Champions League:Ein Elfmeterpfiff, der Wolfsburg empört

Champions League: Wolfsburgs Josuha Guilavogui (2.v.l.) nach dem Pfiff des Abends.

Wolfsburgs Josuha Guilavogui (2.v.l.) nach dem Pfiff des Abends.

(Foto: Michael Sohn/AP)

Lange sieht es so aus, als würde der VfL Wolfsburg gegen den FC Sevilla gewinnen, dann kommt es zu einem kapitalen Pfiff, der die Partie entscheidet. "Das ist schon frech", findet Maximilian Arnold.

Von Thomas Hürner, Wolfsburg

Entgegen eines gängigen Klischees gibt es eine ganze Reihe von Menschen, die für den VfL Wolfsburg die nötige Leidenschaft empfinden, um die heimische Arena in einen stimmungsvollen Ort zu verwandeln. Das bleibt zwar für gewöhnlich eine Ausnahmeerscheinung, aber im Ernstfall benötigt es dafür ähnliche Zutaten, die auch andernorts für eine aufgeheizte Atmosphäre sorgen: ein giftiges Fußballspiel mit vielen Nahduellen und Nickligkeiten, das außerdem eine unvorhersehbare Wendung beinhaltet - und, na klar: ein Schiedsrichtergespann, dessen Entscheidungsgabe für einen Moment außer Kraft gesetzt scheint, zum Nachteil der gastgebenden Mannschaft.

Unter die lauten Pfeif-Tiraden des Wolfsburger Publikums mischten sich am Mittwochabend auch minutenlange "Schieber!"-Rufe, die nicht nur an den Spielleiter Georgi Kabakov und sein mitgereistes Assistenzteam aus Bulgarien gerichtet waren, sondern auch freundliche Grüße an das Videoschiedsgericht um den Niederländer Kevin Blom enthielten. Nun impliziert der Ausdruck "Schieber", die Geschmähten hätten beim 1:1 in der Champions League gegen den FC Sevilla vorsätzlich und aus niederen Motiven gehandelt, was die Ereignisse vielleicht auch nicht ganz passend dokumentierte. Aber, um im Vokabular der Juristen zu bleiben: Die Vorwürfe nach unterlassener Hilfeleistung und fahrlässiger Brandstiftung, die mussten sich die Herren Kabakov und Blom hinterher schon gefallen lassen.

Guilavogui spielte den Ball und traf erst danach das Schienbein Lamelas

Was war geschehen? Die Wolfsburger waren gerade dabei, ihre 1:0-Führung nach einem Treffer von Angreifer Renato Steffen mit Umsicht und Routine über die Ziellinie zu bringen, dann aber leisteten sie sich in der Schlussphase der Partie eine vermeidbare Ungenauigkeit im Spielaufbau. Sevilla, das bis dahin weitgehend ungefährlich geblieben war, startete einen Vorstoß über die rechte Angriffsseite, von wo aus der Ball in den Wolfsburger Strafraum gelangte. Den ersten Pass in den Fünfmeterraum konnte VfL-Verteidiger Sebastian Bornauw abwehren, im Nachsetzen war dann Josuha Guilavogui zur Stelle, der reaktionsschnell mit der Fußspitze vor dem heranstürmenden Erik Lamela klärte.

Guilavogui hatte klar den Ball gespielt und traf erst danach, in der natürlichen Durchschwingbewegung seines Beines, den argentinischen Angreifer am Schienbein. Eine regelkonforme Rettungstat, das dachten zumindest alle in der Wolfsburger Arena - abgesehen vom ohnehin überfordert wirkenden Schiedsrichter Kabakov, der sich die Szene nach einem Hinweis von Videoassistent Blom noch einmal auf dem Monitor neben dem Spielfeld ansah. Nach Sichtung des Bildmaterials zeigte Kabakov, zur Verwunderung aller Beteiligten, auf den Elfmeterpunkt. Überdies musste Guilavogui, der vermeintliche Übeltäter, aufgrund vehementen Protests mit Gelb-Rot den Ort des Geschehens verlassen und von außen dabei zusehen, wie der frühere Schalker Ivan Rakitic zum 1:1-Endstand traf (87. Minute).

"Das geht ja nicht", sagte VfL-Trainer van Bommel über die zweifelhafte Schiedsrichter-Entscheidung

Der VfL, das war die landläufige Meinung an diesem Abend, war durch diesen Irrtum um einen Sieg gebracht worden, der in der engen Gruppe mit RB Salzburg und dem französischen Meister OSC Lille von entscheidender Bedeutung hätte sein können. Wobei, so ganz stimmte das nicht. Nach dem Spiel saßen Mittelfeldmann Fernando und Sevilla-Trainer Julen Lopetegui im Wolfsburger Presseraum und versicherten mit ernster Miene, dass das alles schon seine Richtigkeit habe. Immerhin, so der Tenor, habe der Schiedsrichter die Szene ja nochmal angesehen. Lopetegui zuckte nur nonchalant mit den Schultern und kam zu dem Fazit: "Na, dann war's halt auch ein Elfmeter". Das war schon ein leicht blasierter Auftritt der spanischen Delegation, der sogar den sorgfältigen Übersetzer auf dem Podium verdutzt dreinschauen ließ. Als überlege er, ob er das jetzt wirklich so wiedergeben sollte.

Die Wolfsburger vertraten freilich einen anderen Standpunkt. Trainer Mark van Bommel sagte zu den Ausführungen seines Kollegen Lopetegui: "So kann man das auch betrachten. Der Schiri entscheidet." Aber wenn er sich der Sache "ganz normal" annähern wolle, fügte der Niederländer hinzu, dann könne man unmöglich zu dieser Einschätzung gelangen. Er hielt kurz inne: "Das geht ja nicht." VfL-Mittelfeldmann Maximilian Arnold erinnerte sich selbst daran, dass er "aufpassen" müsse, was er im Nachgang dieser Partie heraus posaune. Nur wenn man das "Standbild" als einziges Beweismittel heranziehe, sagte er, ließen sich die Beweggründe für dieses verhängnisvolle Urteil erklären.

In der Tat blieb am Ende der Eindruck, dass die Play-Taste auf den Bildschirmen des Schiedsrichtergespanns defekt gewesen sein muss. Der eigentlich stets reservierte Arnold gab noch zu Protokoll: Die "ganze Bewegung", also nicht nur Guilavoguis Stollen an Lamelas Schienbein, sondern zuvor auch dessen Fuß am Ball, sei weit entfernt von einem Vergehen gewesen - und der Elfmeterpfiff deshalb "schon frech". Immerhin: Von den Tribünen in der Wolfsburger Arena schallten deutlich markigere Worte Richtung Rasen.

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