritiker als Beleg für die zaudernde Art des Bundestrainers gewertet. Zunächst war der Gladbacher nur als Komparse für den seltsamen Test gegen Polen eingeplant, bei dem der 20-jährige Julian Draxler als dienstältester Nationalspieler zum Kapitän befördert wurde. Nach der Partie entschied Löw spontan, Kramer mit nach Südtirol zu nehmen. Diese Spontanität deuteten Kritiker als Orientierungslosigkeit.

Nun könnte Löw, wenn er wollte, die Kritiker zurückkritisieren. Denn auch die Kritiker leugnen jetzt nicht mehr, dass Kramers Anwesenheit nach Lars Benders verletzungsbedingter Heimreise (Oberschenkelblessur, drei Monate Pause) einen Sinn ergibt. Auch der aktuelle Zustand der arrivierten Mittelfeld-Koryphäen Schweinsteiger und Khedira ist weiterhin nicht geeignet, Kummer und Sorgen zu vertreiben.

Über Bastian Schweinsteiger, 29, sagte Löws Assistent Hansi Flick am Wochenende, er solle "bald" vom Einzel- ins Mannschaftstraining wechseln. Das klingt nach einer irischen Wettervorhersage: Entweder es regnet oder die Sonne scheint oder nichts davon. Sami Khedira, 27, ist zwar seit Samstagabend Europameister mit Real Madrid, aber sein Auftritt in Lissabon bis zur Auswechslung in der 59. Minute war nicht von Eleganz und Leichtigkeit geprägt, nicht mal von Wucht und Effizienz. Was wahrlich nicht verwerflich ist nach einem halben Jahr Verletzungspause wegen einer Kreuzband-Operation. Khedira versichert aber, er werde noch in die WM-Form finden, Löw möchte ihm gern glauben.

Eine zentrale Frage ist derzeit, wie Löw seine Zentrale dicht bekommt. Deutsche Teams waren historisch bei Turnieren immer dann stark, wenn sie stabil standen, so beim WM-Gewinn 1990 um den Stuttgarter Guido Buchwald oder beim EM-Sieg 1996 mit dem selbstlosen Bremer Dieter Eilts. Auch der aktuelle Kader bietet weitere Lösungen, sollten Schweinsteiger und Khedira der WM-Form fern bleiben. Beispielsweise, dass der Dortmunder Mats Hummels auf die "6" vorgezogen würde, er hat das früher häufiger gespielt und hätte die Autorität dazu. In allen Erwägungen aber spielt nun auch Kramer eine Rolle.

Interessante Klauseln

Er ist gesund und fit, sogar mehr als das: Sein Trainer Lucien Favre bezeichnet ihn als "Maschine", wenn Lars Bender als superfleißig gilt, dann muss Kramer als super-superfleißig gelten. Er steht in der Garde der Bundesliga-Dauerläufer an der Spitze, durchschnittlich 13 Kilometer ist er pro Spiel unterwegs, so viel schafft keiner.

Kramer erklärt das mit einer Art Helfer-Syndrom: "Vom Naturell her bin ich ein Spieler, der versucht, überall zu helfen." Hin und wieder, heißt es bei der Borussia, würden ein paar Meter weniger seiner Effektivität nicht schaden. Von Kramer dürfe man kaum Tore (in der Liga waren es drei) und wohl auch kaum Vorlagen, dafür aber auch keine Fehler erwarten. Favre sieht noch jede Menge Steigerungs-Potential.

Als Nationalspieler ist Kramer auf dem Handelsmarkt zwar nicht so wertvoll wie Reus und Götze, aber wertvoller als vorher. Die Borussia beschäftigt ihn als Leihgabe von Bayer Leverkusen, eine vorzeitige Rückkehr sieht der Vertrag nicht vor. Im kommenden Sommer besitzt Gladbach dann ein Vorkaufsrecht, falls Bayer für Kramer keine Verwendung im eigenen Team haben sollte. Was diese Klausel wert ist, könnte sich schon in Brasilien zeigen.

© SZ vom 26.05.2014/jkn

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