bedeckt München 14°

Champions League:Vorgeführt vom Zauberlehrling

10.03.2020, xtgx, Fussball UEFA Champions League, RB Leipzig - Tottenham Hotspur emspor, v.l. Marcel Sabitzer (Leipzig,

Jubelrutsche: Leipzigs Doppeltorschütze Marcel Sabitzer (vorne rechts) feiert mit den Fans.

(Foto: Jan Huebner/imago images)
  • Julian Nagelsmann feiert mit RB Leipzig ein brillantes 3:0 gegen Tottenham Hotspur und José Mourinho - zwei Tore von Marcel Sabitzer ebnen früh den Weg ins erste Viertelfinale der Klubgeschichte.
  • Das Spiel wird vor 42 000 Zuschauer ausgetragen.
  • Ohne die verletzten Schlüsselfiguren wie Kane, Sissoko, Bergwijn oder Son ist Tottenham nur ein Schatten seiner selbst.
  • Tabellen und alle Ergebnisse der Champions League finden Sie hier.

Von Javier Cáceres, Leipzig

Die Achtelfinalpartie der Champions League zwischen RB Leipzig und Tottenham Hotspur war noch gar nicht angepfiffen, da brandete schon Applaus auf. Oliver Mintzlaff erhielt ihn, der Chef des Bundesligisten, als er vom Stadion-Bajazzo Tim Thoelke auf dem Rasen interviewt wurde. Unter anderem zu Corona, wozu sonst. "Ja gut", sagte also Mintzlaff dem Stadionsprecher, "ich bin sicherlich der falsche Ansprechpartner", weil er kein Experte sei. Applaus erhielt er, als er ungeachtet dessen eine finale Einschätzung abgab. Im Lichte von nicht einmal einer Handvoll Infizierten im Kreis Leipzig sei es "die richtige Entscheidung" gewesen, die Partie vor Publikum auszutragen.

Dann wurde zur Stadionmusik übergeleitet. Zu einem Lied der Popband Coldplay namens "Clocks", um genau zu sein, das ein paar schöne, passende Zeilen zum alles beherrschenden Thema dieser Tage enthält: "Am I a part of the cure/or am I part of the disease." Zu Deutsch: "Bin ich Teil der Heilung oder bin ich Teil der Krankheit?"

Wie auch immer die Antwort der offiziell 42 000 Zuschauer in den kommenden Tagen ausfallen sollte: Leipzig wird Teil des Viertelfinalfeldes der Königsklasse sein. Denn nach dem schon überraschenden 1:0-Sieg aus dem Hinspiel fuhren die Sachsen gegen die Spurs einen nachgerade brillanten 3:0-Erfolg ein, der wie Hohn auf die Worte wirkte, die Spurs-Trainer José Mourinho am Vorabend noch ausgesprochen hatte. "Ich bin sicher, dass die Leipziger den Druck spüren", hatte Mourinho gesagt. Und mit seinem gravitätischen, bedrohlichen klingenenden Unterton an die Zeit erinnert, da er als der Houdini des Weltfußballs galt. Am Dienstagabend wurde er von einem Mann vorgeführt, der vielen als Mous legitimer Zauberlehrling gilt: Leipzigs Trainer Julian Nagelsmann.

Die Leipziger erwischten einen Traumstart und führten nach 21 Minuten schon mit 2:0 - ein Weiterkommen der Londoner rückte bereits zu diesem frühen Zeitpunkt in weite Ferne. Dass der französische Spurs-Torwart Hugo Lloris bei beiden Toren von Kapitän Marcel Sabitzer (10./21.) kräftig kollaborierte, war bloß anekdotisch: Beim 1:0 kam er an Sabitzers Fernschuss nicht mehr heran, der Kopfball des Österreichers zum 2:0 flog in die Torwartecke. Entscheidend war, dass die Leipziger die Engländer vorführten, sie sich durch direktes Spiel, vorzügliche Raumaufteilung und umsichtiges Positionsspiel vom Leibe hielten, als gelte es, jede Ansteckungsgefahr zu unterbinden.

Eric Dier ist völlig überfordert

Tottenham gab die Banden preis, und vor allem Linksverteidiger Angeliño verwandelte seine Seite in eine Autobahn. Im Grunde musste Leipzigs Torwart Peter Gulacsi in der ersten Halbzeit ein einziges Mal eingreifen - bei einem Schuss von Serge Aurier. Kurz vor der Pause musste dafür Lloris zittern, als der völlig überforderte Innenverteidiger Eric Dier Leipzigs Stürmer Patrik Schick im eigenen Strafraum anschoss. Der Ball strich knapp am Tor vorbei.

Nach der Pause blieb Tottenham nur die Hoffnung auf ein ähnlich großes Wunder wie im Champions-League-Halbfinale der vergangenen Saison in Amsterdam. Doch der Königsklassenfinalist von 2019 war - ohne verletzte Schlüsselfiguren wie Kane, Sissoko, Bergwijn oder Son - nur ein Schatten seiner selbst. Kompromisslos, furchtlos und konzentriert spielte Leipzig die Uhr runter. Schrecken hatte der Bundesligist nur zu überstehen, als Nordi Mukiele einen Ball an die Schläfe bekam und vom Platz getragen werden musste (55.). Aber viel mehr als einen eher harmlosen Schuss von Dele Alli (74.) nach einem Konter, den Torwart Gulacsi souverän parierte, bekamen die Londoner nicht zuwege. Stattdessen setzte der eingewechselte Emil Forsberg mit dem verdienten 3:0 (87.) den würdigen Schlusspunkt. Und so ließ sich RB von seinen begeisterten und jubelnden Fans feiern.

© SZ vom 11.03.2020/ska
Zur SZ-Startseite
Auch Fußball-Revierderby Dortmund gegen Schalke ohne Publikum

MeinungCoronavirus
:Der Spitzensport hat eine Vorbildfunktion

Die Bundesliga sollte der Empfehlung von Jens Spahn folgen und die Stadien sperren. Das wäre ein angemessenes Zeichen - auch wenn das Aussperren von Besuchern zur finanziellen Belastung wird.

Kommentar von Josef Kelnberger

Lesen Sie mehr zum Thema