Süddeutsche Zeitung

Hakan Calhanoglu bei Inter Mailand:Ein Zehner? Ein Maestro!

Hakan Calhanoglu galt als schlampiges Ausnahmetalent, er selbst sah sich als virtuosen Spielmacher. Bei Inter Mailand brilliert er nun auf anderer Position - polarisiert aber immer noch.

Von Thomas Hürner

Man erkennt ihn noch, das schon. Hakan Calhanoglu hat noch denselben Kurzhaarschnitt wie damals, sein Blick wirkt etwas gedankenverloren, und seine Augen senden noch immer eine klare Botschaft: Da weiß einer, was er kann, und dieser Fußballer hat sicher nicht vor, das zu verheimlichen.

Früher, als Calhanoglu noch ein aufregendes Bundesliga-Talent war, hatte er wegen solcher Anwandlungen ein ziemliches Imageproblem. Einerseits ahnte jeder, dass dieser hochbegabte Mittelfeldmann nicht ganz zu Unrecht viel von sich hält, zumal sich das mit der Einschätzung nahezu aller Trainer der Liga deckte. Andererseits ist da diese Sache mit seinem Rücken und mit seinem Oberarm. Auf dem Oberarm hat Calhanoglu die 10 tätowiert, was kein Zufall ist, denn dafür hat er sich lange selbst gehalten: für einen Zehner, einen klassischen Spielmacher, dessen Genius seine mitunter aufreizende Lässigkeit überstrahlt.

Bei Inter Mailand, seinem aktuellen Klub, trägt Calhanoglu jetzt die 20 - und es gibt nicht wenige, die in der Verdopplung der Rückennummer eine Parallele zu seinem Repertoire als Fußballer sehen. Der Ästhetiker ist zum stabilen Wettkämpfer gediehen, er hat sich draufgepackt, was zur Spitzenklasse fehlte: Funktional ist er geworden, flexibel, sein divenhafter Gestus ist verschwunden.

Calhanoglu, geboren in Mannheim und mittlerweile 29 Jahre alt, hat kaum noch etwas mit jenem Spieler zu tun, der sich einst im deutschen Mittelstand für höhere Aufgaben empfahl, unter anderem beim Hamburger SV und bei Bayer Leverkusen. Die Gazzetta dello Sport etwa schrieb neulich eine Eloge auf den Türken: Sein rechter Fuß sei weiterhin ein "Konzentrat aus Kraft und Präzision", nun habe er überdies ein Rhythmusgefühl, das an Andrea Pirlo erinnere - an den italienischen Maestro also, der in seiner Aktivzeit das Geschehen dirigierte, es nach Bedarf verlangsamte oder beschleunigte. Mehr geht kaum.

Bei seinem Wechsel von Milan zu Inter hat Calhanoglu die halbe Stadt gegen sich aufgebracht

An diesem Mittwoch spielen Calhanoglu und Inter bei Benfica Lissabon (21 Uhr im SZ-Liveticker), die Qualifikation für die K.-o.-Runde ist bereits geschafft; es geht nur noch um die Frage, ob als Tabellenerster oder -zweiter. Obschon die Brisanz fehlt, ist davon auszugehen, dass der Mittelfeldmann dabei sein wird, denn: Calhanoglu spielt immer. Sein Statusgewinn verlief rasant, zuletzt gar ohne Durchhänger - möglich war er nur, weil sie ihm bei Inter die Tattoobotschaft auf dem Oberarm nie recht abgenommen haben. Als die Nerazzurri ihn von der AC Milan in den schwarz-blauen Teil der Stadt holten, als ablösefreien Überläufer im Jahr 2021, da wurde Calhanoglu mit Hass und Häme verabschiedet. Er hatte da schon geliefert, aber einen echten Führungsanspruch hat ihm keiner zugetraut.

Doch bei Inter hatten sie sich einen passgenauen Einsatzplan überlegt: Vielleicht war ja der Mann, der sich selbst für einen Zehner hielt, in Wahrheit gar kein Zehner. Inter-Coach Simone Inzaghi schob ihn auf dem Platz immer weiter nach hinten und in der Hierarchie nach oben. Zuerst wurde Calhanoglu als mezzala eingesetzt, in einer laufintensiven Halbposition im Mittelfeld. Inzwischen ist er ein regista, der Stratege vor der Abwehr, das ist die wohl höchste Ehre in italienischen Teams. Calhanoglu sei "zu einem Giganten" herangewachsen, lobte Inzaghi jüngst: Er habe gelernt, sein anarchisches Spiel mit italienischem Arbeitsethos in Einklang zu bringen.

Der Trainer steht generell im Ruf, in Spielern etwas zu sehen, was sonst keiner sieht - und dem es dann auch gelingt, diese Fantasie in die Realität zu überführen. Inzaghi bleibt nichts anderes übrig, die chinesischen Klubeigentürmer Inters haben eine rigorose Sparpolitik ausgerufen, kostspielige Transfers sind nicht drin. In Italien zählt Calhanoglu nun zu den "fuoriclasse", den Besten der Besten also - ein Selbstanspruch, den er schon hatte, als er noch ein etwas traumwandlerischer Spielmacher in der Bundesliga war. "Weltklasse" wolle er werden, kündigte Calhanoglu an, als er 2014 vom HSV nach Leverkusen ging. Es war ein von ihm und seinem Berater erzwungener Transfer, der viel verbrannte Erde hinterließ, wie es oft heißt. Calhanoglu war Leverkusens damaliger Rekordeinkauf, etwa 16 Millionen kostete er.

Seine Beliebtheitswerte erreichten dafür Tiefstände, eine Erfahrung, die er sich nun zunutze macht: In Derbys gegen Milan saugt er die Pfiffe und Beleidigungen genüsslich auf. "Die Hälfte Mailands wird mich hassen", hatte Calhanoglu bei seinem Wechsel gesagt, "die andere Hälfte wird mich dafür lieben." Das stimmt: Nicht nur das schwarz-rote Volk der Milanisti sieht in ihm einen Verräter, auch mit manchen früheren Teamkollegen pflegt er persönliche Fehden. Seine Anfangszeit bei Inter wurde von Skepsis begleitet, ein Farbenwechsel seht nicht gerade für Charakterfestigkeit. Das hat sich gedreht: "Calha", wie ihn die Inter-Fans rufen, werden jetzt sogar eigene Choreografien und Lieder gewidmet.

"Um Volk und Vaterland": 2017 warb er für Erdoğans Verfassungsreferendum

In der Türkei, seiner fußballverrückten Heimat, steht Calhanoglu lange schon im Rang eines Volkshelden. Er hat aber auch immer wieder den Nationalismus angestachelt, mit Worten, die nicht nur Fan-Herzen bezirzen. 2017 etwa warb er für das Verfassungsreferendum von Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan, es gehe "um Volk und Vaterland". Ähnlich klang das vor dem Champions-League-Finale 2023 gegen Manchester City in Istanbul. Da sagte Calhanoglu in Richtung Ilkay Gündogan, dem Kapitän der deutschen Nationalelf: "Ich stehe für die Heimat. Ich denke, für unsere Leute ist es wichtiger, dass ich gewinne."

Am Ende gewann Gündogan, 1:0. Calhanoglu, das sagt er immer wieder, sehnt sich seit dieser Niederlage mehr denn je nach dem Titel in der Königsklasse. An ihm selbst soll es nicht scheitern: "In dem, was ich tue", sagte er neulich, "gehöre ich zu den Besten Europas." Ein Selbstbild, das er schon früher hatte. Jetzt ist tatsächlich etwas dran.

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