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Rassismus-Vorfall in der Champions League:"Why you said negro?"

Champions League 2020: Rassismus-Vorfall beim Spiel Paris Saint-Germain gegen Basaksehir Istanbul

Demba Ba (3. von rechts) diskutiert mit Schiedsrichter Hategan.

(Foto: CHARLES PLATIAU/REUTERS)

Eine offensichtliche rassistische Entgleisung des vierten Offiziellen bringt die Partie zwischen PSG und Basaksehir zum Abbruch. Die Spieler beider Teams sind sich einig: Mit diesem Typen wollen sie nicht weiterspielen.

Von Oliver Meiler

Wie man diese Geschichte auch dreht, egal, wie man die Worte, die gefallen sind, übersetzt und seziert: Sie wird wohl nie mehr gut, allen Beteuerungen zum Trotz. Diese Geschichte kreist im Wesentlichen um ein rumänisches Wort und um die Frage, wie es gemeint war: "negru", schwarz.

Dienstagabend, Pariser Prinzenpark. Im Spiel PSG gegen Basaksehir Istanbul, Gruppe H der Champions League, läuft die 13. Minute. Für die Türken geht es um fast nichts mehr, aber um die Ehre, und die will man verteidigen. Für den französischen Meister in katarischem Besitz geht es wieder mal um alles. Die Königsklasse ist das Non-plus-ultra-Ziel, die einzige Trophäe, die der Emir mit dem vielen Geld in neun Jahren noch nicht gewonnen hat - und die er ganz unbedingt bald gewinnen will. Im August war PSG nahe dran: Finale in Lissabon. Doch jetzt stand man schon in der Gruppe am Rand des Ausscheidens. Erst die Kampfsiege gegen Leipzig (1:0) und bei ManUnited (3:1) brachten die Wende, sie sollten sich am Ende dieses Abends, an dem das Sportliche nachrangig wurde, als ausreichend für den Einzug ins Achtelfinale erweisen, wegen Uniteds 2:3 in Leipzig. Doch als die Partie gegen Basaksehir anfängt, bangt Paris noch.

Die Begegnung beginnt gehässig. Istanbul hat sich früh eine gelbe Karte eingehandelt: für Rafael. Dann foult der Pariser Innenverteidiger Presnel Kimpembe einen türkischen Spieler, eine ganz ähnliche Situation. Doch Kimpembe wird nicht verwarnt.

Im leeren Stadion ist das Wort "negru" gut zu hören

Und so passiert, was dann immer passiert: Die geprellten Herrschaften auf dem Feld sind empört, sie belagern den Schiedsrichter, während am Spielfeldrand die Herren von der Bank, Spieler und Betreuer von Basaksehir, ihre ganze Gereiztheit zum vierten Offiziellen tragen, der zur Unterstützung des Referees zwischen den Bänken steht. Die Unparteiischen kommen aus Rumänien. Der Schiedsrichter heißt Ovidiu Hategan, der Mann an der Linie Sebastian Coltescu, ihm fällt gleich die Hauptrolle zu. Ebenfalls eine Hauptrolle hat der Ton: Man hört alles im leeren Stadion.

Die Gäste sind dermaßen aufgebracht über die ausgebliebene Sanktionierung Kimpembes, dass jetzt der vierte Mann den Ton setzen will - und einen besonders verärgerten Vertreter des Stabs der Türken, den kamerunischen Co-Trainer Pierre Achille Webó, auf die Tribüne schicken möchte. Das liegt aber nicht in seiner Kompetenz. Coltescu ruft deshalb seinen Chef Hategan zu sich, und als der wissen will, wen er denn rausschicken müsse, zeigt Coltescu in die Istanbuler Schar und sagt: "negru".

Webó ist empört. Er gestikuliert wild, wird mit seiner Stimme immer lauter: "Why you said negro?" Immer wieder. "Why you said negro?" Der vierte Mann schaut geradeaus, reglos wie eine Statue, als gehe ihn das alles nichts an. Hategan zeigt Webó Rot. Kurz darauf greift der Basaksehir-Spieler und frühere Hoffenheimer Demba Ba ein, er diskutiert mit Coltescu, der versucht, ihn zu beruhigen. Doch Ba beruhigt sich nicht.

