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Neuer Trainer bei Chelsea:Tuchels Blitzumzug

´Visionär" Tuchel als Chelsea-Coach

Ganz plötzlich nach London: Thomas Tuchel trainiert nun den FC Chelsea.

(Foto: Bernd Thissen/dpa)

Bereits an diesem Mittwoch startet Thomas Tuchel als neuer Chelsea-Trainer - mit einem Heimspiel gegen Wolverhampton. Das erste Ziel des Taktiktüftlers ist gesetzt.

Von Sven Haist, London

Die Zeit drängt beim FC Chelsea - und deshalb möchte Thomas Tuchel keine weitere Zeit mehr verlieren. Schon einen Tag nach der offiziellen Entlassung des bisherigen Cheftrainers Frank Lampard stieg Tuchel am Dienstagmittag ins Flugzeug nach London, um sogleich am Nachmittag die erste Übungseinheit mit der neuen Mannschaft auf dem Trainingsgelände in Cobham anzupeilen. "Ich bin dankbar, jetzt Teil der Chelsea-Familie zu sein - es fühlt sich großartig an", sagte Tuchel am Abend laut Klubmitteilung.

Mit seinem Blitzumzug setzte Tuchel ein erstes Zeichen an Spieler und Verein, trotz seiner Beurlaubung bei Paris Saint-Germain vor einem Monat schon wieder voller Tatkraft zu stecken. Und sich vor allem nicht davor zu scheuen, einen Tag vor dem kniffligen Heimspiel gegen die Wolverhampton Wanderers in der Premier League seinen Dienst anzutreten. Angenehmer wäre es sicher gewesen, erst nach der Partie zu übernehmen und das Team mit mehr Ruhe auf die vermeintlich einfachere Aufgabe mit dem FC Burnley am Sonntag vorzubereiten.

Für derlei taktische Aufschübe ist die sportliche Lage bei Chelsea allerdings zu angespannt. Und Tuchel auch nicht der Typ für ein solches Spiel auf Zeit; notfalls verliert er lieber selbst, als die Verantwortung abzugeben. Nach der Beurlaubung von Lampard sprangen fürs Training am Montag kurzfristig Anthony Barry und Joe Edwards aus dem erweiterten Mitarbeiterstab des Klubs ein. Nach fünf Niederlagen aus zuletzt acht Ligaspielen ist das erfolgsverwöhnte Chelsea ins Tabellenmittelfeld durchgereicht worden.

Der Rückstand auf den vierten und letzten zur Champions League berechtigenden Platz beträgt sechs Punkte. Er könnte sich auf neun erhöhen, falls die Konkurrenz ihre Nachholspiele gewinnt. Bis Ende Februar warten auf Chelsea neun Pflichtspiele, in Kürze schon das Stadt- und Prestigeduell bei Tottenham Hotspur.

Die Eingewöhnung bei Chelsea dürfte Tuchel leichtfallen

Dem Vernehmen nach wird Tuchel bei Chelsea einen Vertrag über anderthalb Jahre bis Juni 2022 unterschreiben - mit der beidseitigen Option, die Zusammenarbeit für eine weitere Saison fortzusetzen. Der 47-jährige Schwabe, der die zurückliegenden zweieinhalb Jahre in Paris verbrachte, reiht sich damit ein ins Who's who der Premier League, in der mit Jürgen Klopp (Liverpool), Pep Guardiola (Manchester City), José Mourinho (Tottenham) und Carlo Ancelotti (Everton) die meisten der begehrtesten Trainer der Welt ihrer Arbeit nachgehen.

Auf Basis einer Ausnahmeregelung für den Elitesport kann Tuchel die Quarantänebestimmungen in England zur Eindämmung des Coronavirus umgehen. Sonst hätte er sich nach seiner Ankunft auf der Insel zunächst isolieren müssen und erst im Fall eines negativen Testergebnisses nach fünf Tagen seine Arbeit aufnehmen können. Dieses Schnellverfahren, bei dem der Fußballverband einen Antrag auf Befreiung beim Ministerium für Kultur, Medien und Sport einreicht, wird in der gegenwärtigen nationalen Krise von englischen Gesundheitsexperten und Parlamentsabgeordneten mit Skepsis gesehen.

