Der Mann, auf den sich am Freitagabend im Stadion von Manchester zeitweise alle Blicke richteten, hatte sich fein herausgeputzt. Sergio Ramos hatte sich die Haare zum Dutt zusammengebunden, der Hipster-Bart war akkurat gestutzt, unter der Anzugsweste trug er ein eng anliegendes Businesshemd sowie Krawatte, und alles in allem sah das Kostüm um Einiges erbaulicher aus als die Uniform in Hubba-Bubba-Rosa, die die spielenden Kollegen von Real Madrid trugen.
Ramos gab alles: Er feuerte seine Kameraden mit geballten Fäusten an und applaudierte ihnen - die Finger der Hände dabei gespreizt wie die Flamenco-Sänger aus seiner andalusischen Heimat. Doch am Ende nutzte es alles: nichts. Denn es bestätigte sich die alte, fast schon physikalisch anmutende Regel, wonach Real Madrid ohne Ramos auf dem Feld außerstande ist, aus einem Champions-League-Duell erfolgreich hervorzugehen. Manchester City siegte im Rückspiel des Achtelfinales, wie schon im Hinspiel, mit 2:1. Die Engländer qualifizierten sich damit für das Final-8-Turnier, das in der kommenden Woche in Lissabon stattfinden wird, und treffen im Viertelfinale auf Olympique Lyon.
Es war das vierte Mal nach 2008 (gegen AS Rom), 2011 (FC Barcelona) und 2018 (Ajax Amsterdam), dass Ramos wegen einer Sperre einem europäischen K. o. seines Teams auf der Tribüne beiwohnen musste. Doch nicht bei jeder dieser Gelegenheiten rückte Ramos' Abwesenheit durch das Geschehen auf dem Platz so dermaßen in den Fokus wie am Freitag. Der Grund: Beide Tore Manchesters wurden durch kapitale Fehler von dem Mann heraufbeschworen, der an der Seite von Ramos zuvor eine wirklich fantastische Saison gespielt hatte und ihn am Freitag als Abwehrchef vertreten sollte: Raphaël Varane.
Vor dem 0:1 ließ sich der französische Weltmeister von 2018 den Ball von Gabriel Jesús stibitzen, der Brasilianer legte für Raheem Sterling auf (9. Minute). Und nach dem zwischenzeitlichen Ausgleich von Ersatzkapitän Karim Benzema (28.), der einen feinen Kopfball ins Tor setzte, missglückte Varane eine Kopfballrückgabe an Torwart Thibaut Courtois. Gabriel Jesús (68.) erlief den Ball und spitzelte ihn aus spitzem Winkel ins Netz. "Noch ein Schiffbruch ohne Ramos", titelte die Zeitung El País am Samstag - in Anspielung auf Madrids insgesamt sechste Champions-League-Pleite in sieben Spielen ohne den etatmäßigen General. Für Reals-Coach Zinédine Zidane war es im dreizehnten K.-o.-Spiel als Trainer das erste Aus überhaupt. Was wiederum bedeutete, dass Citys Coach Pep Guardiola seinen elften Sieg als Trainer gegen Real Madrid feiern durfte. "Man muss ehrlich sein. City ist, über 180 Minuten gesehen, verdient weitergekommen", resümierte Reals deutscher Mittelfeldspieler Toni Kroos bei Sky. Gleichzeitig nahm er Varane in Schutz: "Das kann jedem passieren. Rafa hat eine überragende Saison gespielt, da gibt es keine Vorwürfe."
Varane selbst bat nach der Partie ausdrücklich darum, vor die Kameras treten zu dürfen, um sich öffentlich zu kasteien. "Ich möchte Gesicht zeigen, denn dies war meine Niederlage", sagte er, "es tut mir für meine Kollegen sehr leid." Er stehe vor "einer sehr komplizierten Nacht". Gleichwohl gab es auch andere Gründe für die Niederlage.
Guardiola hatte ballbesitzorientierte Spieler wie Bernardo Silva oder David Silva auf der Bank gelassen, um die Schwäche Reals bei der Spieleröffnung auszuschlachten, die er hinter der Ramos-Absenz vermutete. Durch massiven Druck im Pressing, der schon in den ersten 100 Sekunden zu sehen war: Da blieb der Ball zwar in den Reihen des 13-maligen Champions, doch er kam aus dem eigenen Strafraum kaum heraus, so brutal war der Druck, den die Mannschaft um die insgesamt überragenden Kevin De Bruyne und Ilkay Gündogan aufzogen.
City kam in der Folge zu mehr und besseren Torgelegenheiten als Madrid. Aber "kurioserweise haben wir nicht die sehr guten Chancen verwertet, die wir kreiert haben, sondern durch Pressing getroffen", sagte Guardiola. Seine Verwunderung darüber hielt sich in Grenzen. "Manchmal gibt dir der Fußball so etwas." Zidane wiederum stand für sein eigenwilliges Coaching in Spanien harsch in der Kritik.
Für Verwunderung sorgte einerseits, dass er auf Eden Hazard gesetzt hatte. Der belgische 100-Millionen-Einkauf hatte wegen einer Verletzung wochenlang aussetzen müssen, die fehlende Spielpraxis war ihm anzumerken. Andererseits wollte niemand nachvollziehen, dass Zidane erst in der 83. Minute bereit war, Auswechslungen vorzunehmen; Nachwuchsstürmer Vinícius, der zwar ohne Fortune vor dem Tor ist, aber immerhin eine Abwehr beschäftigen kann, durfte sich nicht einmal warmmachen. "Jeder darf meinen, was er mag", sagte Zidane, als er gefragt wurde, ob er die späten Wechsel bereue, "doch das ändert nun auch nichts mehr." Doch das war beileibe nicht die düsterste Bemerkung des Franzosen.
Guardiola plaudert mit Zidane
Im Gegenteil. So kummervoll wirkte er, dass er gefragt wurde, ob er noch die Kraft verspüre, Trainer zu bleiben. "Ich bin Trainer von Real Madrid, da gibt es gar keine Frage", entgegnete der Franzose, der 2018 nach dem dritten Champions-League-Titel in Serie hingeworfen hatte und erst im vergangenen Jahr zurückgekehrt war, und betonte, dass er mit der abgelaufenen Saison, die immerhin den 34. Meistertitel für Real Madrid bereithielt, zufrieden sei: "Zu 95 Prozent war das Jahr exzellent."
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Guardiola wiederum freute sich auf die Reise nach Lissabon. "Wir werden dort versuchen, den nächsten Schritt zu gehen; wir wissen, welche Mannschaft wir geschlagen haben", sagte der Katalane, ehe er zusammen mit Zidane die Blicke auf sich zog, die vorher Ramos gegolten hatten. Denn als die Partie längst vorüber war, fand er sich mit Zidane zum Plausch zusammen. Über die Familien hätten sie gesprochen, verriet Guardiola hinterher, und darüber, dass man sich hoffentlich bald mal bei einem Essen sehen könne. Sie umarmten einander, und es darf angenommen, werden, dass Zidane seinem Kollegen Glück wünschte. Denn sie schätzen einander sehr.

