FC Chelsea:Tuchel verkleinert seinen Spielraum

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FC Chelsea: Der Trainer und sein umstrittener, jedoch bester Stürmer: Thomas Tuchel (Mitte) mit Romelu Lukaku (links).

Der Trainer und sein umstrittener, jedoch bester Stürmer: Thomas Tuchel (Mitte) mit Romelu Lukaku (links).

(Foto: David Klein/Reuters)

Der deutsche Trainer will an Stürmer Romelu Lukaku ein Exempel statuieren - damit tut er vor allem den britischen Boulevardmedien einen Gefallen.

Von Sven Haist, London

Die Fans des FC Chesterfield waren nicht zu überhören. Ungefähr 6000 Zuschauer, so viele, wie sonst die Heimspiele des Fünftligisten aus den Midlands besuchen, ließen sich die Auswärtsreise zum FC Chelsea im FA Cup am Samstagabend nicht entgehen. Weil es zu den Eigenheiten des ältesten Pokalwettbewerbs im Fußball gehört, dass die Klubs mit Heimrecht circa 15 Prozent der Stadiontickets für die Gastmannschaft abtreten müssen, konnte sich die Anhängerschaft aus Chesterfield an der Stamford Bridge ungewöhnlich ausbreiten.

Entsprechend ausgiebig feierte der Amateurverein den von einem gewissen Akwasi Asante, 29, erzielten Ehrentreffer in der Schlussphase. Jedoch reichte es für Chesterfield bei Chelseas standesgemäßem 5:1 (4:0) letztlich nicht zu einer Pokalsensation - im Gegensatz zu Cambridge United. Der Drittligist blamierte mit einem überraschenden 1:0 (Tor: Joe Ironside, 56.) den im Oktober vom saudischen Staatsfonds alimentierten Tabellenvorletzten Newcastle United, der in Bestbesetzung und erstmals mit dem 15 Millionen Euro teuren Winterzugang Kieran Trippier von Atlético Madrid antrat. Durch das Drittrunden-Aus bei der Einstiegshürde für die Erstligisten geht das neureiche Newcastle beim Pokalpreisgeld in diesem Jahr leer aus, während Gegner Cambridge - mindestens - circa 100 000 Euro einstreicht.

Anstelle sportlicher Gegenwehr hielt Chesterfield eine Gemeinheit anderer Couleur für Chelsea parat, über die der Favorit weitaus weniger hinwegsehen konnte als den etwas zu aufdringlichen Torjubel des Underdogs. Fast durchgehend erheiterten sich die Gästefans an Chelseas zuletzt öffentlichem Disput mit Torjäger Romelu Lukaku - im Sommer für die Klubrekordablöse von rund 115 Millionen Euro von Inter Mailand gekommen -, indem sie Lukaku als Spieler der Italiener veralberten: "Romelu Lukaku - er ist Inter Milan!"

Das unautorisierte Interview kostet Lukaku eine halbe Million Euro - und eine Entschuldigung vor laufender Kamera

Der für Chelsea unangenehme Schmähgesang erinnerte daran, dass die leicht peinliche Keilerei mit Lukaku auf der Insel nicht so schnell in Vergessenheit geraten dürfte, wie sich das der Klub um Trainer Thomas Tuchel wohl erhofft hat. Um nicht weiter Schaden zu nehmen, versöhnten sich beide Seiten kurzerhand zu Beginn der Vorwoche - allerdings auf Kosten des belgischen Nationalangreifers. Für ein unautorisiertes Interview mit Sky Italia, in dem Lukaku lediglich andeutete, mit seinen Einsatzzeiten und der Spielweise des Teams "unglücklich" zu sein, musste er dem Vernehmen nach knapp eine halbe Million Euro berappen, und sich vor laufender Kamera entschuldigen. Im sechsminütigen Gespräch mit dem hauseigenen Sender Chelsea TV bat Lukaku nacheinander bei den Fans, dem Trainer, den Mitspielern und auch noch dem Klubvorstand um Verzeihung.

FC Chelsea: Romelu Lukaku (rechts) nach seinem Treffer zum zwischenzeitlichen 3:0 für Chelsea im Pokal gegen den Fünftligisten Chesterfield.

