Champions League: Stuttgart siegtDie schwäbische Verwandlung

Lesezeit: 3 Min.

Was denkt jetzt Markus Babbel? Im ersten Spiel unter Christian Gross feiern quirlige Stuttgarter ein 3:1 gegen Urziceni und den Einzug ins Achtelfinale - und stellen einen Champions-League-Rekord auf.

Es waren quälende Wochen in Stuttgart gewesen, zäh spielte der VfB, unfassbar zäh, und nie traf die Mannschaft, wenn sie auf die Kurve mit der Baustelle im heimischen Stadion zulief. Das wirkte schon arg symbolisch: eine Großbaustelle im Stadion und eine Mannschaft, die regelmäßig in ihre Einzelteile zerfiel. Und dann kam dieser Mittwoch, dieser irrsinnige Mittwoch, an dem das Team auf unerklärliche Weise verwandelt aus der Kabine schritt.

Ciprian Marica bejubelt ein Tor, sein bestes Spiel im VfB-Dress und den Einzug ins Achtelfinale.
Ciprian Marica bejubelt ein Tor, sein bestes Spiel im VfB-Dress und den Einzug ins Achtelfinale. (Foto: Foto: dpa)

3:1 (3:0) besiegte der VfB Stuttgart in seinem letzten Gruppenspiel der Champions League den rumänischen Klub Unirea Urziceni, was bedeutet, dass die Stuttgarter ins Achtelfinale eingezogen sind. In der Bundesliga stehen sie auf dem 16. Platz, auf der europäischen Bühne zählen sie nun zu den besten 16 Klubs des Kontinents. "Ich habe so etwas in meiner Karriere noch nicht erlebt", sagte Mittelfeldspieler Sami Khedira, "die Mannschaft hat gezeigt, dass sie weiß, um was es geht."

Eine drängende Frage in Stuttgart lautete am Mittwochabend: Was denkt Markus Babbel gerade, der als Trainer des VfB am Wochenende entlassen worden war? Der alles versucht hatte, der freundlich war, der unfreundlich war, der die Mannschaft beschwor, besänftigte und anschrie und doch nichts erreichen konnte als den immergleichen, zähen Fußball. Christian Gross, der Schweizer, war statt seiner verpflichtet worden, und was soll der groß getan haben in den paar Tagen?

Was auch immer es war: Es führte zur schnellsten 3:0-Führung, die je in der Champions-League erzielt worden ist. Es standen dieselben Spieler auf dem Platz, denen während so vieler Wochen einfach nichts gelingen wollte, die am Ende verunsichert gewirkt hatten, beinahe ängstlich. Und nun entfachten sie binnen Minuten ein Feuerwerk des Fußballs, wie man es selten sieht. "Wir haben den Gegner überrascht mit unserer vertikalen Spielweise", sagte der Gross, "man konnte in der kurzen Vorbereitungszeit nicht allzu viel tun, man kann aber auf die Spieler einwirken. Man kann ihnen Vertrauen geben, ihnen sagen, dass es ein Spiel für die Karriere werden kann."

Sami Khedira konnte wieder mitwirken, und wie wichtig er für die Mannschaft ist, zeigte er bereits nach fünf Minuten. Er brachte eine präzise Flanke in den Strafraum, Ciprian Marica schraubte sich in die Luft und beförderte den Ball per Kopf zum 1:0 ins Netz. Was für ein Beginn, so überraschend, so furios. Das Publikum schaute erst verwundert und jubelte dann erfreut. So könnte es weitergehen, mögen sich die Stuttgarter gedacht haben, und so ging es weiter.

In der achten Minute passte Timo Gebhardt auf Christian Träsch, der lief und lief mit dem Ball, verfolgt von den rumänischen Verteidigern, schließlich jagte er die Kugel aus 16 Metern zum 2:0 ins Tor, als wäre es die einfachste Sache der Welt. Es wirkte unfassbar. War das wirklich der VfB? Oder waren die Bayern aus Turin vorbeigekommen und hatten sich die weißen Trikots mit dem roten Brustring übergestreift?

Ein kleines bisschen Spannung

Und das war ja noch nicht alles. In der elften Minute war es wieder der umtriebige Khedira, der eine gefährliche Situation einleitete: Er passte scharf in den Strafraum, Pawel Progrebnjak kam an den Ball, mit Wuchte setzte er sich gegen zwei Verteidiger durch und schoss durch die Beine des Torwarts Giedrius Arlauskis hindurch. 3:0 stand es nun, es war noch nicht mal eine Viertelstunde vorbei - und alle drei Tore waren auf der Baustellenseite des Stadions gefallen, dort also, wo die Elf in dieser Saison noch gar nicht getroffen hatte. Das bedeutete zugleich einen Rekord in der Geschichte des Wettbewerbs. Was also mag Markus Babbel gedacht haben? So lange hatte er auf ein Spiel dieser Art gewartet. Nun war es da, aber er, Babbel, saß nicht mehr auf der Bank, um es zu bejubeln.

Stattdessen bejubelte Christian Gross die Tore voller Freude, zudem gab er bisweilen Zeichen, die zu deuten aus der Ferne nicht ganz einfach war - es handelte sich sicherlich um taktische Anweisungen, die alle umgehend fruchteten. Die Stuttgarter brachten die Halbzeit locker zu Ende, sie ließen die eine oder andere Chance aus (Marica, Khedira) und gingen unter Beifall in die Kabine. Beifall von den Fans - das tat gut, nachdem sich einige Anhänger zuletzt arg danebenbenommen und wüste Drohungen ausgestoßen hatten. Manchmal ist es vielleicht zu einfach im Fußball: Ein paar Törchen, und alles ist wieder gut.

Die Partie war entschieden, aber sie musste ja noch zu Ende gespielt werden. Damit noch ein kleines bisschen Spannung aufkommen konnte, erzielte Urziceni den Anschlusstreffer (Semedo, 46.), anschließend spielten die Rumänen jedoch, als wäre ein 1:3 aus ihrer Sicht das Ergebnis, das zum Weiterkommen reichte. Dem war nicht so, übers Weiterkommen und die damit verbundenen Prämien freut sich nun der VfB, der in der zweiten Hälfte nicht immer sicher wirkte, aber doch deutlich besser als zuletzt. "Ich hoffe, dass wir den Schwung mitnehmen können für die wichtigste Aufgabe", sagte Gross, "nämlich den VfB vor dem Abstieg zu retten."

© SZ vom 10.12.2009 - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
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Thomas Hummel, Stuttgart

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