Deutsche Trainer im Halbfinale: Julian Nagelsmann:Seine Mannschaft denkt wie ein einziger Mensch

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LISBON, PORTUGAL - AUGUST 13: Julian Nagelsmann, Head Coach of RB Leipzig looks on prior to during the UEFA Champions L

Konnte seine Ansichten über den Fußball schon früh klug begründen: Julian Nagelsmann.

(Foto: Julian Finney/Panoramic/imago images)

Dass Julian Nagelsmann sich überhaupt entschied, Trainer zu werden, hat viel mit Thomas Tuchel zu tun. Nun will er beweisen, dass er ihn bezwingen kann.

Von Javier Cáceres, Estoril

Zu den kleinen Schlachten, in denen sich Julian Nagelsmann in Lissabon bewähren musste, zählte ein Disput im Spielertunnel. Diego Simeone, der Trainer des Leipziger Viertelfinalgegners Atlético Madrid, ging Nagelsmann in der Halbzeitpause an - in einer Art und Weise, die vermuten ließ, dass Simeone "wahrscheinlich auch im Schnick-Schnack-Schnuck gewinnen will", wie Nagelsmann später sagen sollte. Über die Details schwieg er sich aus - doch aus dem Umfeld Atléticos war zu hören, dass ihm Simeone ein paar Mal unsanft auf den Rücken schlug, als Nagelsmann vor ihm in den Tunnel ging. "Du redest gern!", habe er ihn angebellt, in Anspielung auf ein Interview, in dem Nagelsmann gesagt hatte, dass Atléticos Spieler ihren Gegnern gern einen mitgeben. Und was passierte auf dem Platz? Das Gegenteil: In der ersten Halbzeit hatte es zwölf Fouls Leipzigs gegeben - kein einziges von Atlético. Nagelsmann berichtete: "Im Kabinentunnel ist es unentschieden ausgegangen."

Man kann den Disput auch anders deuten: Nagelsmann, 33, macht sich gerade international einen Namen, er weist im Kreise der Trainerelite, unter seinesgleichen, gewissermaßen seine Befähigung nach - wie ein Doktorand mit der Verteidigung des Doktortitels. Noch bis um zwei Uhr morgens saß Simeone mit Vorstandsmitgliedern von Atlético Madrid beieinander, immer wieder kreiste seine Beschwerde um die zwölf Fouls, mit denen Leipzig das Aufbauspiel Atléticos unterbunden hatte. Im Stadion von Sporting Lissabon verabreichte Nagelsmanns Mannschaft Atléticos Team deren eigene, bittere Medizin. Doch das war ein Detail, das in der Rückschau kaum eine Rolle spielte. Jorge Valdano, Weltmeister von 1986, der dem Leipziger Sieg gegen Atlético für das spanische TV auf der Tribüne beiwohnte, sah einen Trainer, dessen Mannschaft "Räume durch Bewegungen schafft, die die Vorhersehbarkeit zerstören".

Die Leipziger beeindruckten nicht nur durch ihr rasant vorgetragenes Pressing, sondern auch mit ihrer Geduld bei Ballbesitz - das eigene Stilmittel, mit dem Nagelsmann auf dem von seinem Vorgänger Ralf Rangnick geerbten Fundament aufbaute. Vor dem ersten Tor lief der Ball über 19 Stationen. Jeder Spieler schien zu jedem Zeitpunkt zu wissen, was er mit dem Ball anzustellen hatte, um einer kollektiven Idee zu folgen. Genau darum kreise Fußball, sagt Frank Wormuth, der Nagelsmann beim Deutschen Fußball-Bund (DFB) zum Trainer ausbildete und heute in den Niederlanden den Erstligisten Heracles Almelo betreut: "Dass eine Mannschaft wie ein einziger Mensch denkt." Nagelsmann, das zeigt er in Lissabon auf dem höchstmöglichen Niveau, kann das vermitteln.

"Nagelsmann hat seine Ideen immer klug begründet"

Nagelsmann eilte in der Fußballszene schon der Ruf eines Toptalents voraus, als er seine Ausbildung antrat, sagt Wormuth. Und er lernte als Ausbilder tatsächlich einen jungen Mann kennen, der enorm viel über Fußball wusste. "Es gibt im Fußball nicht richtig oder falsch - aber Ideen müssen immer begründet sein. Und Nagelsmann hat seine Ideen immer klug begründet", erklärt Wormuth. Einige tragende Elemente der Nagelsmann'schen Philosophie - das hohe Anlaufen, das Vorwärtsverteidigen zum Beispiel - seien damals schon präsent gewesen. Aber: Er war auch bereit dazuzulernen. Bei der Durchsicht der Hausarbeit Nagelsmanns habe er sich "gefreut, dass er einige Gedanken aus der Ausbildung mitgenommen hat", sagt Wormuth.

Dass Nagelsmann sich überhaupt entschied, Trainer zu werden, hat viel mit Thomas Tuchel zu tun - dem Trainer von Leipzigs Halbfinalgegner Paris St. Germain. 2008, als er Trainer der zweiten Mannschaft des FC Augsburg war, beauftragte Tuchel den damals 20-jährigen Nagelsmann, die Gegner zu scouten. "Das war witzig, am Anfang bin ich mit meiner Frau zu den Spielen der Gegner gefahren. Sie hat mit der Handkamera gefilmt, und ich habe parallel dazu Notizen gemacht. Zettel, Stift und Handkamera - mehr gab es nicht", wird Nagelsmann in der gerade erschienenen Thomas-Tuchel-Biografie von Tobias Schächter und Daniel Meuren zitiert.

An diesem Dienstag stehen sich Tuchel und Nagelsmann nun im Halbfinale der Champions League in Lissabon gegenüber. Tuchel als Coach von PSG, Nagelsmann bei RB Leipzig. "Dass es so weit einmal kommen würde, hätte ich mir damals nie träumen lassen", sagte Nagelsmann. Das Verhältnis zu Tuchel sei "normal", erzählte Nagelsmann im Mannschaftsquartier in Estoril. "Wir haben noch nie ein extrem inniges Verhältnis gehabt", hin und wieder gebe es eine Kurznachricht. "Es ist nicht so, dass wir stetigen Austausch haben. Das wünschen sich die Medien so ein bisschen, aber das gibt es in der realen Fußball-Welt nicht", sagte Nagelsmann.

Als eine Schlacht der Trainer sieht er das Duell mit Paris nicht: "Fußball ist ein Player's Game."

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