Champions League:Der Klub aus dem Land, das es gar nicht gibt

PXL_FC Sheriff v Dinamo Zagreb - UEFA Champions League: Play-Offs Leg One TIRASPOL, MOLDOVA - AUGUST 17: Luka Ivanusec o

Vorteil Sherrif: Adama Traoré und sein Klub erarbeitete sich gegen Dinamo Zagreb im Hinspiel der Champions-League-Playoffs ein 3:0-Guthaben.

(Foto: Goran Stanzl/Pixsell/Imago)

Moldawiens Serienmeister Sheriff Tiraspol steht vor dem Einzug in die Champions League. Der Klub liegt in einer abtrünnigen Region - und wird von einem mächtigen Konzern gesponsert.

Von Johannes Aumüller

Qarabag Agdam aus Aserbaidschan ragt selbstverständlich heraus. Gleiches gilt für den kasachischen Klub FK Astana. Nicht zu ignorieren sind auch Vertreter wie Zalgiris aus der litauischen Kapitale Vilnius, Union Luxemburg und der FC Floriana von der Insel Malta. Seit rund drei Jahrzehnten gibt es inzwischen die Champions League, und es ist erstaunlich, wie viele verschiedene Nationen das offizielle Teilnehmerverzeichnis inzwischen zählt: Vereine aus immerhin 40 Ländern waren schon dabei, wenngleich einige Eintragungen aus den Neunzigerjahren stammen, als die Champions League noch weit entfernt war vom aktuellen Modus und dem wegreformierten Europapokal der Landesmeister ähnelte.

Wenn alles so läuft wie erwartet, kommt an diesem Mittwochabend nun ein 41. Land dazu. Der moldawische Serienmeister Sheriff Tiraspol, ausgestattet mit 19 Titeln aus den vergangenen 21 Spielzeiten, hat nach einem 3:0 im Playoff-Hinspiel beste Aussichten, sich im Rückspiel bei Dinamo Zagreb in die Hauptrunde der Königsklasse zu hieven. Sollte das gelingen, wäre das Starterfeld der Champions League um einen sehr kuriosen und höchst politischen Vorgang reicher.

Hinter dem Klub Sheriff steht die mächtige, gleichnamige Wirtschaftsholding

Denn Sheriff Tiraspol kommt aus der Region Transnistrien. Das ist ein schmaler, zwischen dem Fluss Dnjestr und der ukrainischen Grenze eingepferchter Streifen im Osten des Landes, der sich schon lange von der Republik Moldau losgesagt hat. Bereits 1990 proklamierte Transnistrien seine Unabhängigkeit, 2006 gab es noch einmal ein entsprechendes Referendum. Völkerrechtlich gehört Transnistrien weiter zur Republik Moldau, de facto ist es ein eigener Staat, auch wenn ihn niemand anerkennt, formal nicht einmal die politische und militärische Schutzmacht Russland. Fachleute klassifizieren die Beziehungen zwischen der Republik Moldau und Transnistrien als eingefrorenen Konflikt. Im Fußball jedoch, da sind Transnistrien und seine Hauptstadt Tiraspol weiter in der moldawischen Liga dabei.

PXL_FC Sheriff v Dinamo Zagreb - UEFA Champions League: Play-Offs Leg One TIRASPOL, MOLDOVA - AUGUST 17: Luka Ivanusec o

Vorteil Sherrif: Adama Traoré und sein Klub erarbeitete sich gegen Dinamo Zagreb im Hinspiel der Champions-League-Playoffs ein 3:0-Guthaben.

