Zwei kleine Kätzchen adoptieren. Mit der Frau zum Oasis-Konzert ins Wembley-Stadion. Danach entspannt in Schottland urlauben. Das alles klingt ganz danach, als ob da ein gestresster Manager endlich beginnt, sein Leben zu leben. Leisten könnte er es sich ja, mit seinen kolportierten 60 Millionen Euro Abfindung. Doch dieser Traum muss auch ein Albtraum sein, jedenfalls wenn man Christian Edward Johnston Horner heißt und sich vom jüngsten Teamchef der Formel 1 zum Weltmeistermacher emporgearbeitet und manchmal auch nach vorn geboxt hat. Motorsport war sein Leben, ist es immer noch, soll es wieder sein. Full-time.
Seit einem Vierteljahr ist er jetzt unfreiwillig raus aus der Königsklasse, das Rennen seiner Anwälte gegen den Getränkekonzern Red Bull ist gelaufen, es könnte Ruhe herrschen. Doch auch beim Großen Preis der USA in Austin an diesem Wochenende wabert Horners Geist durch das Fahrerlager, begleitet von einer Menge an Gerüchten. Im Prinzip eine Stimmungslage, wie er selbst sie mag, der die Verunsicherung anderer häufig für sich nutzen konnte. Doch die beliebten Small-Talk-Themen, ob, wann und wie der ehemalige Rennstallboss zurückkommen könnte, sind nicht wirklich eindeutig einzuordnen: ist Christian Horner tatsächlich dick im Gespräch – oder macht er sich zum Gespött?

Formel 1:McLaren ist gefangen im eigenen Ehrenkodex
Der britische Formel-1-Rennstall verteidigt vorzeitig den Titel in der Konstrukteurs-WM, doch die Fehde zwischen den beiden Fahrern nimmt zu. Werden Oscar Piastri und Lando Norris wirklich die gleichen Chancen eingeräumt?
Nicht die angebliche Affäre mit einer Assistentin und die anschließend eingestellten internen Ermittlungen wegen unangemessenen Verhaltens haben ihn mit Verzug den Job gekostet. Auch waren es nicht die sportliche Talfahrt oder der Verlust wichtiger Führungskräfte wie Designguru Adrian Newey (zu Aston Martin) und Jonathan Wheatley (zu Audi). Am Ende war es wohl Horners Gier nach noch mehr Macht bei Red Bull Racing, die ihn in der Konzernzentrale in Fuschl am See endgültig hat in Ungnade fallen lassen.
Es ist das Schicksal vieler leitender Angestellter im Wirtschaftsleben, die gern mehr vom Kuchen abbekommen würden und eine Unternehmensbeteiligung anstreben. Im Falle Horner kommt dazu, dass sein Erzfeind Toto Wolff genau diesen Status hat, dem Österreicher gehört der Mercedes-Rennstall zu einem Drittel. Es war seine Bedingung gewesen, den Job überhaupt anzutreten, Wolff taugt nicht zum Angestellten.
Horner scheint auch nach acht Fahrer- und sechs Konstrukteurstiteln noch eine Rechnung mit der Formel 1 offen zu haben
Christian Horner hat jetzt Zeit und Geld, eine ähnliche Strategie für seine Rückkehr zu planen. Allerdings hat der globale Boom der Formel 1 dafür gesorgt, dass die Teams zwischen einer und vier Milliarden US-Dollar wert sind, da würde selbst die großzügigste Abfindung schnell verpuffen, bei der Mehrzahl der Rennställe sind die Finanzen ohnehin gefestigt. Auch die CEO-Posten, die ob des Aufstiegs in der Hierarchie notfalls in Betracht kommen würden, sind derzeit besetzt. Die Teambesitzer werden zudem auch abwägen zwischen Horners unbestreitbarer Erfahrung und seinem großen Ego.
