Tottenhams Lucas Moura Der Supersupersuperheld

Ungläubig über die eigene Leistung: Lucas Moura von Tottenham Hotspur.

(Foto: AP)
  • Tottenham Hotspur gewinnt 3:2 bei Ajax Amsterdam und zieht ins Champions-League-Finale ein.
  • Alle drei Treffer erzielt Lucas Moura - den letzten in der sechsten Minute der Nachspielzeit.
  • Hier geht es zu den Stimmen zum Halbfinale.
Von Benedikt Warmbrunn, Amsterdam

Um ihn herum schwirrten noch alle wie ein ergrünter Bienenschwarm, hier eine Umarmung, dort eine Umarmung, und natürlich viele Fotos, nicht dass noch einer diese Nacht vergisst. Er selbst hatte auch jedes Mitglied der Delegation aus London umarmt, der 16 Zentimeter größere Jan Vertonghen hatte es sogar geschafft, ihn dabei komplett verschwinden zu lassen, obwohl beide noch standen. Aber nun saß er von allen unbeachtet auf dem Rasen der Arena von Amsterdam, auf dem Rasen, auf dem er die verrückteste Fußballnacht seiner Karriere erlebt hatte. Bei ihm war nur noch der Ball, er versteckte ihn unter seinen Beinen.

Und weil ihn gerade niemand umarmen oder fotografieren wollte, lehnte er den Kopf an die eigene Schulter. Lucas Moura, der Mann, der Tottenham Hotspur ins Finale der Champions League geschossen hatte, war erschöpft.

Doch dieser Mittwochabend in Amsterdam war keiner für ruhige Momente, und so blieb auch Lucas Moura nicht lange alleine. Schon kam wieder ein Mitspieler herbei, das Handy gezückt, vielleicht jetzt noch ein Foto in Denkerpose? Lucas Moura nahm den Kopf von der eigenen Schulter. Dann machte er eine Denkerpose, ganz kurz nur. Dann war auch diese Inszenierung wieder vorbei.

Champions League "Das ist die schlimmste Art auszuscheiden"
Stimmen

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Nach dem "brutalen" Aus in der Champions League ist die Trauer bei Ajax Amsterdam groß. Tottenhams Trainer adelt seine Spieler als "Helden". Stimmen zum Spiel.

"Es ist unmöglich zu beschreiben, was ich gerade fühle"

Der Fußball bringt immer wieder Spieler hervor, die sich ihrer eigenen Heldenhaftigkeit gerne bewusst sind, die sich auf dem Platz hauptsächlich als Litfaßsäule der eigenen Großartigkeit sehen. Lucas Rodrigues Moura da Silva, 26 Jahre alt, aufgewachsen in São Paulo, war am Mittwochabend ein bescheidener Held. Er wirkte wie ein Mann, der selbst noch nicht fassen konnte, was da gerade mit ihm passiert war.

3:2 hatte Tottenham Hotspur das Rückspiel im Halbfinale der Champions League bei Ajax Amsterdam gewonnen, nach einem 0:1 im Hinspiel, und auch im Rückspiel lag das Team bereits mit zwei Treffern zurück. Alle drei Tore für die Spurs hatte Lucas Moura erzielt, das letzte davon in der sechsten Minute der Nachspielzeit. Er könnte sich nun Stolz gönnen, sogar ein bisschen Überschwang. Lucas Moura sagte: "Es ist unmöglich zu beschreiben, was ich gerade fühle." Vielleicht waren es genau die richtigen Worte, was sollte er auch sagen, nach so einem Abend.

Zum ersten Mal steht Tottenham nun im Finale der Champions League, als Außenseiter gegen den FC Liverpool. Aber am Mittwoch in Amsterdam hatten Lucas Moura und seine Mitspieler viel von dem gezeigt, was die Spurs auch am 1. Juni in Madrid gefährlich machen kann. Sie hatten sich von den Toren von Ajax nicht irritieren lassen, unersättlich hatten sie angegriffen. In der Halbzeit hatte Trainer Mauricio Pochettino sein Gespür für das Spiel demonstriert, mit einem Wechsel hatte er die Balance endgültig zugunsten seiner Mannschaft gedreht: Er brachte den Stürmer Fernando Llorente, der jeden Ball sicherte, der dadurch Ajax weiter zurückdrängte. Vor allem aber war es ein Erfolg des Willens. Weil da auf dem Rasen eine Mannschaft rannte und rannte und rannte, die einfach nicht daran glaubten wollte, dass das Ausscheiden schon beschlossen sein könnte, nicht bis zur letzten Sekunde der Nachspielzeit wollte sie es glauben.

"Das war kein taktischer Abend", sagte Mittelfeldspieler Christian Eriksen, "das war ein Abend der harten Arbeit." Er überlegte. Dann korrigierte er: "Ein Abend der harten Arbeit - und der von Lucas Moura." Es war der Abend des Mannes, der sich schon so oft gegen alle Prognosen durchgesetzt hatte, im Fußball, und auch im Leben.