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Deutsche Trainer im Halbfinale: Thomas Tuchel:Der Realo, der ein Fundi war

LISBON, PORTUGAL - AUGUST 12: Thomas Tuchel, Manager of Paris Saint-Germain looks on during the UEFA Champions League Q

Wegen eines Mittelfußbruchs leitet Thomas Tuchel sein Team derzeit sitzend an.

(Foto: imago images/PanoramiC)

Im Pariser Superstar-Milieu hat Thomas Tuchel sein Repertoire erweitert - Spielern wie Neymar und Mbappé lässt er Freiraum. Doch nicht nur taktisch geht er seine Arbeit nun anders an.

Von Christof Kneer

Thomas Tuchel war damals fast ein bisschen stolz, aber der Stolz hielt nur eine Nacht. Der deutsche Trainer von Paris St. Germain hatte wenige Monate nach Amtsantritt sein erstes Fernsehinterview auf Französisch gegeben, live sogar, größere Enthüllungen waren dabei weder vorgesehen noch sprachlich möglich. Umso mehr wunderte sich Tuchel, als er am nächsten Morgen aufs Gelände kam. Eine Krisensitzung drohe, flüsterte ihm jemand zu, auf dem Flur stand eine Kohorte von Menschen, die alle in familiären, freundschaftlichen oder geschäftlichen Verhältnissen zu Kylian Mbappé standen. Sie bestanden darauf, dass der Trainer ein paar Sätze geraderückt, die er am Vorabend in seinem ersten Interview gesagt hatte.

Kurz gesagt war es so, dass Tuchel sich sehr, sehr lobend über Mbappé geäußert hatte. Die Menschen auf dem Flur fanden aber, dass er sich sehr, sehr, sehr lobend hätte äußern müssen. So wie über Neymar, über den der Trainer angeblich sehr, sehr, sehr, sehr lobend gesprochen hatte.

Tuchel war zuvor Trainer in Dortmund, er war eigentlich abgehärtet. In Dortmund hatte er eine Elf gegen Widerstände zum Pokalsieg geführt, unter anderem gegen die eigene Klubführung, die ihm am Ende genauso wenig wohlgesonnen war wie er ihr. Er war wirklich kein Konzepttrainer aus Mainz mehr, er fühlte sich vorbereitet. Aber dann kam Paris, es kamen Mbappé und Neymar und die Scheichs aus Katar, die noch deutlich schwerer zu entzücken sind als Dortmunds Boss Aki Watzke.

Man darf es kurios finden, was Tuchel, 46, heute mitunter vorgehalten wird: Dass ein reiner Heldendompteur aus ihm geworden sei, dass er den Ausgang von Spielen nur noch von den Qualitäten seiner Stars abhängig mache - er, der fanatische Taktiktüftler aus Mainz, der mal einen defensiven Mittelfeldspieler namens Christoph Moritz ins offensive Mittelfeld stellte und ihn "meinen Auswärts-Zehner" nannte.

Ist Tuchel, der das Spiel einst so innovativ aus der Sicht der Kleinen dachte, etwa ein Coach für Großkopferte geworden, der Neymar und Mbappé nur noch die portugiesisch/französische Übersetzung für "Geht's raus und spuit's Fußball" diktiert?

Natürlich hat gerade jeder gesehen, wie Neymar und Mbappé der PSG-Elf im Viertelfinale mal wieder das Leben gerettet haben, aber Tuchel findet nicht, dass man das gegen ihn verwenden sollte. Er hat ja vom ersten Tag an gemerkt, wo er da hingeraten ist: in einen Verein, von dem das Klischee behauptet, er verfüge über 20 Weltstars - die Wahrheit ist aber, dass Tuchels Kader viel weniger ausbalanciert ist als bei Klubs mit vergleichbaren Ansprüchen. Seine besten drei, vier Spieler sind mindestens so gut oder besser als die drei, vier Besten der Konkurrenz - aber sein siebt- oder elftbester Spieler ist sicher weniger gut als der aus München oder Manchester. Sein PSG-Kader hat eine extreme Spitze, aber deutlich weniger Breite - was also spricht dagegen, diese Spitzen auch zu pflegen?

"Ein sehr, sehr interessanter europäischer Trainer", findet Fabio Capello

Der große Italiener Fabio Capello, inzwischen 74, hat viele Teams trainiert, die randvoll waren mit großen Stars und ihren noch größeren Egos, er war bei Milan nach Arrigo Sacchi und beim Real Madrid der späten Galáctico-Phase. Capello weiß, wo er hinschauen muss, und er hat nach dem Sieg von PSG gegen Bergamo etwas gesehen, was ihn beeindruckt hat. "Wie die Spieler gemeinsam verteidigt haben, wie sie sich gegenseitig unterstützt und später umarmt haben, zeigt mir, dass das Team die Werte des Trainers vertritt", sagte Capello der SZ. Er rechnet Tuchel inzwischen unter seinesgleichen, "ein sehr, sehr interessanter europäischer Trainer" sei das.

Im Superstar-Milieu von PSG hat Tuchel sein Repertoire erweitert, er hat sich vom Fundi zum Realo entwickelt, ohne seine fundamentalistische Sozialisation zu vergessen. Er ist schon noch gern der versierte Coach aus dem Nachwuchsinternat, der einen Auswärts-Zehner erfindet; aber er weiß auch, dass es seinem Team nur schadet, wenn er ihm die Spitzen schneidet. Er will die Helden auch mal Helden sein lassen, er möchte ihr Genie zum Leuchten bringen, ohne die anderen Spieler zu verlieren; wem dieser Hochseilakt gelingt, der gilt als Trainer aus der Capello-Liga.

Einer, der Tuchel eng begleitet, sagt, der Trainer habe seinen Zugang zum Job "stark verändert". Er reibt sich weniger in innenpolitischen Debatten auf, er lässt den Sportdirektor Leonardo die Personalien planen, er schaut sich dieses schillernde PSG an wie einen seltenen Schmetterling - und konzentriert sich mehr denn je auf seine Arbeit als Trainer. Und er begreift auch nicht mehr jedes Spiel als Habilitationsschrift - er wechselt nicht siebenmal pro Spiel das System, er lässt seine Elf im 4-4-2 oder 4-3-3 spielen; aus dem einfachen Grund, weil sie sich wohlfühlt damit.

"Wenn so viele Variablen im Spiel sind und so viel Qualität drinsteckt, ist der Schlüssel, bei sich selbst zu bleiben", sagt Tuchel vor dem Spiel gegen Leipzig, ein interessanter Satz. Er will gar nicht erst rein ins Trainerbattle mit dem wilden Julian Nagelsmann, er will keine Kunststücke coachen. Er will einfach nur in dieses Finale.

© SZ vom 18.08.2020/chge
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