Mit seinem Zynismus gegenüber vielen in der Formel 1 hat sich der 51-Jährige wenige Freunde gemacht. McLaren-Statthalter Zak Brown sprach nach der Demission des Gegners sogar davon, dass im Fahrerlager jetzt eine gesündere Atmosphäre herrsche. Allerdings wird Horners Charakter bei Netflix nach der neuen Staffel von Drive to survive schmerzlich vermisst werden, kaum ein anderer polarisiert wie er. Unerreicht ist die Szene, wie er den für seine Kinder bestellten Weihnachtsmann vor der Bescherung im eigenen Haus einnordete. Der Nikolaus fragte dann trotzdem tapfer: „War Papa auch schön brav in diesem Jahr?“
Probiert, irgendwo unterzukommen, hat es Christian Horner trotzdem – er scheint auch nach acht Fahrer- und sechs Konstrukteurstiteln noch eine Rechnung mit der Formel 1 offen zu haben. Ayao Komatsu, der Teamchef von Haas F1, hatte als Erster davon berichtet, dass Horner vorgesprochen habe. Der US-Rennstall aber plant bereits eine mögliche Zukunft als Toyota-Werksteam, weshalb die Sondierungsgespräche nicht vorangingen: „Die Sache ist beendet.“ Andy Cowell, CEO bei Aston Martin, erzählt, dass der Name Horner zwar Thema in der Vorstandsetage gewesen, jedoch ebenso schnell vom Tisch gewesen sei: „Sieht so aus, als rufe Christian gerade so ziemlich jeden Rennstallbesitzer an.“ Der Ingenieur guckt dabei eher mitleidig.
Möglicherweise kehrt Horner als Speerspitze eines Konsortiums von Investoren in die Formel 1 zurück
Aber ganz sicher, ob Horner plötzlich auftaucht, ist sich eben doch nicht jeder. Schon meldet die Daily Mail, dass Ferrari daran denke, den bislang glücklosen Prinzipal Fred Vasseur durch Horner zu ersetzen, Firmenchef John Elkann habe zumindest eine entsprechende Drohkulisse aufgebaut. Das Dementi aus Italien folgte auf dem Fuß. Auch Steve Nielsen, der gerade erst von Flavio Briatore eingesetzte Teamchef von Alpine, versucht sich unbeeindruckt zu geben: „Flavio und Christian sind alte Kumpel. Keine Ahnung, über was sie alles reden. Aber so viel ich weiß, stimmt es nicht, dass er zu uns kommt.“ Dann lässt der erfahrene Sportsmann noch einen verräterischen Nachsatz fallen: „Es muss allerdings nicht bedeuten, dass es nicht passieren kann. Das ist schließlich immer noch die Formel 1.“
Die New York Times hält eine Rückkehr Christian Horners sogar für „unausweichlich“. Auch der große Rivale Toto Wolff gestand jüngst: „Es ist doch klar, dass man, wenn jemand wie er weg ist, denkt: Der muss doch zurückkommen! Aber diese Welt dreht sich so schnell weiter wie ein Hamsterrad. Dennoch halte ich es für wahrscheinlich, das sagt mir mein Gefühl. Aber wo, wie und wann?“ Möglicherweise als Speerspitze eines Konsortiums von Investoren, die sich irgendwo einkaufen oder sich auf eigene Rechnung gleich um den zwölften und letzten freien Startplatz bemühen. Horner ist Trauzeuge von Bernie Ecclestone, 94, und der Zampano zieht im Hintergrund immer noch kräftig Strippen. Doch ein neuer Rennstall bräuchte nach allen finanziellen und technischen Hürden auch die Zustimmung aller anderen Teams und zusätzliche Abstandszahlungen.
Der Cadillac-Rennstall, der ab 2026 an den Start geht und dringend Personal braucht, hat keinerlei Interesse an Christian Horner, wie der als CEO fungierende Milliardär Dan Towriss bestätigte. Das hat auch einen sehr persönlichen Grund. Fiona Hewitson, Horners ehemals rechte Hand, hat nach dem Skandal und einer offenbar sehr ordentlichen Abfindung beim US-Rennstall einen neuen Job angenommen – als Assistentin der Geschäftsleitung. Ihr Comeback jedenfalls scheint gelungen.

