Dänischer Fußballer:Eriksen glaubt ans zweite Profileben

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Dänischer Fußballer: Christian Eriksen.

Christian Eriksen.

(Foto: Tim Goode/imago)

Christian Eriksen überlebte bei der EM einen Herzstillstand. Nun erzählt der Däne erstmals von der Zeit danach - und von seinen Plänen für die Zukunft.

Von Thomas Hürner

Ein Klischee besagt, der permanente Gemütszustand von Skandinaviern bewege sich zwischen cool und unterkühlt. Aber stimmt das auch? Der Fußballer Christian Eriksen hatte in einem am Samstag ausgestrahlten Interview jedenfalls die Möglichkeit, diese Legende zu entkräften. Er hätte auf die Tränendrüse drücken, über Glück im Unglück philosophieren und sein Schicksal als göttliche Fügung inszenieren können.

Und was macht Eriksen? Sagt stattdessen, es habe ihn "ein bisschen genervt", dass es keinerlei Anzeichen gegeben hatte für das, was ihm am 12. Juni 2021 im Kopenhagener Parken-Stadion widerfuhr. Die Bilder gingen um die Welt: Eriksen, der Star des dänischen Nationalteams, bricht auf einmal zusammen, mitten auf dem Platz. Kameras filmen seinen regungslosen Körper, die Wiederbelebungsversuche, die Schockstarre unter den Spielern, die Tränen auf der Tribüne.

Nun hat Eriksen, 29, zum ersten Mal öffentlich über diesen Tag gesprochen, in einem ausgeruhten Gespräch beim dänischen Fernsehsender DR1. Eine halbe Stunde dauert das Interview des Journalisten Andreas Kraul, es gewährt Einblicke in die Zeit nach dem plötzlichen Herzkollaps, es geht um Eriksens Pläne für die Zukunft - und es bleibt, so ist eben das Naturell des Spielmachers, im besten Sinne nüchtern und frei von Effekthascherei.

"Ich erinnere mich an alles", sagt Eriksen, "außer an die Minuten, in denen ich quasi im Himmel war"

Vor dem Spiel sei alles wie immer gewesen, erzählt Eriksen. Die Anspannung, das Adrenalin, "ich habe mich großartig gefühlt". Er erinnere sich noch an den Einwurf, an den Kontakt mit dem Ball, seinen Rückpass mit dem Schienbein. Dann habe er einen Krampf in der Wade gespürt und sei ohnmächtig geworden. "Ich erinnere mich an alles", sagt Eriksen, "außer an die Minuten, in denen ich quasi im Himmel war." Er wacht wieder auf, als er schon auf der Trage liegt, verdeckt von weißen Tüchern, die ihn vor den Blicken des Publikums schützen sollen. Im Krankenwagen bekommt er mit, dass der Teamarzt gefragt wurde, wie lange er weg gewesen sei. Es habe sich angefühlt, als sei er aus einem Traum aufgewacht, nur dass es keine Erinnerungen an diesen Traum gebe. "Ich war weit weg", sagt Eriksen.

Die Ärzte implantierten ihm einen Defibrillator, er soll das Herz reanimieren, wenn es wieder aufhören sollte zu schlagen. In Italien ist es Profifußballern untersagt, mit dieser Gerätschaft aufzulaufen, weshalb sein Vertrag mit Inter Mailand am Ende des vergangenen Jahres aufgelöst worden war - in beidseitigem Einvernehmen. Eriksen verzichtete auf seine Ansprüche gegenüber dem Klub, bei dem er mit einem Netto-Gehalt von etwa 7,5 Millionen Euro zu den Spitzenverdienern gehörte. In anderen Ländern ist eine Fortsetzung der Karriere auch mit Defibrillator möglich, etwa in den Niederlanden oder in England. Derzeit hält sich Eriksen bei seinem Jugendverein in Odense fit und hofft auf Angebote, damit er vielleicht doch noch seinen "Traum" verwirklichen kann: die WM 2022 in Katar. "Ich kann es schaffen", glaubt der Däne.

An ein Comeback glaubt offenbar auch Antonio Conte, der Trainer der Tottenham Hotspur. "Es ist großartig, dass er wieder Fußball spielen darf", sagte der Italiener neulich. Seine Tür stehe "immer offen" für Eriksen. In der Theorie gäbe es wohl keine bessere Konstellation, um erste Gehversuche in eine zweite Profikarriere zu wagen: Eriksen und Conte feierten in der vergangenen Saison die italienische Meisterschaft mit Inter, bei Tottenham hatte der Mittelfeldmann zuvor sieben Jahre unter Vertrag gestanden. Eriksen war in dieser Zeit der beste Torvorbereiter der Premier League und Publikumsliebling der Spurs-Fans.

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