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Chile feiert Vidal:Beifall für den Alkoholraser

Chile's Arturo Vidal waves ahead of the first round Copa America 2015 soccer match against Bolivia at the National Stadium in Santiago

Arturo Vidal: Verehrt vom Volk

(Foto: Ricardo Moraes/Reuters)
  • Mitten im Turnier fährt Arturo Vidal seinen Ferrari betrunken zu Schrott - und bekommt im ersten Spiel danach Applaus.
  • Die Chilenen feiern ihn bei der Copa América, die Staatspräsidentin macht Selfies.
  • Chiles Nationalcoach Sampaoli hat aus Vidals Totalschaden-Unfall eine Lehre gezogen.

Auch nach dem 5:0-Sieg Chiles gegen Bolivien war die Ferrari-Suff-Fahrt des Arturo Vidal noch allgegenwärtig. Es sei ganz und gar eine schwierige Woche gewesen, bekannte etwa der chilenische Mittelfeld-Veteran David Pizarro nach dem abschließenden Spiel der Gruppe A der Copa América und meinte damit: all die Debatten um den richtigen Umgang mit dem Kollegen Vidal.

Der Juventus-Turin-Profi hatte am Dienstag im trunkenen Zustand seinen neuen Ferrari zerlegt und war dabei dem Knast nur knapp entkommen. Seine vornehmste Rolle als ältester Spieler im Kader habe darin bestanden, die Hitze der Lage zu bekämpfen, sagte Pizarro, 35, vor den Medienvertretern im Nationalstadion von Santiago: "Ich habe vieeeeel, vieeeeel Eis dazu geben müssen." Da stutzte ein Reporter im Bauch des Nationalstadions von Santiago: Eis? "Aber jetzt nicht für die Drinks - oder?!?!", fragte der Berichterstatter mit gespieltem Kummer nach - und brachte den zuvor bierernsten Pizarro damit zum Lachen.

Pizarro, Mittelfeldspieler bei der Fiorentina, ließ selbstverständlich ein trockenes Nein folgen. Das heißt: Soweit man bei der mit zahlreichen Zirrhose-Kandidaten gespickten chilenischen Mannschaft in solchen Zusammenhängen tatsächlich noch von selbstverständlich reden kann.

Selfies mit dem Trunkenheitsfahrer

Der kurze Dialog in der Interview-Zone war so etwas wie der abschließende Beweis dafür, dass sich die Debatte rund um Vidal in Chile doch schneller beruhigt, als in den ersten Stunden nach dem alkoholschwangeren Crash zu vermuten war. Vidal war am Dienstag, seinem freien Tag, bei einem Grillfest seines Mitspielers Gery Medel gewesen; danach hielt er in einem Kasino, nahm nach eigenen Angaben zwei Drinks zu sich und verursachte bei massiv überhöhter Geschwindigkeit etwa 25 Kilometer vor Santiago einen schweren Auffahrunfall.

Dennoch ließ es sich die sozialistische Staatspräsidentin Michelle Bachelet alias "die Chefin" nicht nehmen, nach dem Kantersieg gegen die (übrigens peinlich schwachen) Bolivianer in der Kabine vorbeizuschauen und für Selfies zu posieren - unter anderem mit Arturo Vidal selbst. Der Juventus-Turin-Profi hatte zuvor schon die Zuneigung des ganz überwiegenden Teils des restlichen Publikums erfahren. Da hätte man vorher nicht darauf wetten müssen. Arturo Vidals Frau Maria Teresa, die beim Unfall auf dem Beifahrersitz saß und sich den Ellenbogen ausgekugelt hatte, saß ebenfalls auf der Tribune - mit Gipsarm.

Zwar hatte es eine Reihe von Umfragen gegeben, die den sogenannten "perdonazo", also die Mega-Vergebung durch Nationaltrainer Jorge Sampaoli, guthießen. Aber das Nationalstadion war mit Menschen aus der gehobenen Mittelschicht gefüllt. Die meisten Karten waren im Paket an Banken und Unternehmen verkauft worden. Die Firmen reichten die Tickets an verdiente Mitarbeiter gratis weiter; andere mussten sie bezahlen. In jedem Fall waren im Stadion White-Collar-Täter in der Überzahl, und diese zählen noch am ehesten zu den Menschen in Chile, die nicht fassen können, dass Vidals Crash weitgehend folgenlos blieb: Ihm wurde bislang nur der Führerschein entzogen, und er muss sich regelmäßig melden, im chilenischen Konsulat in Mailand.

Es gab im Stadion auch - sehr vereinzelt - Transparente, in denen Vidal für seine Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr gerügt wurde. Aber egal, ob beim Aufwärmen, seinem 45 Minuten-Auftritt oder seiner Rückkehr ins Stadioninnere, nachdem er sich zur Halbzeit frisch gemacht hatte - spätestens wenn sein Konterfei auf der Stadionleinwand auftauchte, wurde er vom ganz überwiegenden Teil der Besucher umjubelt.