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Champions League:Überfall der Überraschungself

Fiel dem heimischen Fußballverband erst durch seine Leistungen in Bergamo auf: der Niederländer Hans Hateboer, der gegen Valencia zweimal traf.

(Foto: VINCENZO PINTO/AFP)

Bergamos Offensive ist auch vom FC Valencia nicht zu stoppen. Nun geht es ins Viertelfinale.

Robin Gosens hatte so eine Ahnung, die sich als richtig herausstellen sollte. Es war Mitte Dezember, in Nyon wurde das Champions-League-Achtelfinale ausgelost, und Gosens, der Linksverteidiger von Atalanta Bergamo, saß zu Hause mit seiner Freundin vor dem Fernseher. Er war nervös, hat er später erzählt. Als seiner Mannschaft, dem Überraschungsteam unter den 16 Besten in Europa, der FC Valencia zugelost wurde, habe er zwar gedacht, dass er gerne ein anderes Stadion als das Mestalla in Valencia gesehen hätte, denn das kennt er bereits. Wenn schon durch Europa reisen, warum nicht etwas Neues erleben? Andererseits, und dieses Gefühl überwog schließlich, dachte er: Valencia, das ist ein machbarer Gegner.

Der in Emmerich am Niederrhein geborene Gosens, 25, der nie für einen Bundesligisten auflief, nie für eine Auswahl des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) nominiert wurde und den in Deutschland kaum jemand auf der Straße erkennen würde, gewinnt gerade im internationalen Fußball rasant an Bekanntheit. Wenn er in drei Wochen im Rückspiel in Valencia spielt, wird er immerhin gefühlsmäßig etwas Neues erleben: Er wird für den Favoriten auf den Einzug ins Champions-League-Viertelfinale auflaufen - das Hinspiel am Mittwochabend gewann Bergamo 4:1. "Atalanta ist der Stolz des italienischen Fußballs", lobte die Gazetta dello Sport. Und Tuttosport schrieb vom "himmlischen Atalanta".

Atalantas System ist untypisch für eine italienische Mannschaft

Atalanta ist nicht der reichste Klub Italiens; es ist ein Team voller Spieler wie Gosens, die nicht gerade weltberühmt sind. Es ist es eine Mannschaft nach der Machart des Trainers Gian Piero Gasperini, 62, der 2011 bei Inter Mailand nach fünf Spielen und vier Niederlagen gefeuert und danach in Italien als ungeeignet für den wirklich großen Fußball abgestempelt wurde. In Bergamo bekam er seit 2016 die Zeit, die er brauchte, um sein durchaus eigenwilliges, vor allem für Italien untypisches System zu entwickeln: Dreier-Abwehr, Pressing auf dem ganzen Feld, Offensive. Kein Team der italienischen Serie A hat in dieser Saison so viele Tore geschossen wie Bergamo: 63 in 24 Partien. Bereits in der vergangenen Spielzeit, mit Rang drei die erfolgreichste der Klubgeschichte, war die Offensive aus Bergamo die beste der Liga.

"Wir haben uns gut auf die Partie vorbereitet", sagte Kapitän Papu Gomez nach dem Spiel im Fernseh-Interview salopp. Auf dem Platz sah das so aus, als würde Bergamo die Spanier regelrecht überfallen. 4:0 stand es nach rund einer Stunde. Zwei Tore, das erste und das vierte, schoss der rechte Flügelspieler Hans Hateboer, 26. Er ist einer von zwei niederländischen Nationalspielern im Team. Ähnlich wie der andere, der 28 Jahre alte Marten de Roon im zentralen Mittelfeld, fiel Hateboer dem heimischen Verband erst durch seine Leistungen in Bergamo richtig auf. Jedenfalls debütierte Hateboer, 2017 aus Groningen nach Bergamo gewechselt, 2018 im Nationalteam. Auch de Roon spielt erst seit vergangenem Jahr regelmäßig für sein Land.

Atalanta hört nie auf, offensiv zu spielen

Noch ein Beispiel? Das 2:0 erzielte Josip Ilicic, ein 32 Jahre alter slowenischer Nationalspieler, mit 14 Saisontoren Bergamos bester Stürmer in der Liga; neulich traf er beim 7:0 gegen den FC Turin dreimal. Doch der Treffer am Mittwoch war sein erster in der Champions League. Zum 3:0, dem schönsten der vier Tore, traf der Schweizer Remo Freuler, 27 Jahre alt und 2016 für rund zwei Millionen Euro vom FC Luzern geholt. Freuler ist zwar auch Nationalspieler, aber bei der WM 2018 kam er keine Minute zum Einsatz. Er zirkelte den Ball in der 57. Minute von Halblinks außerhalb des Strafraums in die rechte Ecke. Spätestens da war klar: Die Chance ist sehr groß, dass Bergamos außergewöhnliche, erste Champions-League-Saison der Vereinsgeschichte, die in der Gruppenphase mit drei Niederlagen begonnen hatte, noch ein paar Wochen länger dauert.

Ein typisches Bergamo-Spiel war der Sieg gegen Valencia auch deshalb, weil die Italiener auch nicht aufhörten mit ihrem bedingungslos offensiven Stil, als es 4:0 stand. "Wir hätten noch mehr Tore erzielen können, wenn wir die Räume genutzt hätten, die sie uns angeboten haben", sagte Trainer Gasperini. Manchmal übertreibe es die Mannschaft etwas mit der Spielfreude, fand dagegen Kapitän Gomez. So kamen der stark ersatzgeschwächt angereiste FC Valencia immerhin zum 1:4. Am Ende hatten die Gäste 18 Mal aufs Tor geschossen, sieben Mal mehr als Bergamo.

Gasperini klagte, man habe den Ball gegen Ende zu oft zu schnell verloren und zu viel gewagt. Das gelte es im Rückspiel zu vermeiden. Und er mahnte, man brauche auch in Valencia ein Tor, um nicht den ganzen Abend zittern zu müssen. Auch deswegen werde er noch nicht feiern. Aber die rund 44 000 Zuschauer in Mailand sahen das wahrscheinlich anders. Dort, im San Siro, trägt Bergamo in dieser Saison die Champions-League-Spiele aus, das eigene Stadion wird für neue, höhere Ambitionen renoviert. "Wir haben Bergamo nach San Siro gebracht", sagte Gomez deshalb. Vielleicht wollte er damit andeuten, dass sie Bergamo noch an viele andere Orte tragen wollen.

© SZ vom 21.02.2020
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