Es herrschte Einigkeit, zwischen fast allen Beteiligten, was im Fußball wirklich nicht oft vorkommt. Es ging um eine Szene, in der zwei Deutsche in der 87. Spielminute eine Champions-League-Partie zwischen Inter Mailand und dem FC Liverpool entschieden: Alessandro Bastoni griff Florian Wirtz ans Trikot, für allerhöchstens zwei Sekunden. Was genau Inters Verteidiger im roten Textil des Gegners erfühlen wollte, bleibt zwar ein Rätsel. Allerdings gilt das auch für das dramatische Niedersinken von Wirtz: Der Deutsche stürzte nämlich interessanterweise nach vorn, obwohl er von Bastoni nach hinten gezogen wurde. Das aber fiel dem zuständigen Detektiv nicht auf.
Felix Zwayer, der deutsche Referee, entschied nach Ansicht der Bilder und Rücksprache mit seinem VAR-Gespann auf Elfmeter, Liverpool gelang zwei Minuten vor Schluss die 1:0-Führung durch Dominik Szoboszlai. Und die Deutschen blieben mit ihrer Interpretation der Sachlage allein zurück.

Bayern siegt gegen Lissabon:Ovationen für Karl, Jubel für Davies
Der FC Bayern sichert sich mit einem 3:1 gegen Sporting fast schon die Qualifikation für das Achtelfinale der Champions League. Das Münchner Publikum feiert den mal wieder sehr auffälligen Karl – und einen Rückkehrer.
„Diesen Elfmeter hätte es in der Premier League vermutlich nicht gegeben“, sagte später Liverpools Trainer Arne Slot, der sich vorsah, Wirtz eine Art von Cleverness zu unterstellen. Auch Kapitän Virgil van Dijk druckste im Fernsehinterview eher beschämt vor sich hin. Inter-Spieler Henrikh Mkhitaryan hielt die Entscheidung für „unerklärlich“, Trainer Christian Chivu gab ein eindeutiges „no comment“ von sich. Die Gazzetta dello Sport schrieb eine halbe Stunde nach Spielende schon einen Kommentar zu dem Thema.
Im italienischen Fernsehen setzten sie dem Ganzen die Krone auf, dort wurde Raffaele Palladino nach seiner Meinung befragt. Der ist wohlgemerkt Trainer bei Atalanta Bergamo und hatte während der Elfmeter-Szene im Mailänder San Siro in 60 Kilometer Entfernung einen 2:1-Sieg gegen den FC Chelsea errungen. Auch Palladino sagte aber, der Elfmeter sei „inesistente“. Frei übersetzt: ungerechtfertigt. Spätestens als der Trainer einer völlig unbeteiligten Mannschaft aus der Ferne zugestimmt hatte, herrschte wahrlich Einigkeit darüber, dass dieses Spiel eigentlich 0:0 hätte enden sollen.
Arne Slot begab sich wegen Mohamed Salah ins Risiko
Was man nicht als Auszeichnung fehldeuten sollte für eine der beiden Mannschaften, die dieses Duell mit eher mäßiger Angriffslust bestritten hatten. Aber es blieb eben ein Sieger übrig im San Siro: der FC Liverpool. Genauer gesagt dessen Trainer. Einigkeit nämlich herrschte auch darüber, dass dieses fußballerisch unscheinbare 1:0 einer der größeren Triumphe in Slots Amtszeit in Liverpool ist. So exponiert wie in den vergangenen Tagen hatte er sich schließlich zuvor noch nie in seiner Karriere: Nicht mehr nur eine Ergebnis- und Sinnkrise beschäftigte ihn und den LFC, sondern auch eine persönliche Fehde mit Mohamed Salah. Der Ägypter hatte am vergangenen Wochenende in einer Art Staatserklärung all seine Enttäuschung über mangelnde Einsatzzeiten in Worte gefasst. In so dramatischen Worten wohlgemerkt, als müsse der Fall bei der nächsten UN-Generalversammlung auf großer Bühne verhandelt werden.
Salah reiste jedenfalls als Konsequenz nicht mit dem Team nach Mailand (er postete stattdessen am Dienstag ein Foto vom Fitnesstraining aus Liverpool). Und Slot begab sich ins Risiko. Die Expertenriege stand bereit, ihm einen Fehler zu unterstellen: Wäre die Partie bei Inter verloren gegangen, wären angesichts der Tatsache, dass im angeschlagenen Liverpooler Kader nur 13 Spieler mit Champions-League-Erfahrung standen, sehr laute Fragen auf Slot zugekommen. So aber ist er der Gewinner der Geschichte. Und der Gewinner gab sich staatsmännisch: „Ich verstehe, dass sich am Freitag in der Pressekonferenz alle Fragen um Mo drehen werden. Jetzt sollte es darum gehen, was wir hier geleistet haben.“
Am Dienstagabend wurde ihm dieser Wunsch erfüllt. Die Affäre Salah aber, sie wird Slot und Liverpool vermutlich bis zum Winter-Transferfenster beschäftigen, womöglich sogar darüber hinaus. Erst einmal hat sich der Trainer mit einem sehr knappen Sieg in der Champions League etwas mehr Ruhe erkauft, mit zwölf Punkten ist sein Team im internationalen Wettbewerb in aussichtsreicher Position. Worüber schon wieder Einigkeit herrschte: Sowohl Slot als auch Chivu – mit Inter ebenfalls bei zwölf Punkten – betonten, dass sie wohl im Januar zwei Siege benötigen werden, um in der Gruppe der Top-8 zu verweilen.

