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Champions League:Vorauseilende Paranoia im Halbfinale

Real Madrid: Präsident Florentino Pérez spricht im Santiago Bernabeu

Behauptet immer noch, dass die Super League kommt - steht mit dem Plan aber längst alleine da: Real-Präsident Florentino Pérez

(Foto: Ángel Rivero/Marca/imago)

Nach dem Super-League-Desaster suggerieren spanische Medien, die Real Madrid nahestehen, dass die Uefa sich bei Florentino Pérez rächen will: durch Schiedsrichterentscheidungen im Duell gegen Chelsea.

Von Javier Cáceres

Freitagvormittag hatte Spanien wahrlich andere Sorgen als den Fußball und die Super League. Hätte man zumindest meinen können.

Zehn Tage vor den Regionalwahlen in Madrid war bekannt geworden, dass Pablo Iglesias, der frühere spanische Vizeregierungschef und Spitzenkandidat der Linkspartei Unidas Podemos, einen Drohbrief erhalten hatte, der mit Patronen für ein Sturmgewehr bestückt war. Innenminister Fernando Grande-Marlaska und die Chefin der Guardia Civil, María Gámez Gámez, erhielten ähnliche Post.

Doch in der Debattensendung "Al Rojo Vivo" (in etwa: "Alarmzustand") wurde das Gespräch über die Frage, was diese Eskalation der erbitterten Schlacht um Madrid - und die heraufziehende mögliche Regierungsbeteiligung der ultrarechten Partei Vox - bedeute, kurzfristig unterbrochen. Frei nach dem Motto der Monty Pythons: "And Now For Something Completely Different."

Die Exekutive des europäischen Fußballverbandes Uefa hatte - mäßig überraschend - entschieden, die Initiatoren der Super League und damit auch Real Madrid vorerst nicht zu bestrafen. Zur Erinnerung: Die Pläne, eine exklusive private Superliga zu gründen, war von zwölf Topklubs aus Spanien, Italien und England in der vergangenen Woche verkündet und nach Protesten und Strafandrohungen wieder kassiert worden.

Im Raum gestanden hatte nichts weniger als ein Ausschluss der zwölf Uefa-Separatisten aus dem laufenden Wettbewerb, in dem Real Madrid im Halbfinale steht und an diesem Dienstag um 21 Uhr den FC Chelsea zum Hinspiel empfängt. Doch dem Moderator der Sendung stand der Sinn nicht nach Entwarnung. Im Gegenteil: Es stünden viel subtilere Strafen im Raum, wusste er zu berichten.

Gegenschlag von Uefa-Chef Ceferin?

Real Madrid werde, stehe zu befürchten, gegen Chelsea durch den Schiedsrichter benachteiligt werden. Eine banale, launige Einschätzung? Nun: Ebendieser TV-Moderator, Antonio García Ferreras, ist nicht irgendwer. Er war einst der News-Chef des größten Radiosenders des Landes (Cadena SER) und ist immer noch einer der einflussreichsten TV-Leute Spaniens. Vor allem gibt es kaum einen Journalisten, der Florentino Pérez näher stünde als Ferreras. Er war vor geraumer Zeit Kommunikationschef von Real Madrid - unter dem Klubpräsidenten Pérez.

Und Ferreras stand alles andere als allein: Josep Pedrerol, Gastgeber der grellen Fußball-Talksendung El Chiringuito, verbreitete ebenfalls vorauseilende Verschwörungstheorien: Real Madrid werde gegen Chelsea gleich zwei Elfmeter überwinden müssen, um das Finale zu erreichen. Absurde Paranoia?

Kurios ist das Geraune allemal. Vor allem vor dem Hintergrund, dass Real Madrid mit 13 Titeln Champions-League-Rekordsieger ist. Der im spanischen Volksmund verankerte Reim kommt einem in den Sinn, wonach der Dieb glaube, alle würden seinem Naturell entsprechen. So oder so: Das Echo auf die Theorien war mehr als nur "vernehmbar".

Nicht nur in den sozialen Netzwerken, auch in mehr oder weniger seriösen Radiosendungen wurde über die Frage debattiert, ob Uefa-Chef Aleksander Ceferin über das Schiedsrichterteam zum Gegenschlag ausholen würde - sprich: vor allem gegen Real Madrid, die federführende Super-League-Triebkraft und, im Umkehrschluss, zugunsten von Paris Saint-Germain. Die katarischen Eigner der Franzosen hatten das Super-League-Projekt boykottiert - und damit entscheidend sabotiert. Der FC Chelsea wiederum war, auch unter dem Druck der eigenen Fans, einer der ersten Klubs gewesen, die sich vom Projekt distanzierten.

