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Champions League:Der kompakte Showdown wird eine Ausnahme bleiben

Champions League - Sehnsuchtsort Lissabon

Sehnsuchtsort Estadio da Luz: Hinter der Eusébio-Statue findet am 23. August das Finale der Champions League statt, im Stadion von Benfica Lissabon.

(Foto: Jan Woitas/dpa)

Erlösoptimierung ist diesmal nicht das Wichtigste beim Finalturnier - die Macher mussten das Format komprimieren statt aufblähen. Nach der Krise dürfte das wieder anders aussehen.

Kommentar von Claudio Catuogno

Hätte Gianni Infantino nicht gerade andere Probleme, nämlich Strafermittlungen durch die Schweizer Justiz, auch der Präsident des Weltfußballverbands Fifa würde wohl mit Neugier und (Eigen-)Interesse auf dieses ungewohnte Fußballturnier blicken, das von Europas Top-Klubs in den kommenden Wochen ausgespielt wird. Schwergewichte des Kickergewerbes, die sich - nach dem Verteilen der letzten freien Plätze - an einem Ort versammeln. Viertel- und Halbfinals, die nicht in Hin- und Rückspielen in den eigenen Stadien ausgetragen werden, wie man das aus dem Europapokal gewohnt ist, sondern alle im neutralen Lissabon.

Ist das nicht ziemlich genau die Art von Wettbewerb, die der Fifa-Präsident mit allerlei Finten für den Sommer 2021 ins Programm gehoben hatte - als superduper Klub-WM? Bloß, dass das Infantino-Turnier nicht in Portugal, sondern in China geplant war (Lieblingsspielort: Wuhan), und nicht als exklusive Europa-Veranstaltung, sondern mit einem durch Exoten wie die Mamelodi Sundowns oder die Kashima Antlers aufgefüllten Tableau? Und mit einem weiteren Unterschied: Das Infantino-Turnier (das nun coronabedingt auf unbestimmte Zeit verschoben ist) sollte eine Konkurrenzveranstaltung werden zur Champions League der Uefa, mit dem durchschaubaren Ziel, den Reibach selbst abzugreifen, den solche Fußballgipfeltreffen versprechen.

Das hier hingegen: Das ist die Champions League!

Es sind diesmal nicht Vermarkter und Erlösoptimierer, die sich das Format ausgedacht haben

Es mag Leute geben, die sich nach der Verschiebung der Europameisterschaft um ein Jahr auf einen geruhsamen Sommer ohne Fußball eingestellt hatten. Diese Leute haben jetzt Pech gehabt: Die Champions League wird sich ganz schön in den Vordergrund drängen bis zum Finale am 23. August. Trotz Corona, und durchaus wegen des ungewohnten Modus. Das Interessante daran: Es sind diesmal nicht Vermarkter und Erlösoptimierer, die ihn sich ausgedacht haben; entscheidend war nicht die Frage, wie so ein Turnier gestreckt, aufgebläht und für die Märkte portioniert werden könnte. Handlungsleitend war vielmehr, wie das Finale der Königsklasse angesichts der Corona-Krise überhaupt durchführbar ist. Aber herausgekommen ist dann ein komprimiertes Showdown-Format, eine Bühne für Dramen und Höhepunkte, der im Grunde nur eines fehlt: Stadionpublikum.

Was zu der Frage führt, ob so etwas auch nach der globalen Krise denkbar bleibt: dass Turniermacher sich nicht immer bloß daran orientieren, was am meisten Milliarden einbringt. Die Forderungen, mit denen die Klubvereinigung ECA unter ihrem Vorsitzenden Andrea Agnelli jüngst in die Debatte um eine neue, 2024 startende Champions League gezogen waren, ließen das Gegenteil befürchten: ein nahezu geschlossenes System, aus dem Klubs wie Juve, Real, Barça, Bayern oder ManCity gar nicht mehr herausfallen können, nicht mal wegen einer vermasselten Saison. Da sollte der Kuchen nicht nur größer, sondern auch in weniger Stücke geschnitten werden.

Manches davon ist schon wieder vom Tisch, aber der Anspruch bleibt der gleiche: mehr europäische Spiele als bisher, und zugleich mehr Erholungspausen für die Spieler. Wie das zu lösen wäre? Genau: gar nicht - außer durch den Verzicht auf Länderspiele. Aber auch da wurden ja gerade erst neue Turniere erfunden, etwa die Nations League. Von der Turnier-Gier des Gianni Infantino ganz zu schweigen.

Gut, Infantino dürfte nicht mehr lange Fifa-Präsident sein. Aber die Verteilungskämpfe gehen weiter, auch ohne ihn. Der kompakte Showdown von Lissabon wird eine Ausnahme bleiben.

© SZ vom 07.08.2020/chge
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