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RB Leipzig:Zu viel marschiert für eine Spitzenmannschaft

So sieht Erleichterung aus: Torschütze Alexander Sörloth (Mitte).

(Foto: Ozan Kose/AFP)

Leipzig schlägt Basaksehir mit 4:3 - doch Trainer Julian Nagelsmanns ungewöhnliche Analyse lautet, man habe "viel zu gierig" verteidigt. Nun stehen zwei Spiele an, die die Saison der Sachsen prägen könnten.

Von Sebastian Fischer, München

Alexander Sörloth hat in seiner Laufbahn schon einiges erlebt, er hat mit 24 Jahren bereits in sieben Ländern Fußball gespielt. Aber man kann davon ausgehen, dass er zwei Minuten am Mittwochabend in einem leeren Stadion in Istanbul in besonderer Erinnerung behalten wird. "Das nimmt viel Druck von meinen Schultern", sagte der Norweger, nachdem er in der zweiten Minute der Nachspielzeit mit seinem ersten Tor für RB Leipzig zum 4:3 gegen Basaksehir getroffen hatte. In der 90. Minute hatte er noch Pech gehabt, als der Ball, den ihm der gegnerische Torwart Mert Günok ins Gesicht geboxt hatte, anschließend an die Latte sprang. Da schien sich für Sörloth zunächst eine fast schon tragische Geschichte fortzusetzen, die viel über seine Mannschaft verrät.

RB Leipzig stehen Tage bevor, die das Abschneiden des Klubs in dieser Saison entscheidend prägen könnten. Und egal, was man von RB hält, es geht dabei um das Fortkommen einer der besten Mannschaften Deutschlands - und damit auch ein wenig um die Bundesliga. Zunächst, am Samstagabend, spielen die Leipziger beim FC Bayern um die Tabellenführung. Dann, am Dienstag, geht es zu Hause gegen Manchester United um den Achtelfinal-Einzug in der Champions League. Leipzigs Hoffnung, dass die Engländer schon vor diesem Spiel qualifiziert sein könnten, hat sich nicht erfüllt.

Ein "positives Gefühl" bedeute das 4:3 in Istanbul für die bevorstehenden Aufgaben, sagte Mittelfeldspieler Emil Forsberg: "Wir sind gut drauf." Doch das 4:3 zeigte auch ein Defizit auf: "Wenn du wirklich eine Spitzenmannschaft sein willst, musst du so ein Spiel mal früher entscheiden", bemängelte Trainer Julian Nagelsmann. Statt dessen hätten seine Spieler 93 Minuten "marschieren" müssen "wie die Bekloppten".

Um zu verstehen, was er damit meinte, hilft auch ein Blick auf die ersten Monate von Alexander Sörloth in Deutschland. Für rund 20 Millionen Euro kam der zuvor von Crystal Palace an Trabzonspor verliehene, 1,94 Meter große Angreifer nach Leipzig, seine Empfehlung waren Tore: 24 in 34 Ligaspielen der Vorsaison. In seinen ersten zehn Einsätzen für RB gelang ihm allerdings keine einzige Torbeteiligung. Damit steht er auch für ein Ungleichgewicht im Leipziger Spiel: In den ersten neun Ligaspielen nach dem Abschied von Torjäger Timo Werner (zum FC Chelsea) und Stoßstürmer Patrik Schick (Bayer Leverkusen) haben Verteidiger acht von 18 RB-Toren erzielt. Das deutet auf Fußball mit hohem Aufwand hin.

Wieder braucht Leipzig die Abwehrspieler, um Torgefahr zu entwickeln

Die Partie in Istanbul war durchaus typisch für die bisherige Leipziger Saison. Es war sehr viel fußballerische Klasse zu sehen, etwa wenn Mittelfeldspieler Forsberg am Ball war, im Dribbling Gegenspieler auf sich zog und abschüttelte, mit seinen Pässen Raum und Chancen schuf. Doch auch der Schwede selbst vergab zwei herausragende Chancen. So brauchte es erneut die Abwehrspieler in der Offensive: Nach dem 1:0 durch Stürmer Yussuf Poulsen schoss Rechtsverteidiger Nordi Mukiele das 2:0. Das 3:1 durch Dani Olmo legte Linksverteidiger Angeliño vor, Leipzigs bisher bester Saisontorschütze.

Nach 85 Minuten waren die zwei Tore Vorsprung dann hinfällig, weil Basaksehirs Irfan Kahveci sein drittes Tor erzielte. Zweimal hatten ihn die Leipziger aus der Distanz schießen lassen, beim 3:3 traf er per Freistoß. Seine Mannschaft müsse die Mitte besser schließen, analysierte Nagelsmann; sie müsse lernen, nicht immer mit dem Ziel zu verteidigen, den Ball zu gewinnen und zu kontern, sondern auch mal, um schlichtweg ein Gegentor zu verhindern. "Viel zu gierig, viel zu aggressiv", habe man verteidigt - eine interessante Analyse, ist es doch charakteristisch für RB, aus Balleroberungen und Umschaltmomenten Stärke zu ziehen. Gegen Manchester wird im Übrigen Nagelsmanns bester Verteidiger fehlen: Dayot Upacemano ist nach einer gelben Karte in Istanbul gesperrt.

Sörloth könnte sein Tief zum richtigen Zeitpunkt überwunden haben

Ebenso entscheidend für eine ökonomischere Spielweise ist ein anderer Aspekt, den Nagelsmann in seiner Analyse erwähnte: Eigene Angriffe müssten öfter mit Torabschlüssen enden. Mindestens deshalb, um Gegenangriffe zu vermeiden - und im Idealfall, um so zu treffen wie Sörloth mit seinem eigentlich harmlos anmutenden, in die Tormitte gezielten Schuss zum 4:3. Sörloths Jubel sah mehr nach Erleichterung als nach Freude aus. "Ab jetzt geht es bergauf bei ihm, so ist es meistens bei Stürmern", hofft Nagelsmann.

So könnte Sörloths erstes Tor zu einem günstigen Zeitpunkt gefallen sein, um seine Kollegen auch in Zukunft etwas mehr zu entlasten. Nagelsmann sagte in Istanbul zwar, man werde seiner Mannschaft den hohen Aufwand der vergangenen Tage und Wochen in München noch nicht anmerken. Doch der Trainer könnte bei den Bayern trotzdem eine Aufstellung wählen, die das Manchester-Spiel drei Tage später schon mitdenkt.

"Sollten wir gegen die Bayern nicht gewinnen, haben wir noch ein paar Spieltage, um unsere Ziele zu erreichen", hatte er schon vor der Begegnung in Istanbul gesagt. Gegen Manchester braucht es dagegen voraussichtlich einen Sieg zum Weiterkommen.

© SZ/schm
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