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Champions League:Eine Aufstellung wie ein Druckfehler

Verzockt: Pep Guardiola verliert mit ManCity das Champions-League-Finale.

(Foto: Jose Coelho/AP)

Pep Guardiola rückt ausgerechnet im Champions-League-Finale von seiner bewährten Elf ab - und verliert alles. Das sorgt auf der Insel für Spott und Verwunderung.

Von Sven Haist, London

Wessen Herz nicht aus Stahl ist, muss es berührt haben, Sergio Agüero weinen zu sehen. Ganz allein stand der Angreifer des Manchester City Football Club am späten Samstagabend am Seitenrand und kämpfte mit seiner Enttäuschung, ohne dass ihn jemand in den Arm genommen oder ihm auch nur aufmunternd auf die Schultern geklopft hätte. Seine Mitspieler und Trainer Pep Guardiola sowie die weiteren Angehörigen des Klubs hatten sich nach dem verlorenen Finale gegen den FC Chelsea in der Champions League bereits sehr zügig ins Innere des Estádio do Dragão in Porto zurückgezogen - aber Agüero wollte so schnell nicht verschwinden.

Vor sieben Jahren, im November 2014, hatte er im Gespräch mit dem Boulevardblatt Daily Mail seinem Klub ein Versprechen gegeben: "I will stay until we win it!" - Ich werde bei Manchester City bleiben, bis wir die Champions League gewinnen. Ein "Class Act" war das, wie auf der Insel eine Aktion mit Stil genannt wird, weil Agüero zu diesem Zeitpunkt unbestritten der beste Spieler seines Teams war, während City allenfalls eine mäßig gute Mannschaft um ihn herum gebaut hatte. Nur mit Mühe überstand man die Vorrunde in der Königsklasse, bevor eine Runde später Schluss war im Duell mit dem späteren Sieger FC Barcelona.

Die Sorge im Verein war groß, der argentinische Torjäger würde seinen langfristigen Vertrag kündigen, um sich an einem anderen Ort den Traum vom Sieg in der Champions League zu verwirklichen. Stattdessen schwor Agüero dem Klub die Treue, bis City jetzt kürzlich seinen Kontrakt auf Geheiß des Trainers Guardiola auslaufen ließ. Nach insgesamt zehn Jahren und 184 Toren in der Premier League - kein Spieler traf je öfter für einen einzigen Verein.

Champions League - Fans in London during the Champions League Final Manchester City v Chelsea

Sergio Aguero (rechts) - direkt nach dem Schlusspfiff.

(Foto: Michael Steele/Reuters)

Im besten Fall wird der verletzungsanfällige Agüero, der am Mittwoch 33 Jahre alt wird, mit seinem neuen Klub Barcelona nochmal eine Chance erhalten, erstmals in seiner Karriere die Königsklasse zu gewinnen, aber sicherlich nicht mehr als Spieler von Manchester City. Minutenlang kauerte Agüero vor sich hin, die Silbermedaille hing wie Blei am Hals. Immer wieder versuchte er, sich die Tränen aus dem Gesicht zu wischen. Herzzerreißend sah das aus, am liebsten wäre man zu den feiernden Chelsea-Spielern gelaufen, um sich den Henkelpokal zu schnappen und ihn an Agüero weiterzugeben.

In jedem Interview muss sich Guardiola für seine Aufstellung rechtfertigen

Die Sorge eventuell niemals - und schon gar nicht mit City - den prestigeträchtigsten Europapokal zu holen, überkam nach Abpfiff auch die beiden Vorzeigespieler Ilkay Gündogan und Kevin De Bruyne. In der Nähe des Mittelkreises trauerte Gündogan, 30, der verpassten Gelegenheit nach, nicht mal seine Hand, die er sich vor den Kopf hielt, konnte seine Verzweiflung verbergen. De Bruyne, 29, heulte zuvor hemmungslos, als ihn ein heftiger Zusammenstoß mit Chelseas Antonio Rüdiger zur vorzeitigen Auswechslung gezwungen hatte (60.). Sein linkes Auge war fürchterlich angeschwollen, wie am Sonntag vermeldet wurde, erlitt er einen Augenhöhlen- und Nasenbeinbruch. Mithilfe der Betreuer torkelte De Bruyne benommen vom Platz. Untröstlich war auch Oleksandr Zinchenko, der Linksverteidiger, dessen Stellungsfehler das entscheidende Tor für Chelsea durch Kai Havertz ermöglicht hatte (42.). Ein Tor, das City in fast identischer Weise gegen Chelsea vor ein paar Wochen schon im FA-Cup-Halbfinale zum Verhängnis geworden war. Jeweils ließ man sich weit aus der Abwehr locken und wurde dann mit einem gezielten Pass überspielt.

Kevin De Bruyne musste nach einem Zusammenprall unter Tränen ausgewechselt werden.

(Foto: Susana Vera/AFP)

Von all den Tränen, der Trauer und den Tragödien im Team schien sich bei City nur einer nichts anmerken lassen zu wollen: Pep Guardiola. Als Erstes gratulierte er seinem Trainerkollegen Thomas Tuchel und verfolgte anschließend aus der Distanz fast emotionslos die Feierlichkeiten des Gegners. "Ein trauriger Tag" sei das, gestand Guardiola, aber trotzdem habe seine Mannschaft "eine außergewöhnliche Saison" gespielt. Gratulation an die Spieler! Da hatte Guardiola natürlich leicht reden: Zwei Mal hat er bereits als Trainer in der Champions League triumphiert, 2009 und 2011; einmal als Spieler 1992, als der Wettbewerb noch Europapokal der Landesmeister hieß - jeweils mit dem FC Barcelona. Eine Ehre sei es, hier zu sein, mit ermutigendem Lächeln fügte er an: "Vielleicht werden wir eines Tages wiederkommen." Und wenn nicht? Dann dürfte vor allem eine Personalie in Erinnerung bleiben.

