Alexandra Popp lief aufs Spielfeld, als wolle sie diese Momente in ihrem Gedächtnis einfrieren. Sie applaudierte mit einem Lächeln, aus dem sich eine Gefühlsmischung aus Stolz, purer Freude und ungläubigem Staunen interpretieren ließ angesichts dessen, was da gerade in der Wolfsburger Arena passiert war. Ausgerechnet Popp hatte beim Viertelfinal-Hinspiel der Champions League nicht mitwirken können, weil sie mit einer muskulären Verletzung einige Wochen ausfällt. Aber auch ohne eine ihrer wichtigsten Spielerinnen war den Fußballerinnen des VfL Wolfsburg eine Überraschung gelungen: ein 1:0-Sieg gegen den mit acht Titeln dekorierten Rekordsieger Olympique Lyon.
Und es war ja nicht allein das Ergebnis, das die Chance auf den Halbfinal-Einzug wahrt. Sondern auch die überzeugende Art des Auftritts. Olympique hat den eindeutig stärker besetzten Kader mit internationalen Größen wie den einschüchternd wirkenden Ada Hegerberg, Wendie Renard und Lindsey Heaps. Diese Saison war noch kein Gegner in der Lage, dieses Team zu bezwingen, überhaupt war Lyon seit 30 Spielen ungeschlagen. Bis nun die Wolfsburgerinnen am Dienstag mit einer Kollektivleistung und einem in Ballbesitz mutigen, selbstbewussten Fußball loslegten. Und sich „dadurch auch ein bisschen freischwimmen und von dem Druck befreien“ konnten, wie VfL-Trainer Stephan Lerch bei Disney+ sagte. In der Ligaphase der Champions League hatten sie im November noch 1:3 gegen Lyon verloren.
Vor allem Vivien Endemann stand für diesen Mut. Mit ihrem Tempo strahlte sie im Umschaltspiel – wie zuletzt auch bei den DFB-Frauen – permanent Gefahr aus und war von Lyon quasi nur mit Fouls zu stoppen. Der entscheidende Pass des Abends kam von ihr, bevor Lineth Beerensteyn in der 14. Minute, noch abgefälscht, zur Führung traf. Eine Viertelstunde später verpasste Beerensteyn das 2:0 per Kopfball. Nach der Pause war es die Defensive, dank der Wolfsburg der nun wachsenden Dominanz der Favoritinnen standhielt. Und, okay, hier und da kam Glück dazu, vor allem, als Kadidiatou Diani mit viel Wumms den linken Pfosten traf (59.). Danach kam die im vergangenen Sommer von Wolfsburg nach Lyon gewechselte deutsche Nationalspielerin Jule Brand von der Bank, aber auch sie konnte am Ergebnis nichts mehr ändern.
„Wir hatten eine unfassbare Energieleistung“, sagte die zur besten Spielerin des Spiels gewählte Endemann: „Wir hatten einen guten Plan. Ich hätte keinen Bock gehabt, gegen uns zu spielen. Wir sind sehr eklig gewesen.“ Olympique wiederum wird im Rückspiel am 2. April (21 Uhr, Disney+) selbst ekliger auftreten. Dass sie das müssen, ist umso beachtlicher angesichts des Umbruchs, den der VfL im Sommer inklusive eines Trainerwechsels vollzogen hat. Dass in Lerch ein alter Bekannter zurückgekehrt ist, der die Wolfsburgerinnen schon von 2017 bis 2021 erfolgreich gecoacht hatte, dürfte dazu beigetragen haben, dass das Team zügig zueinandergefunden hat und in allen Wettbewerben gut dasteht: Platz zwei in der Bundesliga, Pokal-Halbfinale – und nun der Erfolg gegen Lyon.
Gelänge die Sensation, hätte das auch eine fußballromantische Note. Denn dann müsste sich die dreimalige Champions-League-Siegerin Alexandra Popp aus diesem Wettbewerb wohl doch nicht als Zuschauerin verabschieden. Bis zum möglichen Halbfinal-Hinspiel (25./26. April) könnte sie wieder fit sein. Popp ist mit 112 Partien die deutsche Rekordspielerin in Europas Königsklasse. Getoppt wird sie ohnehin nur von Lyons Wendie Renard mit ihren 131 Einsätzen und unglaublichen acht Titeln aus elf Finalteilnahmen. Für Popp wird es die letzte internationale Saison sein. Im Sommer wechselt die 34-Jährige nach 14 Jahren zum derzeitigen Regionalligisten Borussia Dortmund. Und bis dahin würde sie gerne mindestens noch einmal ungläubig staunend über den Platz laufen.