Die Eingewöhnung bei Chelsea dürfte Tuchel nach seinen Erfahrungen in Paris vergleichsweise leichtfallen. In der Metropole London liegt das Zuhause des Klubs mit der Stamford Bridge am snobistischen Viertel Chelsea. Es unterscheidet sich mit seinen Prachthäusern kaum von der Villengegend Boulogne-Billancourt, wo sich mit dem Prinzenpark das Stadion seines Ex-Klubs PSG befindet. Im elitären Chelsea riecht es weit mehr nach Champagner als Bier, was Tuchel egal sein dürfte, weil er nach eigenen Angaben beim Alkohol auf Abstand bleibt. Im lesenswerten Buch "Edge: What Business Can Learn From Football" des Fußballjournalisten Ben Lyttleton charakterisierte Tuchel einst Chelsea als einen Verein, der "um jeden Preis auf Sieg" aus sei.

In 17 Jahren unter Aufsicht des russischen Klubeigners Roman Abramowitsch hat Chelsea für 18 Titel zwölf renommierte Cheftrainer verschlissen. Eine bleibende Spielidee, nach der sich die leitenden Angestellten richten könnten, hat sich hingegen nicht entwickelt. Für den als Tüftler bekannten Tuchel, dessen Fußballvorstellung es ist, "den Ball zu kontrollieren, den Rhythmus, in jeder Minute anzugreifen und zu versuchen, so viele Tore wie möglich zu schießen", bietet das die Möglichkeit, mit der Sehnsucht nach Pokalen und viel Entertainment eine Spielweise für Chelsea zu entwickeln, die von Dauer ist.

Vorne erwartet Tuchel die Qual der Wahl

Nach den dogmatischen Vorgängern Antonio Conte und Maurizio Sarri sowie dem planlos wirkenden Frank Lampard scheint sich die Mannschaft nach einem Trainer zu sehnen, der Spielfreude und Leichtigkeit vermittelt - und jenes Potential zur Entfaltung bringt, das spätestens seit den sechs Sommerzugängen für eine Viertelmilliarde Euro im Team steckt.

Der variantenreiche Kader mit den deutschen Nationalspielern Kai Havertz, 21, Timo Werner, 24, und Antonio Rüdiger, 27, dürfte für Tuchel einem Spielparadies gleichen, in dem er sich über Aufstellung und Taktik den Kopf zerbrechen kann. Darauf lässt besonders das zentrale Mittelfeld schließen: mit dem französischen Weltmeister N'Golo Kanté, den Spielmachern Mason Mount und Havertz, dem hochveranlagten Youngster Billy Gilmour sowie den Ballverteilern Mateo Kovacic und Vizekapitän Jorginho, den Tuchel ebenso wie Rüdiger einst zu Paris holen wollte.

Der Konkurrenzkampf unter den Spielern, von denen die meisten um eine Nominierung für die kommende Europameisterschaft kämpfen, dürfte Tuchel im engen Terminplan zusätzlich helfen. In der Abwehr könnten mit Rüdiger und Thiago Silva, lange PSG-Kapitän unter Tuchel, zwei von ihm geschätzte Profis die Innenverteidigung bilden. Vorne warten Optionen: Werner, Callum Hudson-Odoi, Hakim Ziyech, Tammy Abraham, Olivier Giroud und Christian Pulisic, der es sehr bedauerte, als Tuchel einst bei Borussia Dortmund im Streit entlassen wurde. Tuchel dürfte die Qual der Wahl haben. Einziger Makel vor seinem ersten Spiel an diesem Mittwoch gegen Wolverhampton: Die Zeit drängt.

© SZ/khoe
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