Wenigstens über zu wenig Spott kann Pérez sich nicht beklagen

Am Montag erreichte das Echo aus Spanien auch Chelseas deutschen Trainer Thomas Tuchel. Er musste in der Pressekonferenz erklären, dass er "zu hundert Prozent der Uefa vertraue". Dass es "einen Vor- oder Nachteil wegen politischer Diskussionen geben" könne, "will nicht in meinen Kopf hinein", sagte der vormalige Bundesligacoach. In Spanien sieht man das freilich etwas anders. Ganz Europa schaue auf den Schiedsrichter, schrieb Madrids auflagenstärkstes Sportblatt Marca am Dienstag, über der Titelschlagzeile "Fairplay, Ceferin...".

Real Madrids Verteidiger Rapahel Varane und Trainer Zinédine Zidane erfuhren von dem Geraune schon am Montag. Sie mussten mehr als ein halbes Dutzend Fragen zum niederländischen Referee Danny Makkelie beantworten; Zidane bekam sie sogar in drei verschiedenen Sprachen gestellt. "Der Schiedsrichter wird wie immer seine Arbeit machen", sagte Zidane.

Erst ermattet, dann empört: Auf der Pressekonferenz vor dem Halbfinal-Hinspiel der Champions League wird Real-Trainer Zinédine Zidane ausgiebig zum Referee befragt

(Foto: Pierre-Philippe Marcou/AFP)

Irgendwann glitt seine offenkundige Ermattung dann in Empörung ab - als er gefragt wurde, ob Real Madrids Ruf durch das Super-League-Projekt einen Schaden erlitten habe, und ob er, Zidane, es nun für angebracht halte, "als Legende des Fußballs" seinem Präsidenten öffentlich Unterstützung auszusprechen. So steht es inzwischen also um Pérez: Wenigstens über zu wenig Spott kann er sich nicht beklagen.

Weil er an seinen Super-League-Plänen offiziell festhält, obwohl alle abspringen, karikierte Uefa-Boss Ceferin den stolzen spanischen Bau-Milliardär als den legendären Schwarzen Ritter aus der Monty-Python-Komödie "Die Ritter der Kokosnuss". Der Schwarze Ritter hält sich für unbesiegbar - und versichert, dass er "nur Schrammen" erlitten habe, während er eine Extremität nach der anderen verliert. Und dass er sich verzockt habe, das las Pérez diesmal nicht nur in kleinen Sportblättern, die Real Madrids Erzrivalen FC Barcelona nahestehen, sondern auch da, wo es dem Kapitän eines global operierenden Konzerns wehtut: in weltweit beachteten Finanzblättern.

JP Morgan bekennt sich dazu, beim Super-League-Abenteuer einem "klaren Fehlurteil" erlegen zu sein

"Die Super League machte Pläne für 23 Jahre. Sie scheiterten in 48 Stunden", höhnte das Wall Street Journal. Und in der Financial Times wurde Pérez balkenbreit als ein Manager portraitiert, der eine weitgehend beispiellose "Demütigung" erfahren und "durch ein PR-Desaster jene Art von Inkompetenz offenbart hatte, die sich nur Milliardäre leisten können". Pérez hatte versucht, sein Super-League-Projekt medial beim Fußballstammtisch El Chiringuito zu platzieren. Das ist möglicherweise nicht der beste Ort, wenn man ein 3,5 Milliarden schweres, von der Investmentbank JP Morgan finanziell betreutes Zukunftsmodell vorstellen möchte.

JP Morgan wiederum bekannte am Freitag, beim Super-League-Abenteuer einem "klaren Fehlurteil" erlegen zu sein, "wir werden daraus lernen". JP Morgan ist einer der Hauptpartner von Real Madrid beim Stadionumbau. Die Bank ist eines der federführenden Institute bei einem Kredit über knapp 600 Millionen Euro, die irgendwann zurückgezahlt werden müssen. Mit dem Geld der Super League, das war mal der Plan.

Was nun folgt, wird spannend zu sehen sein, und damit ist nicht gemeint, was die Schiedsrichter der Partien Real Madrid gegen Chelsea anrichten können. Sondern was Pérez wohl machen wird. Er mag zwar nicht um seine Arme beraubt sein wie der Schwarze Ritter der Monty Pythons. Aber er ist verwundet, und mithin in einem Zustand, in dem er gern zu Gegenschlägen ausholt.

© SZ/cca/and/bek
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