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Rassismus-Vorfall in Paris:Jetzt muss die Uefa prüfen

Moment der Geschlossenheit: Spieler und Schiedsrichter der Partie Paris gegen Basaksehir Istanbul zeigen beim Nachholspiel eine Geste gegen Rassismus.

(Foto: Xavier Laine/AFP)

Es ist wichtig, dass die Rassismus-Debatte nach dem Spielabbruch zwischen Paris und  Basaksehir fortgeführt wird. Eine Ad-hoc-Justiz auf dem Platz kann nicht dauerhaft die Lösung sein.

Kommentar von Klaus Hoeltzenbein

Zwei Szenen werden von diesem sechsten und letzten Vorrundenspieltag der Champions League in Erinnerung bleiben. In beiden spielt der Ball allenfalls eine Nebenrolle. Und in beiden ist auf den ersten Blick nicht viel zu erkennen, weil sie Menschentrauben im fahlen Scheinwerferlicht eines Stadions ohne Zuschauer zeigen. Zudem ist von zentraler Bedeutung, dass längst eine optisch-akustische Rundumüberwachung die Dramaturgie diktiert. Beide Szenen bilden die emotionale Spannweite des Fußballs ab. In Madrid die eruptive Entfesselung, als endlich feststand, dass die Gladbacher, die die endlose Nachspielzeit im Parallelspiel im 1200 Kilometer entfernten Mailand dicht gedrängt um einen Mini-Bildschirm verfolgten, erstmals das Achtelfinale der Königsklasse erreicht hatten. Und am Tag zuvor, in Paris, jene Turbulenzen um einen Rassismus-Vorfall, der spontan dazu führte, dass das Duell von Frankreichs Meister mit Basaksehir Istanbul nach 13 Minuten abgebrochen wurde. Für Chronisten: Die Fortsetzung am Abend danach endete mit 5:1.

Doch mit diesem Resultat darf dieser Vorfall nicht beendet sein. Er muss jetzt dort öffentlich nachgearbeitet werden, wo er hingehört: vor den juristischen Instanzen, in diesem Fall denen der Europäischen Fußball-Union (Uefa). Das verlangt die Sensibilität des Themas. In der Verurteilung jedweden Rassismus sind sich ja die meisten Verantwortlichen demonstrativ einig; in ihren späteren Reaktionen waren es sogar die Parteien, die in Paris verbal aufeinanderprallten.

Auch wenn trotz Richtmikrofon und Handykamera nicht alles zweifelsfrei zuzuordnen war, fürs sporthistorische Protokoll hier noch einmal die vom Spielfeldrand übermittelten Details: "Der Schwarze da drüben. Schau, wer das ist. Der Schwarze da. So geht es nicht", war aus dem rumänischen Schiedsrichter-Team zu hören. Dieses hatte sich durch Reaktionen von der Istanbuler Auswechselbank, insbesondere von Co-Trainer Pierre Webó aus Kamerun, bedrängt gefühlt. Was tief in die etymologische Forschung führt: Wurde "negru" (rumänisch: schwarz) gerufen? Oder "Negro"? Von vielen wird beides als stigmatisierend empfunden.

Es ist wichtig, dass diese Debatte geführt wird. Besser jetzt, in Corona-Zeiten, da via Lauschangriff fast alles mitgehört wird, was sich die Darsteller so zumuten. Das könnte zum Beispiel dazu führen, dass die Unparteiischen laut Uefa-Order dazu angehalten werden, die Beteiligten niemals über die Hautfarbe, sondern allein über Rückennummer und den aufs Trikot geflockten Namen zu identifizieren, was ohnehin eine Selbstverständlichkeit sein sollte. Und dazu, den wild wuselnden Betreuerstab ebenfalls mit Leibchen samt Nummer auszustatten (mit Ausnahme des Cheftrainers, dessen Name der Schiedsrichter schon kennen dürfte).

Trotzdem sollte Paris idealerweise der exemplarische Einzelfall auf großer Bühne bleiben. Natürlich steht einer Mannschaft die Option zu, nach Meldung beim Schiedsrichter den Rasen zu verlassen, wenn sie zum Beispiel aus dem Publikum massiv beleidigt wird. Eine Mannschaft, die den Rasen verlässt, liefert ein großes Bild, das Aufmerksamkeit garantiert. Wenn sich jedoch der Vorfall wie in Paris allein auf die Beteiligten auf dem Rasen bezieht, dann sollten auch betriebsinterne Mediationsverfahren greifen. Ein präziser Vermerk im Spielbericht zum Beispiel, auf dessen Grundlage später die Sportjustiz scharf sanktionieren kann. Die Uefa muss jetzt ohnehin die Akustikprotokolle prüfen, denn auch die Schiedsrichter beklagen eine als rassistisch empfundene Zumutung: "Rumänen sind Zigeuner", wollen sie gehört haben. Unwahrscheinlich, dass auch dies hinreichend geprüft wurde, bevor im Kabinentrakt das Pariser Ad-hoc-Urteil erfolgte.

© SZ/ska
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