Die Spieler beider Teams sind sich einig: Sie wollen nicht weiterspielen

Die Aufregung holt auch die Spieler auf dem Rasen ein. Es bildet sich eine Menschenansammlung, wie man sie in Corona-Zeiten nur noch selten sieht. Coltescu und Hategan erklären, dass "negru" das rumänische Wort für schwarz sei. Doch das beruhigt die Gemüter nicht. Ba findet, Coltescu habe sich eine rassistische Entgleisung geleistet: "Einen Weißen", sagt der gebürtige Franzose, "hätten Sie nicht ,den Weißen' gerufen." Alle scheinen mit Bas Deutung einverstanden zu sein, auch die Spieler von PSG, in seltener Harmonie über Klubgrenzen hinweg. Kylian Mbappé, der PSG-Jungstar, sagt: "Mit diesem Typen wollen wir nicht weiterspielen." Gemeint ist Coltescu.

Basaksehir beschließt, sich in die Kabine zurückzuziehen, aus Protest. Kurz darauf postet der Verein in sozialen Medien den Slogan der Uefa: "No to Racism - Respect." Dazu zwei Fäuste, eine weiße und eine schwarze. Auch die Pariser verlassen den Platz. Die Teams kehren nicht mehr zurück.

So hat der große Fußball nun den ersten Fall, dass zwei Mannschaften ein Spiel wegen eines rassistischen Vorfalls eines Unparteiischen zum Abbruch gebracht haben. Es hätte in der jüngsten Vergangenheit schon oft Gelegenheit für eine maximale Demonstration der Empörung gegeben - gegen Fans, die Spieler mit Affenlauten beleidigten, mit unsäglichen Chören und Gesten, mit Transparenten. Vielleicht war es diesmal, im leeren Stadion, einfacher, demonstrativ zu sein - gegen einen Spielfeldrand-Referee, der sich im Ton vergreift.

Die Uefa hat zu dieser Premiere im Prinzenpark eine Untersuchung eingeleitet. Audiomaterial gibt es genug, alles ist mehr als gut verständlich, Topqualität. Bei der Untersuchung wird es wohl auch um rumänische Etymologie im Allgemeinen und um die mindestens ungeschickte Wortwahl des Offiziellen im Besonderen gehen.

Das Spiel wird nach der Minute 14 fortgesetzt

Um Mitternacht entschied die Uefa, dass die Begegnung am Mittwochabend fortzusetzen sei - ab Minute 14. Geleitet diesmal vom Holländer Danny Makkelie, mit einem Helfer aus Polen an der Linie. Sportlich gab es kaum noch Relevanz - offen war nur noch, ob Paris als Gruppenerster oder -zweiter weiterkommt.

Am Tag danach sammelten sich im Netz die Solidaritäts-Bekundungen: Mbappé ("Say no to racism. Webo we are with you"), Neymar und der Klub PSG leisteten Zuspruch, Frankreichs Sportministerin Maracineanu lobte den Boykott beider Teams: "Hier haben Sportler eine historische Entscheidung getroffen. (...) Ich kann die starke Symbolik ihrer Geste nur begrüßen." Es meldeten sich auch der türkische Präsident Erdogan, Basaksehirs prominentester Fan, die Uefa und der rumänische Verband mit Aufrufen gegen Diskriminierung.

Kurz bevor die Partie dann wieder angepfiffen wurde, als die Champions-League-Hymne ertönte, da knieten sie alle, die Spieler von Paris, die Spieler von Basaksehir und das neue Schiedsrichtergespann. Ein Knie auf dem Boden, eins im rechten Winkel aufgestellt, die meisten streckten noch die Faust in die Luft. Die Geste "take a knee", zuerst gezeigt von Quarterback Colin Kaepernick, wurde in den vergangenen Jahren zum internationalen Zeichen gegen Rassismus. Auf der Gegengerade der immer noch pandemiebedingt leeren Arena waren zwei große Banner platziert, darauf zu sehen die beiden Wappen der Klubs und darunter auf English und Französisch "No to Racism" und "Non au Racisme".

Dann wurde gespielt. Paris gewann 5:1 (3:0). Der überragende Neymar nutzte die am Mittwoch verbleibenden 76 Minuten für drei Tore. Das genügte zum Gruppensieg, aber wen interessierte das?

In den Köpfen wird die Geschichte in der Geschichte vom Dienstag haften bleiben. L'Équipe schreibt von "surrealen Szenen". PSG sei ja erst 50 Jahre alt, "doch der Klub hat schon tausend Leben gelebt - in seinem Umfeld passieren immer beispiellose und undenkbare Dinge". Auch mal völlig ohne eigenes Verschulden.

© SZ/ebc/pps
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