Süddeutsche Zeitung

Champions League: Real - Barça:Das Gift des José

Nach dem Champions-League-Halbfinale gegen Barcelona lenkt Real-Trainer José Mourinho vom eigenen Versagen ab und übertrifft sich selbst. Er greift den Schiedsrichter an, die Uefa, Barça-Trainer Guardiola. Und die ganze Welt.

Thomas Hummel

Es ist inzwischen schwer festzustellen, ob José Mourinho, der "puto amo" des Pressesaals, wie ihn Josep Guardiola nannte, seine Worte als psychotaktische Angriffe einsetzt. Oder ob er wirklich glaubt, was er da sagt.

Etwa eine Stunde, nachdem der FC Barcelona das völlig überhitzte erste Champions-League-Halbfinale 2:0 gewonnen hatte, setzte sich der Trainer von Real Madrid vor die internationale Presse. Und legte los, wie vielleicht selbst der "puto amo", frei übersetzt der "verdammte Chef", noch nie losgelegt hat.

"Wir sprechen von einer phantastischen Mannschaft, dem FC Barcelona, damit niemand meine Worte verdreht", begann Mourinho. Doch zum Verdrehen gab es keinen Anlass, denn die Worte waren so eindeutig, dass selbst der böswilligste Wortverdreher nichts mehr zum Drehen gefunden hätte.

"Manchmal ekelt es mich ein wenig an, auf dieser Welt zu leben, aber so ist unsere Welt." Voll Ekel sprach Mourinho dann über Schiedsrichter Wolfgang Stark aus Landshut, der sich in einem von Real Madrid wieder überhart geführten Duell mit dem Erzrivalen erlaubt hatte, das überharte Einsteigen der Gastgeber irgendwann zu ahnden. "Wir müssen nun voller Stolz nach Barcelona fahren, ohne Pepe, der nichts gemacht hat, ohne Ramos, der nichts gemacht hat und ohne den Trainer, der sich nicht auf die Bank setzen darf."

Sergio Ramos hatte nach einem Foul an Lionel Messi völlig zu Recht von Stark eine gelbe Karte gesehen, womit der Verteidiger für das Rückspiel gesperrt ist. Pepe hatte nach einem vehementen Foul an Dani Alves Rot gesehen, eine harte aber vertretbare Entscheidung und eine Folge des sehr körperbetonten Spiels der Gastgeber. Anschließend unterstellte Mourinho dem Schiedsrichter-Assistenten, einen vorher verabredeten Auftrag auszuführen, um Real Madrid zu schwächen. "Well done" - "Gut gemacht" rief er ihm zu, reckte den Daumen nach oben, zwinkerte ihm zu und sah dabei aus wie der oberste Mafia-Pate der Provinz Madrid. Schiedsrichter Stark verwies Mourinho auf die Tribüne.

Doch nicht nur der (in dieser hitzigen Partie außerordentlich gut pfeifende) deutsche Schiedsrichter wurde Opfer von Mourinhos Verschwörungstheorien. Auch der europäische Fußball-Verband Uefa soll sich konspirativ mit dem Rivalen aus Barcelona zusammengetan haben. "Heute wurde demonstriert, dass du gegen Barcelona keine Chance hast. Weil die Uefa lässt keine andere Mannschaft gegen sie gewinnen", fabulierte Mourinho. "Ich verstehe nicht warum. Vielleicht, weil sie für Unicef geworben haben. Vielleicht, weil sie sehr sympathisch sind." Und: "Ich hoffe, dass ich nicht mein ganzes Leben mit dieser Frage leben muss und eines Tages eine Antwort erhalte."

Dass Mourinho ein Meister darin ist, die Schuld an Niederlagen bei anderen zu suchen, daran hat sich die Fußball-Gemeinde inzwischen gewöhnt. Während ihm das Umfeld des eigenen Vereins für die "Wir-gegen-alle"-Stimmung dankt und die Reihen schließt, blickt der Rest verwundert bis belustigt auf diesen skurrilen Mann, der mit seinem bizarren Verhalten den faszinierenden Bösewicht im Fußballtheater gibt.

