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Champions League:Lasst uns den Wahnsinn!

Wahnsinn? Ja, natürlich. Tottenhams Lucas Moura feiert mit Christian Eriksen (oben).

(Foto: AFP)

In vier kaum fassbaren Spielen beweist der Fußball, welche Kraft in ihm steckt, wenn man dem Irrationalen vertraut. Wer eine Super-Liga erschaffen will, der zerstört das Besondere.

Jeder Fußballliebhaber weiß, wie schwer es ist, anderen zu erklären, warum man den Fußball liebt. Es ist ja auch verdammt schwer. Wie soll man klarmachen, dass man für so ein 0:0, oder 0:1 oder 1:1 nicht nur ins Stadion geht, durch Deutschland fährt, den halben Samstag auf dem Dorfsportplatz steht oder nur den Fernseher anmacht - sondern auch so was wie Gefühle entwickelt. Fußball ist die größte Sportart des Planeten, und das, obwohl - und das ist das Paradoxe - es eine Sportart ist, die Langeweile in Kauf nimmt. Bei der nicht nur Unentschieden möglich sind, nein, auch Spiele und halbe Turniere, in denen wirklich gar nichts passiert.

Und damit zu diesen vier Spielen des Champions-League-Halbfinales.

Die Begegnungen zwischen Barcelona und Liverpool sowie Tottenham und Amsterdam fanden alle in den Stadien von Klubs statt, in denen die Menschen etwas für den Fußball empfinden. Wo er für sie nicht nur Unterhaltung oder Entertainment ist, sondern ein bisschen mehr. Vielleicht ist das auch ein Grund, warum sich jetzt so viele fragen, was da eigentlich los war.

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Mit drei Toren - dem dritten in der sechsten Minute der Nachspielzeit - schießt Lucas Moura Tottenham ins Champions-League-Finale. Über einen Stürmer, den sie in Paris einfach vergessen hatten.   Von Benedikt Warmbrunn

Es ist schlicht unmöglich, eine Szene herauszunehmen, es war einfach zu viel. Jürgen Klopp, der Motivator, der mit seinem Team im Arm "You'll never walk alone" in Anfield singt. Der Eckball von Liverpool zum entscheidenden 4:0, der ab jetzt nur noch unter "der Eckball von Liverpool" bekannt sein wird. Das Foto vom geschlagenen Lionel Messi, der im Hinspiel noch diesen Zauberfreistoß schoss, vor der enthemmten Tribüne an der Anfield Road. Ajax, eine Mannschaft, die es nicht geben dürfte, die drei Qualifikationsrunden überstehen musste, später Real Madrid und Juventus mit fantastischen Passkaskaden ausschaltete, und deren Spieler nach dem Gegentor in der 96. Minute zerrissen vom Schmerz auf dem Rasen lagen. Geschlagen von den Spurs, die vor der Saison keine Spieler kauften, weil sie ihrer Mannschaft vertrauten, die nicht aufgaben, obwohl sie in 25 Minuten drei Tore schießen mussten. Deren Trainer Mauricio Pochettino nach dem Irrsinn unter Tränen schluchzte: "Thank you, football." Und: "Es ist unmöglich, ohne Fußball zu leben."

Diese vier Spiele, sie waren ein Fest, etwas Besonders, und sie taugen tatsächlich als Indiz dafür, dass der Spitzenfußball doch nicht verloren ist. Denn dieser Zweig des Fußballs hat den Menschen, die ihn lieben, viel zugemutet. Er vergibt die Weltmeisterschaft nach Katar, er transferiert Fußballer für unanständige Summen, er erschafft Klubs, die existieren, weil Staaten oder Konzerne oder sehr reiche Menschen das so wollen. Er wird geleitet von einem Weltverband, bei dem man den Eindruck hat, dass die Grenze zu einer kriminellen Vereinigung fließend ist. Er lässt kaum eine Gelegenheit aus zu betonen, worauf es ankommt: Geld.

Auch aus der Champions League haben die reichsten Klubs Europas durch verschiedene Reformen einen Wettbewerb gemacht, der berechenbarer werden sollte. Berechenbarer für sie selbst, indem vor allem die Klubs Geld bekommen, die eh schon viel Geld haben. Das führt dazu, dass sich die besten Fußballer in wenigen Teams sammeln und ist der Grund, warum der Sport diese irrwitzige technische Qualität hat - wie bei den Spielen von Barcelona und Liverpool zu sehen. Es führte aber auch jahrelang zu immergleichen Halbfinals, weswegen Tottenham und vor allem Ajax auf zwei Ebenen bewundert werden. Weil sie in diese Phalanx einbrechen und weil sie zeigen, dass man diese Qualität auch erreichen kann, indem man nicht nur einfach die besten Fußballer kauft.

Wunder von Liverpool

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Aber, und das ist der Schatten, der diesen Hoffnungsschimmer überlagert: Es mehren sich Gedankenspiele, aus der Champions League vom Jahr 2024 an eine Super-Liga zu machen. Solche besonderen Partien sollen also zur Regel werden - Teams wie Ajax könnten bald komplett ausgeschlossen sein.

Angesichts dieser Champions-League-Saison muss man den Verantwortlichen zurufen: Seid ihr wahnsinnig? Nehmt uns doch den Wahnsinn nicht! Erklärt das Besondere nicht zum Gewöhnlichen, denn damit zerstört man es. Verhindert Geschichten wie Ajax nicht, sondern lasst sie zu. Dramatik kann man nicht planen. Man kann nur darauf vertrauen, dass der Fußball und die Menschen, die es mit ihm halten, Wege finden, seine Faszination zu erhalten.

Leserdiskussion Fußball - ein Wahnsinn, der fasziniert?

Leserdiskussion

Fußball - ein Wahnsinn, der fasziniert?

Fußball ist die größte Sportart des Planeten und gleichzeitig eine, die potenziell 90 Minuten Langeweile in Kauf nimmt. Die vier Champions-League-Halbfinale 2019 haben gezeigt, welche Begeisterung der Sport auslösen kann.