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Champions League:Freie Flugbahn

Women's Champions League - Semi Final - Paris St Germain v Olympique Lyonnais

Lufthoheit: Wendie Renard (li.) hat maßgeblich zu den Erfolgen von Olympique Lyon beigetragen - am Mittwoch mit diesem Kopfball zum Einzug ins Champions-League-Finale.

(Foto: Reuters)

Im Finale der Champions League am Sonntag sollte der VfL Wolfsburg eines nicht machen: Olympique Lyons Wendie Renard die Chance zum Kopfball geben.

Von Anna Dreher, Bilbao/München

Auf dem Fußballplatz ist Wendie Renard gefährlich. Das dürfte inzwischen wirklich jede Spielerin wissen. Egal, ob sie ihr auf dem Rasen schon gegenüber stand oder nicht. Seit ihrem Debüt 2006 hat Renard wettbewerbsübergreifend in 367 Partien für Olympique Lyon 113 Tore erzielt. Als Innenverteidigerin. Die meisten davon gelangen ihr mit dem Kopf. Renard ist mit 1,87 Metern die international längste Weltklassespielerin auf dem Feld. Sie ist in der Luft kaum zu überwinden. Noch dazu bewegt sie sich schnell.

Wenn irgendeine Lösung gefunden werden muss, damit Renard eingeschränkt wird, so gut es eben geht, dann ist das also nicht einfach. Schon gar nicht, wenn ihr nicht die volle Aufmerksamkeit gilt. Paulina Dudek jedenfalls achtete zu sehr auf Kadeisha Buchanan. Und Kadidiatou Diani war zu sehr mit Sara Björk Gunnarsdóttir beschäftigt. Renard konnte in der 67. Minute des Champions-League-Halbfinals zwischen Lyon und Paris Saint-Germain mühelos die Lücke zwischen Dudek und Diani nutzen. Der Freistoß von Amel Majri kam perfekt auf Renard zugeflogen, niemand hinderte sie an ihrem Sprung in die Luft. Besser hätte es für Olympique nicht laufen können in diesem Moment am Dienstagabend. Renard nickte den Ball wuchtig zum 1:0 ins Tor - und bescherte Lyon die neunte Finalteilnahme in der Champions League. Am Sonntag (20 Uhr, Sport1) wartet dort auf den sechsmaligen Sieger und Titelverteidiger der VfL Wolfsburg.

"Es war heute Abend nicht einfach, aber ein Finale zu erreichen ist nie einfach", sagte Renard. "Wenn man aber alles in diesem Spiel betrachtet, alles, was wir zusammengebracht haben, dann haben wir den Sieg verdient." Dieses Halbfinale war ein intensives. Die Dauerrivalen Lyon und Paris neutralisierten sich über weite Phasen und arbeiteten sich aneinander ab. Nach etwas über einer Stunde kam es zur entscheidenden Szene. Nachdem die bereits verwarnte Pariserin Grace Geyoro die rote Karte sah, gab Majri die perfekte Vorlage auf Renard. Und in Unterzahl, das schien klar zu sein, würde PSG nicht mehr viel ausrichten können. Dass Olympique nach dem Platzverweis gegen Nikita Parris ab der 75. Minute ebenfalls dezimiert war, brachte zwar neue Spannung - aber keine Wende.

Und so stehen sich also zum vierten Mal im Finale dieses Wettbewerbs der amtierende deutsche und der französische Doublesieger gegenüber. Wolfsburg gewann 2013 (1:0) und verlor 2016 (3:4 im Elfmeterschießen) sowie 2018 (1:4 nach Verlängerung). Die Erinnerungen an Lyon sind nicht nur wegen dieser Negativbilanz ungut. Denn auch vergangenes Jahr und 2017 durchkreuzte Lyon die Pläne des VfL, den Titel der Champions League nach 2013 und 2014 ein drittes Mal zu holen. Ob es in diesem Jahr anders wird? Weder Wolfsburg noch Lyon traten bisher mit einer erdrückenden Dominanz auf. Wie ein klarer Favorit, zu dem Lyon ernannt worden war, ist das Team von Trainer Jean-Luc Vasseur nach langer Coronapause nicht durch das Finalturnier in Spanien marschiert. Seiner Hauptrolle jedoch ist der Klub trotzdem wieder gerecht geworden.

Lyon hat die individuell besseren Fußballerinnen, die weltweit zu den erfahrensten zählen und zudem im Kern schon sehr lange gemeinsam spielen. "Wolfsburg ist ein tolles Team. Wir kennen sie gut. Sie haben jüngere Spielerinnen, klar, aber viel Qualität", sagte Vasseur und schickte eine eindeutige Ansage hinterher: "Meine Spielerinnen haben einen Durst nach Trophäen. Ich habe das noch nie so deutlich gesehen wie jetzt." Olympique könnte sich zum fünften Mal in Serie an die Spitze des europäischen Frauenfußballs setzen, der Wille, das zu schaffen, ist enorm.

Seit Jahren setzt Lyon um die deutsche Nationalspielerin Dzsenifer Marozsán Maßstäbe. Dank seines investitionsfreudigen Klubpräsidenten, Jean-Michel Aulaser, hat der vierzehnmalige französische Meister und neunmalige Pokalsieger die Branche nachhaltig verändert. Und Aulaser ist überzeugt, dass die Erfolgsgeschichte fortgesetzt wird: "Ich habe großes Vertrauen, dass mein Team am Sonntag den Sieg holen wird."

Was Wolfsburg helfen könnte, ist der Ausfall von möglicherweise gleich drei entscheidenden Spielerinnen. Stürmerin Ada Hegerberg fehlt nach einem Kreuzbandriss seit Januar. Bis dahin hatte sie neun Tore in der Champions League erzielt, die Norwegerin ist mit insgesamt 53 Treffern die erfolgreichste Schützin des Wettbewerbs. Nikita Parris, ihre Stellvertreterin, fehlt jetzt nach Rot gesperrt. Und Amandine Henry verletzte sich im Viertelfinale gegen den FC Bayern an der Wade. Ohne die Taktgeberin fehlte es Lyon gegen Paris an Struktur. Am Dienstag humpelte sie nach dem Sieg übers Feld und dürfte am Sonntag erneut ausfallen. Trotzdem sollten die Wolfsburgerinnen eines nicht machen: Wendie Renard einmal aus den Augen lassen.

© SZ vom 28.08.2020

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