Romelu Lukaku (rechts) nach seinem Treffer zum zwischenzeitlichen 3:0 für Chelsea im Pokal gegen den Fünftligisten Chesterfield.

(Foto: Matt Dunham/dpa)

Zwar wird Lukaku die Strafzahlung, die der Höhe seines Wochengehalts in London gleicht, finanziell verschmerzen können, aber allzu viel wird er zukünftig nicht mehr sagen können, wenn er seinen bis 2026 datierten Vertrag bei Chelsea erfüllen und dabei auch noch etwas verdienen möchte. Angesichts der von Lukaku akzeptierten Strafe wirkt es nun, als würde Chelsea, insbesondere der für die Schelte verantwortliche Trainer Tuchel, gestärkt aus der Fehde hervorgehen. Dabei stellt man bei genauerer Betrachtung fest, dass sich der bis hierhin so erfolgreiche Tuchel in dieser Angelegenheit keinen Gefallen getan hat, weil er der gern Unruhe stiftenden englischen Boulevardpresse ein wenig auf den Leim gegangen zu sein scheint.

Anders als die übersetzten Aussagen zu Chelsea vermuten lassen, lud Lukaku die Sky-Reporter zu sich nach London ein, um seinen schlagartigen Abschied aus Mailand zu rechtfertigen und zu versuchen, sein Ansehen dort als Fanliebling intakt zu halten. Zuvor hatte er nämlich während der EM 2021 mit Belgien erklärt, bei Inter bleiben zu wollen. In dem halbstündigen Fernsehbeitrag drückte Lukaku nun seine Verbundenheit zum italienischen Meister aus und deutete an, dass Inters brenzlige finanzielle Situation der Grund gewesen sei für seine gescheiterte Vertragsverlängerung und den anschließenden Transfer. Bei einigen Passagen geriet Lukaku jedoch wohl ein bisschen zu viel ins Schwärmen über seinen ehemaligen Arbeitgeber und ließ teilweise mehr Herz als Verstand sprechen. Gerade in Bezug auf seine ersten Monate bei Chelsea, die mehr eine Sprunggelenksverletzung und Corona-Erkrankung prägten als seine fünf Ligatore.

Welche Strafen will der Klub jetzt künftig für seine Spieler aussprechen, wenn es mal richtig kracht?

Um mit Lukakus Anfang Dezember gegebenem Interview möglichst viel Aufmerksamkeit zu generieren, veröffentlichte Sky Italia die an sich harmlosen Zitatschnipsel drei Tage vor Chelseas richtungsweisendem Spitzenspiel zum Jahresauftakt gegen den FC Liverpool (2:2). Umgehend stürzten sich die Inselmedien auf die Aussagen und fassten sie so zusammen, dass der von diesem Interview nichts ahnende Tuchel tags darauf in der Pressekonferenz massiv unter Druck geriet. Erschwerend kam für ihn dazu, dass Chelsea in dieser Phase im Kampf um die Meisterschaft abreißen lassen musste. Trotzdem bewahrte Tuchel die Ruhe, indem er zwar das Interview als "unnötigen Lärm" anmahnte, aber gleichzeitig seinen Spieler schützte - ehe er dann Lukaku am Spieltag plötzlich aus dem Kader strich.

Durch die Maßnahme wollte Tuchel an Lukaku vermutlich ein Exempel statuieren, mit dem er jedoch vor allem den Medien einen Gefallen tat, weil sich aus dem Geplänkel um Lukaku auf einmal ein Strohfeuer entzündete. Erst die drakonischen Sanktionen fingen die Kontroverse wieder ein. Allerdings verkleinern sie den Handlungsspielraum für Tuchel: Welche Strafen will der Klub künftig für seine Spieler aussprechen, wenn es mal richtig kracht?

Nach dem erfolgreichen Pokalsieg, zu dem Romelu Lukaku den dritten Treffer beisteuerte, scheint die Auseinandersetzung zwischen Lukaku und dem FC Chelsea zumindest erst mal ausgestanden zu sein. Aber der Umgang des Vereins mit der Personalie, das haben die Rufe der Chesterfield-Fans gezeigt, wird sicher nachhallen.

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