"Arbeit, Stolz, Kraft und Schweiß"

Doch mindestens der FC Barcelona ist diesmal ganz und gar nicht belustigt.

Denn auch Trainer Josep Guardiola bekam seine Breitseiten. "Josep Guardiola ist ein phantastischer Trainer", leitete Mourinho seinen Angriff wieder mit einem Kompliment ein, "aber sein erster Champions-League-Sieg wäre mir peinlich nach dem Skandal von der Stamford Bridge. Und dieses Jahr, wenn er wieder gewinnt, wäre es mit dem Skandal von Bernabéu."

Mourinho spielte an auf die Halbfinal-Partie 2009 zwischen dem FC Chelsea und Barcelona, als der norwegische Schiedsrichter Tom Henning Øvrebø in letzter Minute ein Handspiel des Barça-Stürmers Samuel Eto'o im Strafraum nicht mit einem Elfmeter ahndete, wonach Barcelona ins Finale einzog.

Die Champions-League-Titel Mourinhos mit dem FC Porto und Inter Mailand hingegen beruhten selbstredend alleine auf "Arbeit, Stolz, Kraft und Schweiß". Und er schickte dem Barça-Trainer noch einen vergifteten Wunsch hinterher: "Guardiola verdient einen Champions-League-Sieg ohne Zwischenfälle."

Später teilte der FC Barcelona mit, dass sich die Rechtsabteilung des Klubs mit den Erklärungen Mourinhos beschäftigt und sich offenhält, die Disziplinarkommission der Uefa einzuschalten.

Es gibt in der Fußballwelt einige Akteure, die mit Verweis auf einen diskutablen Schiedsrichter-Pfiff von ihrem eigenen Versagen ablenken wollen. Aber niemand beherrscht diese Kunst so wie José Mourinho. Und niemand zieht die Show so gnadenlos durch, wie der Portugiese. Denn das Spiel zuvor hatte den Eindruck hinterlassen, dass Real Madrid sich schlicht und einfach mit einer Extrem-Taktik verspekulierte.

Das stolze Madrid hatte im heimischen Santiago-Bernabéu-Stadion nur ein Ziel: Zerstörung. Mit allen Männern sollte das Kombinationsspiel des Gegners unterbunden werden, Mourinho stellte vor die Vierer-Abwehrkette mit Pepe, Xabi Alonso und Lassana Diarra weitere drei Zweikampf- und Grätschspezialisten. Selbst die Offensiven Cristiano Ronaldo, Mesut Özil und Ángel Di María wurden zum Abwehrdienst eingeteilt. Ronaldo erlaubte sich sogar leise Kritik an der Mourinho-Taktik: "So zu spielen, gefällt mir nicht. Aber ich musste mich anpassen."

Die 0:0-Taktik wäre vielleicht sogar mit zehn Spielern aufgegangen, wäre nicht Linksverteidiger Marcelo nach 76 Minuten leicht weggerutscht, der Niederländer Ibrahim Affelay nutzte die Gelegenheit zum Sprint, zur Flanke, und Lionel Messi spitzelte den Ball zum 1:0 für die Gäste ins Ziel. Das raubte Madrid seinen Mut und seine Kraft, und Messi schloss am Ende noch ein enormes Solo zum 2:0 ab. Es war ein Sieg des Spiels gegen Härte und eine Schneid-abkauf-Strategie, die an diesem Abend im Gegensatz zum Pokalfinale eine Woche zuvor schlicht nicht aufging.

Josep Guardiola übrigens kehrte zurück zu seiner eigenen Pressesaal-Taktik: "Wir haben eine sehr gut Partie gespielt und ihre Konter völlig kontrolliert", sagte Guardiola und fügte an: "Es ist unglaublich, welch Glück wir haben, mit Messi spielen zu können." Mourinho? Kein Kommentar. Der Schiedsrichter? Kein Kommentar.

Und so bleibt aus dem Pressesaal am Ende einer von vielen Sätzen Mourinhos, die die Phantasie anregen: "Wenn ich zu ihm (Schiedsrichter Stark) und zu der Uefa sagen würde, was ich denke und fühle, würde meine Karriere heute enden."

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