Im Gegensatz zu den Vorjahren hatte Guardiola in dieser Saison meist auf gewagte, kaum einstudierte Experimente in den Ausscheidungsspielen der Champions League verzichtet; mit einem von ihm selten praktizierten Pragmatismus führte er City so erstmals in der Vereinshistorie ins Endspiel. Auch gegen Chelsea wirkte seine Aufstellung frei von jeglichen Überraschungen - bis auf eine Position. Für die technisch nicht übermäßig versierten Mittelfeldabräumer Fernandinho und Rodrigo fand Guardiola keinen Platz. Ohne die beiden in der Startelf hatte City bis dahin lediglich eins von 60 Saisonspielen bestritten: die nachrangige Heimpartie gegen Olympiakos Piräus in der Vorrunde (3:0). Für Fernandinho und Rodrigo rückte Gündogan auf die freie Stelle vor der Abwehr. Der Plan: Spielkontrolle durch Ballsicherheit, und zwar um jeden Preis!

Nur ging das auf Kosten der Torgefahr, weil Gündogan als bester City-Schütze (17 Treffer in dieser Saison) die meiste Zeit über der Freiheit beraubt war, mit nach vorne zu stoßen. Das Resultat war ein einziger Schuss aufs Tor. Und bei gegnerischem Ballbesitz fehlte City ein Pendant zu Chelseas überragendem N'Golo Kanté, der als defensiver Mittelfeldspieler spielte, wie man nicht besser spielen kann. Der Guardian kommentierte süffisant: "War das ein Druckfehler? Das taktische Superhirn seiner Zeit wählte ein Team, das nicht funktionierte. Es sah verworren aus, eine City-Mannschaft, die nur aus Sauce und nicht aus Linguine bestand. (...) Oh, Pep. Du tust dir das selbst an. Du tust es. Und das ist es, was wirklich weh tut. Wie wäre es mit dem Versuch durch Siege zu gewinnen, anstatt durch einen Akt taktischen Messianismus?"

"Pep Guardiolas Glücksspiel scheitert auf der allergrößten Bühne"

In jedem Interview musste sich Guardiola später für seine Entscheidung rechtfertigen. Beim englischen Bezahlsender BT Sport sagte er, dass er getan habe, was er als beste Idee erachtete; am Mikrofon des katarischen Kanals BeIN Sports entgegnete er kurz angebunden, dass er "das Beste" getan habe. Erst auf der Pressekonferenz führte Guardiola aus, "die kleinen Spieler zwischen den Linien" habe finden zu wollen. Das Vorhaben scheiterte allerdings krachend, weil Tuchel seine äußeren Angreifer anwies, die Passwege ins Zentrum zu schließen und Citys Spielaufbau auf die ungewünschten Flanken zu lenken. Dazu nahm Mittelstürmer Timo Werner seinen Landsmann Gündogan fast in Manndeckung. Die Times titelte: "Pep Guardiolas Glücksspiel scheitert auf der allergrößten Bühne!"

Champions League Final - Manchester City v Chelsea

Zuletzt gewann Pep Guardiola 2011 die Champions League mit dem FC Barcelona

(Foto: Susana Vera/Reuters)

Die Empörung über die Wahl der Startelf verstellt jedoch den Blick auf Citys eigentliches Problem. In der Rückrunde der Vorsaison deutete sich in Abwesenheit des verletzten Torgaranten Agüero an, dass der talentierte Brasilianer Gabriel Jesus auf internationalem Spitzenniveau noch kein adäquater Ersatz ist. Durch den altersbedingten Abschied des Offensivallrounders David Silva verschärfte sich zu Beginn dieser Spielzeit nochmals die Personallage im Angriff. Die aufgetretene Kaderlücke konnte City bis heute nicht schließen - obwohl inzwischen fast zwei Milliarden Euro - in Zahlen: 2.000.000.000 - für neue Spieler ausgegeben wurden, seitdem Scheich Mansour, Mitglied der Herrscherfamilie in Abu Dhabi, den Verein im September 2008 über die Abu Dhabi United Group alimentiert hat. Allein rund 350 Millionen Euro in den beiden Vorjahren. Zur Problemlösung scheint City im anstehenden Transfersommer nun - Ironie, Ironie - gewillt zu sein, noch mehr Geld auszugeben. Am liebsten wohl für Dortmunds treffsichersten Angreifer, den Norweger Erling Haaland.

Mit möglicher neuer Konkurrenz muss sich Sergio Agüero dann nicht mehr auseinander setzen. Sein kurzes Mitwirken gegen Chelsea in der Endphase (sechs Ballkontakte) war sein letzter, sein 390. Einsatz für Manchester City. Ihm war anzusehen, dass er sich kaum dazu durchringen konnte, das Stadion zu verlassen. Agüero wollte ja eigentlich so lange bleiben, bis City die Champions League gewinnt.

© SZ/ebc
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