Tottenham Hotspur Manchmal zu spursy

Tottenhams Christian Eriksen feiert seinen Treffer zum 1:0 gegen Burnley.

(Foto: Action Images via Reuters)
  • Borussia Dortmund trifft im Achtelfinale der Champions League auf Tottenham Hotspur.
  • Das Team aus England hat im Sommer keine neuen Spieler verpflichtet und unterscheidet sich dadurch von vielen anderen Premier-League-Klubs.
  • Zwar ist die Elf von Trainer Pochettino Dritter in der Premier League. Doch gerade gegen Spitzenklubs gibt es zu oft Niederlagen.
Von Thomas Hürner

Unter englischen Fußballfans hat sich ein Adjektiv etabliert, sie benutzen es meist mit einem etwas hochmütigen und abschätzigen Lächeln. Wenn jemand spursy ist, dann ist er nicht gerade souverän, sondern eher etwas tölpelhaft. Auch Mauricio Pochettino, der Trainer des Vereins, auf den dieser ironische Ausspruch zurückgeht, gilt unter ihnen als spursy - und das obwohl er bei den Tottenham Hotspur, dem Gegner von Borussia Dortmund im Achtelfinale der Champions League, bemerkenswert gute Arbeit leistet.

Doch genau das ist so spursy an ihm und seiner Mannschaft, denn trotz dieser bemerkenswert guten Arbeit schaffen sie es nicht, auch mal Titel zu gewinnen. Die Spurs haben eine junge, aufregende Mannschaft, sie spielen auch erfrischenden, aufregenden Fußball - doch wenn es wirklich darauf ankommt, dann sind andere einfach abgebrühter und souveräner.

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Das ist vielleicht der größte Unterschied zwischen Tottenham und dem BVB. Auch wenn sie sich in Dortmund derzeit alle Mühe geben, den Vorsprung auf die Verfolger in der Bundesliga nicht zu euphorisch zu kommentieren: Die Meisterschale ist möglich in dieser Saison, für viele gilt sie in Anbetracht eines schwächelnden FC Bayern sogar als ziemlich wahrscheinlich. Die Dortmunder haben zwar eine turbulente vergangene Spielzeit hinter sich, 2017 gewannen sie unter Trainer Thomas Tuchel aber den DFB-Pokal, zuvor gab es die erfolgreiche Ära unter Jürgen Klopp. Der letzte große Titel der Spurs, der FA-Cup-Sieg, datiert aus dem Jahr 1991, zum letzten Mal Meister wurden sie 1961.

Die Leistungsdichte in der Premier League ist höher als in Deutschland, an der Spitze tummeln sich Mannschaften wie Manchester City, Manchester United, der FC Chelsea und der FC Liverpool. Immer wieder hat es in den vergangenen Jahren so ausgesehen, als könnten die Spurs im Kampf um die Meisterschaft am traditionellen Spitzenfeld vorbeiziehen. Sie scheiterten aber jedes Mal an einer Mischung aus mangelnder Nervenstärke und Naivität.

Junge Mannschaft, hohe Erwartungen

Die Mannschaft von Trainer Pochettino ist für ihr hohes Niveau vergleichsweise unerfahren. Die wichtigsten Stützen im Kader sind der Mittelfeldspieler Eric Dier, 24, Spielmacher Dele Alli, 22, und der wohl prominenteste Profi im Tottenham-Kader, Kapitän und Mittelstürmer Harry Kane, 25. Pochettino betont bei jeder Gelegenheit, dass er es liebe, mit jungen Spielern zu arbeiten. "Ich sehe mich in jedem von ihnen, weil auch ich immer Trainer hatte, die junge Spieler fördern wollten", hat er der BBC gesagt.

Ihm bleibt aber auch nichts anderes übrig. Während die englische Konkurrenz auch in diesem Sommer hohe Millionensummen in neue Profis investierte, hat Tottenham keinen einzigen Spieler verpflichtet. Die internationalen Top-Spieler wechseln zu den ganz großen Klubs,Tottenham kann im englischen Millionenpoker nicht ganz mithalten. Der Fokus liegt vornehmlich auf jungen Akteuren mit Entwicklungspotenzial, in der vergangenen Transferperiode konnten die Spurs aber nicht die richtigen Spieler für ihr Projekt finden. Deshalb soll Pochettino das bestehende Kollektiv weiterentwickeln. Im Sommer hatte er deshalb vor seiner "mit Abstand schwierigsten Saison" als Tottenham-Coach gewarnt.

Die Fans haben sich aber daran gewöhnt, dass ihr argentinischer Trainer den schnellen und gradlinigen Spurs-Fußball immer effizienter macht. Und nun haben sich die Spurs schon wieder auf den dritten Tabellenplatz gespielt, sie liegen fünf Punkte vor dem Fünften Arsenal - dem Tabellenplatz also, der nicht mehr für die Champions League qualifiziert.

"Tottenham ist nicht mehr so weich, rückgratlos und lächerlich wie in den 30 Jahren zuvor", hat der ehemalige Manchester-United-Profi Gary Neville kürzlich bei Sky Sports gesagt. Der frühere Kapitän von Manchester United hat das als Kompliment an Pochettinos Arbeit gemeint. Nur: Gegen die anderen Spitzenklubs tat sich Tottenham bislang schwer, gegen Meister Manchester City, Liverpool und Stadtrivale Arsenal setzte es drei der bislang vier Liga-Niederlagen.

In der Champions-League-Vorrunde spielten die Spurs unter ihren Möglichkeiten, das Weiterkommen in der Gruppe B hatten sie einem Ausrutscher von Inter Mailand zu verdanken. Der italienische Klub spielte gegen den Tabellenletzten PSV Eindhoven im eigenen Stadion nur 1:1, bei einem Mailänder Sieg wäre Tottenham raus gewesen. So aber kommt es im Februar zum Duell mit Borussia Dortmund, einer Mannschaft, die ebenfalls ausgesprochen jung ist und geradlinig nach vorne spielt.

Tottenham verfolge einen ähnlichen Ansatz wie der BVB, sagte Dortmunds Sportdirektor Michael Zorc nach der Auslosung. Klubboss Hans-Joachim Watzke sagte: "Ein starker Gegner, die Chancen stehen fifty-fifty." Bereits in der vergangenen Champions-League-Saison trafen beide Mannschaften in der Gruppenphase aufeinander, damals siegte Tottenham in Hin- und Rückspiel. Dortmund befand sich zu diesem Zeitpunkt aber in der Krise und trennte sich wenig später von Trainer Peter Bosz. Mit dabei in der Gruppe damals: Real Madrid, der spätere Titelträger.

Als deren Coach Zinédine Zidane nach seinem dritten Champions-League-Triumph seinen Rücktritt erklärte, stand Pochettino laut spanischen Medien ganz oben auf der Liste von Real-Präsident Florentino Pérez. Pochettino zog es aber vor zu bleiben, er wollte die Grenzen bei den Spurs noch ein Stück weiter ausreizen. Dass ihn einige englische Fußballfans spursy finden, scheint ihm egal zu sein.

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