(Foto: Goran Stanzl/Pixsell/Imago)

Die Konstellation ist umso pikanter, weil hinter dem Klub Sheriff die gleichnamige Wirtschaftsholding steht. Der Konzern ist in der Region so präsent, dass sich Transnistrien locker in Sheriffstan umbenennen könnte. Zwei ehemalige sowjetische Sicherheitskräfte gründeten ihn in den Neunzigerjahren, gemäß einer Recherche der Nowaja Gazeta aus dem Vorjahr kontrolliert er inzwischen 60 Prozent der Wirtschaft: unter anderem diverse Supermärkte und Tankstellen, Getränkehersteller und Großbäckereien, das Mobilfunknetz sowie Fernsehsender und andere Medien. Ein "Supermonopolist" sei Sheriff, dessen Gebaren viele Beobachter mit Befremden verfolgen. Der Konzern ist auch kräftig in die Politik involviert, er finanzierte den Aufstieg der aktuellen Regierungspartei Obnowlenje (Erneuerung), ein früheres Staatsoberhaupt war vormals Mitarbeiter von Sheriff.

Transnistrien ist ein sehr ungewöhnliches Konstrukt. Viele gebürtige Russen leben in dem überschaubaren Gebiet - 500 000 Einwohner, 200 Kilometer lang, wenige Kilometer breit -, die Sehnsucht nach der Sowjetzeit und einer Nähe zu Moskau sind groß. Beobachter monieren eine große Korruption und eine fehlende Rechtsstaatlichkeit, von mafiösen Strukturen ist die Rede. Junge Menschen zieht es wegen der mangelnden Perspektiven oft weg. Von daher wollen die Vertreter der abtrünnigen Region Tiraspols Meistertitel und seine internationale Darbietungen auch als Signal verstanden wissen, wer in dem eingefrorenen Konflikt die stärkere Seite ist.

Ein gravierender Einschnitt in die Liga-Regeln verschafft Sheriff einen weiteren Vorteil

Seit 1996 gibt es den FC Sheriff, der wegen der schwarz-gelben Klubfarben den Spitznamen "die Wespen" trägt und der einzige osteuropäische Verein sein dürfte, der sich eine lateinische Sentenz als Klublosung ausdachte: Ubi concordia, ibi victoria - wo die Einheit ist, dort ist der Sieg. Zunächst stieg Sheriff in der dritten Spielklasse ein, zwei Jahre später war er in Liga eins, nochmal drei Jahre später begann das unheimliche Titelhamstern, das seitdem nur Dacia Chisinau (2011) und der FC Milsami (2015) unterbrachen. Vor zwölf Jahren hätte es der Klub beinahe schon mal in die Hauptrunde der Champions League geschafft, da unterlag er in den Playoffs Olympiakos Piräus. Dafür schaffte er es in der vergangenen Dekade immerhin viermal in die Europa League, ehe es nun nach Siegen gegen Durres/Albanien und Roter Stern Belgrad sowie dem Hinspiel-3:0 gegen Zagreb um den größten Erfolg der Klubgeschichte geht.

Gesprächsanfragen blockt der Klub mit Verweis auf das Rückspiel in diesen Tagen ab. Im Kern stecken natürlich die Millionen von Sheriff hinter dem Aufstieg. Die flossen nicht nur für viele Spieler, sondern auch für das mit Abstand schönste Stadion der moldawischen Liga, das ob der politischen Lage aber so gut wie nie Länderspiele beheimatet.

Vor zwei Jahrzehnten rühmte sich der Klub noch damit, auf die Jugend zu setzen; er zog eine teure Akademie hoch, so wie der Rivale Zimbru aus der moldawischen Hauptstadt Chisinau. Doch talentierte moldawische Kicker gibt es kaum, die Nationalelf ist nur 175. der Weltrangliste. Stattdessen setzte Sheriffs Trainer Jurij Vernydub (der in den Neunzigern sieben Mal für den damaligen Zweitligisten Chemnitzer FC spielte) im Hinspiel gegen Zagreb Spieler aus zehn Nationen ein, von Kolumbien über Trinidad bis Luxemburg. Zwar prägen die internationalen Fachkräfte den Kader schon länger, aber kürzlich gab es einen gravierenden Einschnitt: In der Vorsaison kippte die Liga das Ausländer-Limit - womit es der moldawische Verband dem reichen Klub aus der abtrünnigen Region erlaubte, sich noch einmal ordentlich zu verstärken.

© SZ/jkn/tbr
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