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Winterspiele 2022 in Peking:Chinas großes Ski-Casting

Heute Schneepflug, übermorgen Olympia? Chinesische Sportler sollen in Garmisch-Partenkirchen ein halbes Sportlerleben aufholen und sich für die Winterspiele 2022 empfehlen.

(Foto: Peter Kornatz)

In Peking 2022 will China eine Weltmacht werden - auf Schnee. Ein Skilehrer aus Garmisch soll helfen, den Skisport zu verstehen. Unterwegs mit Athleten, die zu Medaillenhoffnungen gedrillt werden - und zum ersten Mal auf Skiern stehen.

Das Geräusch, das Michael Brunner braucht, erinnert an eine Holzstange, die gegen eine Heizung kracht: "Klonk". Wenn der Skitrainer das hört, weiß er, dass seine Chinesen die Slalom-Stangen touchieren und in den Schnee drücken. "Neun Wochen. Wie sie fahren. Wahnsinn", sagt er. Der Begriff "Wahnsinn" passt ganz gut für dieses Vorhaben. Brunner soll Turner, Fechter, Leichtathleten und Bogenschützen zu alpinen Skifahrern umschulen, die bei den Olympischen Winterspielen 2022 in Peking China repräsentieren können.

Ein nicht unerhebliches Problem dabei: das Skifahren. Denn hier, unter der Zugspitze in Garmisch-Partenkirchen, stehen sie zum ersten Mal an einem Berg auf Schnee. "Go!", ruft Brunner. Die Zeit drängt. Er hat nur noch drei Jahre.

Olympia soll "der Moral der Nation neuen Schub verleihen", so hat es Chinas Staatschef Xi Jinping einmal formuliert. Zuletzt aber hat das nicht so funktioniert, nur eine Goldmedaille gab es bei den Winterspielen 2018, für China war das nicht nur sportlich ein Reinfall. "Es gibt Schwermütigkeit und Bedauern über die Ergebnisse", sagte Freestyler Jia Zongyang damals, der immerhin Silber auf der Schanze gewann. "Auf Eis weisen unsere Athleten gute Leistungen auf, aber in den Ski-Wettkämpfen hängen sie hinterher", wird Xi Jinping zitiert. Das passt nicht zum Selbstverständnis Chinas. 2022 aber sind Heimspiele, da soll die Welt Zeuge werden, dass die Nation es geschafft hat, sich im Sport neu zu erfinden. Vom Skianfängerland zur Wintersportnation. Koste es, was es wolle.

Brunner lässt die Kandidaten sprinten, laufen, balancieren

Deshalb begann nach dem Pyeongchang-Debakel eine landesweite Fahndung nach Talenten, in Turnhallen, auf Sportplätzen, in Klöstern. Sogar in einem Shaolin-Tempel wurde gesucht, warum sollten sich nicht auch aus Mönchen schnelle Skifahrer machen lassen? Die in China für Sport zuständige Verwaltung erklärte, dass durch die Fahndung "der Talentpool für Eis- und Schneesportarten angereichert" werden solle. Und hier kam Michael Brunner ins Spiel, der Betreiber einer Skischule in Garmisch-Partenkirchen. Im August 2018 flog Brunner nach China, er reiste an die Enden des riesigen Landes: Nach Nanning, in die "Grüne Stadt", in der es niemals schneit, nahe der Grenze zu Vietnam. Und nach Kaschgar, eine Oasenstadt am Rand der Taklamakan-Wüste, einst Knotenpunkt der Seidenstraße. Dort führte er ein riesiges Casting durch. Gesucht: Chinas next Wintersportler.

China Ski Michael Brunner

"Ich mag Herausforderungen": Michael Brunner soll chinesische Skianfänger binnen drei Jahren fit für Olympia machen.

(Foto: Thomas Gröbner)

500 Sportler wurden ihm präsentiert. Er hatte einen speziellen alpinen Eignungstest entwickelt, nun ließ er die Kandidaten sprinten, laufen, balancieren. "Ich weiß ja schon, worauf es ankommt", sagt Brunner. Athleten mit X-Beinen hatten keine Chance - das Risiko eines Kreuzbandrisses sei zu hoch. Am Ende blieben 35 übrig. Die ersten kamen im Dezember nach Garmisch.

An einem kalten Februarmorgen kramt Brunner in seinen Taschen nach einem Zettel, ohne den das Projekt nicht funktionieren würde. Sein Spickzettel, dreimal gefaltet, darauf die Gesichter, darunter die Namen. Guo Qing, 17, Zahnspange, Mittelscheitel und Andy-Warhol-T-Shirt, ist einer von ihnen. Er sei in China einer der schnellsten 100-Meter-Läufer seiner Altersklasse, stellt sich Guo Qing vor. "Ein Lausbub", sagt Brunner, "aber sehr talentiert." Er lässt die Kandidaten einzeln vorfahren, die Dolmetscherin zeigt ihm auf dem Zettel, wer sich da gerade um die Stangen schlängelt. Brunner macht sich Notizen, bald muss er entscheiden, wer in Garmisch bleiben darf - und für wen der olympische Traum früh zu Ende geht. "Liebe Kinder sind das", sagt Brunner, "aber wer Angst hat, für den wird es schwer."

Chinas Trainingsmethoden sind berüchtigt, die Sportinternate für die Weltklasseturner sind als "Schulen der Schmerzen" bekannt. Der Drill beginnt bei den Kleinkindern. "Chi ku", "Bitternis essen", so lautet die traditionelle Formel zur Qual. Wer bei Olympia eine Medaille gewinnt, darf auf Wohlstand hoffen. Die Söhne und Töchter tragen die Hoffnungen ihrer Eltern, die oft alles dem Erfolg ihres Kindes unterordnen. Es ist eine klassische Aufsteigergeschichte in der chinesischen Version.

Über Michael Brunner schweben die Sessellifte, darüber hängt der graue Garmischer Himmel, der Schnee ist griffig. Die Olympia-Bewerber haben sich am Start aufgestellt, es wird gescherzt, gekichert, geschubst. Die Mädchen tragen Pink, die Jungen Blau, alle sind zwischen 14 und 18 Jahre alt. Erst einmal eine Technik-Schulung: Brunner geht in die Knie, wischt mit den Händen imaginäre Torstangen zur Seite. "Man muss es vormachen", sagt er, "gelernt wird auch visuell." Am Hang wird sich meist nur mit knappen Befehlen ("Go, go, go!") und kleinen Gesten verständigt. Falls Nachfragen bleiben, hilft später eine Übersetzungs-App auf dem Smartphone. Michael Brunner, 54, scheint das Bergklima konserviert zu haben. Braungebrannt, die Haare zum kurzen Zopf gebunden, er ginge auch für 45 durch. Früher war er selbst nah dran an der alpinen Weltspitze, mit Markus Wasmeier, Doppel-Olympiasieger 1994 in Lillehammer, zählte er zum Nationalteam. Doch mit 22 stürzte er schwer, renkte sich die Hüfte aus - das Karriereende war früh besiegelt.