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Champions League: Wolfsburg - Istanbul:Neben dem Gleis

Meister Wolfsburg enttäuscht gegen Besiktas mit einem 0:0. Und der ehemals als Dampflokomotive bestaunte Grafite schrumpft auf Märklin-Format zusammen.

Er ist eine Weile nicht mehr hier gewesen. Edin Dzeko? Grafite? Zvjezdan Misimovic? Kennt er nur aus dem Fernsehen. Als der 24-malige DFB-Auswahlspieler Fabian Ernst, 30, das letzte Mal im Stadion des VfL Wolfsburg antreten durfte - es war ein Sonntag im August 2007 und Ernst trug noch das Leibchen des FC Schalke -, stand dort im Tor noch ein Mann namens Simon Jentzsch. Und im Mittelfeld zirkelte ein gewisser Marcelinho seine Paradiesvogelpässe auf die einzige Spitze der Wölfe: Sergiu Radu, den Sensationstransfer vom damaligen Sensations-Nichtabsteiger Energie Cottbus. Wie sich die Zeiten ändern.

Nun also: ein kalter Mittwochabend. Champions League. Damals, im August 2007, freute sich Ernst über ein 1:1 seiner Schalker. Diesmal bedeutet das 0:0, zu dem sich sein heutiger Verein Besiktas Istanbul in Wolfsburg quälte, immerhin den ersten Punkt in der Gruppentabelle.

Zwischen seinem letzten und diesem Gastspiel liegen Ernsts Blitztransfer an den Bosporus im letzten Winter, wo er beim Anhang der "Schwarzen Adler" inzwischen als eine Art Fußball-Heiliger gilt - und die Wolfsburger Meisterschaft.

Nun war Ernst schon dank seines glattrasierten Schädels wieder der auffälligste Akteur auf dem Rasen, und es war nur eine kleine Episode am Rande, dass im Mittelfeld der Gäste mehr Deutsche vertreten waren als im Mittelfeld des deutschen Meisters: Neben Ernst durfte dort Michael Fink, 27, die Fäden ziehen, früher bei Arminia Bielefeld und Eintracht Frankfurt unter Vertrag.

Dzeko als Einzelkämpfer

Der VfL wiederum ist, zumindest wenn es nach seinem Personal geht, längst das, was er auch in Sachen Renommee europaweit werden will: ein internationales Star-Ensemble. Neben dem deutschen Nationalspieler Christian Gentner besetzen hier der brasilianische Balldieb Josué, der japanische Flügelläufer Makoto Hasebe und der bosnische Filigrantechniker Zvjezdan Misimovic die Zentrale. Und davor eben: Dzeko und Grafite, die beiden Angreifer, die das Potential hätten, auch die europäische Elite unter den Abwehrspielern in Angst und Schrecken zu versetzen. Würden sie denn noch so treffen wie früher.

Dieses 0:0 auf wenig ansprechendem Niveau - es war ein Abend der vergebenen Chancen. Wobei man unterscheiden musste zwischen Dzeko und Grafite. Der Bosnier erarbeitete sich die Möglichkeiten fast im Minutentakt. Doch mal mutete er an wie ein tragischer Einzelkämpfer, eine Art Luca Toni des VfL Wolfsburg, der vorne drin steht und winkt, aber wenn dann eine hohe Flanke in sein Territorium segelt, kommt er nicht richtig hinter den Ball - oder drückt ihn knapp über die Latte, wie gleich nach Spielbeginn (9.). Oder Dzeko verblüffte zunächst die türkischen Verteidiger mit einem feinen Dribbling, setzte den Ball dann aber ganz knapp ins Außennetz, besonders eindrucksvoll zu bestaunen in der 53. Minute. "Wir müssen das Tor machen, wir müssen", ärgerte er sich.

Rote Karte gegen Grafite

Grafite wiederum, der beim Wolfsburger Auftakt in die Champions League, einem launigen 3:1 gegen ZSKA Moskau, noch alle drei Tore erzielt hatte, wirkt derzeit wie eine einstmals bestaunte Dampflokomotive, die man auf Märklin-Format zusammengeschrumpft hat - und dann neben das Gleis gesetzt. Seine beste Aktion war gleichzeitig eine symptomatische: Dampfend und schnaufend, jedenfalls mit der Dynamik von einst, setzte er sich über links in Bewegung, er hätte den Ball dann nur noch auf den herbeieilenden Dzeko passen müssen - aber er verzog. In der 74. Minute schlug er dann dem Besiktas-Torhüter Rüstü Recber, der auf eine Ecke wartete, die Hand ins Gesicht - und sah völlig zu Recht die rote Karte. Da erlebte sogar Fabian Ernst einen erfreulicheren Abend.

Dennoch überwog auf beiden Seiten die Enttäuschung. Gentner hatte vor der Partie die verbreitete Meinung in der Aussage gebündelt, gegen diesen Gegner müsse man ,,zuhause einfach gewinnen''. Und Besiktas, immerhin Meister und Pokalsieger, kommt weder international noch in der Türkei in Tritt. In der Süper Lig liegt der Klub neun Punkte hinter dem von Christoph Daum trainierten Rivalen Fenerbahce.

© SZ vom 22.10.2009
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