bedeckt München 23°

Champions League: FC Bayern:Zulässig euphorisch

Mit dem Champions-League-Achtelfinale gegen Florenz startet der FC Bayern in seine Bewährungswochen. Reicht die Qualität für Europa? Die Mannschaftsteile im Check.

10 Bilder

fc bayern

Quelle: SZ

1 / 10

Zwölf Spiele hintereinander hat der FCBayern zuletzt in den drei Wettbewerben gewonnen, die Aussichten der Münchner werden als grandios beschreiben, vor allem von ihnen selbst. "Ich glaube, wir haben eine tolle Zeit vor uns", sagte Torwart Jörg Butt am Faschingsdienstag, vor dem Achtelfinal-Hinspiel der Champions League gegen den AC Florenz, den Tabellenelften aus Italien. Setzen die Bayern ihre Erfolgsserie fort, wie es nun jeder von ihnen erwartet? Haben sie bereits die Qualität, um frühzeitige Ernüchterungen wie in den vergangenen Spielzeiten zu verhindern, als die Münchner so weit vom Finale entfernt waren wie der Tegernsee von Swasiland? In Chelsea, Mailand, Sankt Petersburg oder Barcelona erlebten sie zuletzt Jahr für Jahr ihren internationalen Aschermittwoch. Eine Bestandsaufnahme einer Mannschaft, die im Juli mit ihrem neuen Trainer Louis van Gaal "einen Prozess" begann - der in den kommenden Wochen vor den ersten Höhepunkten stehen soll.

Foto: dpa

Jörg Butt

Quelle: SZ

2 / 10

Der Torwart Heißt überraschenderweise Jörg Butt. Kam 2008 als vermeintlich genügsamer Reservist. Nutzte anfangs die Sonnenterrasse des Hausarchitekten Klinsmann (früherer Trainer; d.Red.), um bei Grillabenden an der Säbener Straße die Euro 2008 zu verfolgen. Inzwischen viel mehr als ein Ersatzmann und Terrassentourist: Die unaufgeregte Art des Oldenburgers im Tor und in der Kabine ist ein Segen für diesen immerzu hektischen Klub. Aktuelle Höchstwerte in den Torhüterstatistiken - und der mutmaßliche Schlüsselmoment der Saison, sein Elfmetertor zum 1:1 in Turin (4:1) - wurden soeben mit der Vertragsverlängerung bis 2011 belohnt. "Es war auch mein Wunsch, nur für ein Jahr zu verlängern", sagt Butt, der erfolgreichste deutsche Torwarttorschütze (26 Treffer). Ist vielleicht auch nächste Saison Nummer eins, denn die Nachfolgedebatten um Kandidaten wie Neuer (Schalke) oder Frey (Florenz) sind aktuell verstummt. Einziger Makel: trotz Champions-League-Finalerfahrung (2002) noch ohne Titel. Butt, 35, spielte einfach zu lange für Leverkusen.

Foto: ddp

martin demichelis reuters

Quelle: SZ

3 / 10

Die Abwehr Der Mannschaftsteil, dessen Qualitätsprüfung auf europäischem Höchstniveau noch aussteht. Deckungsschwächen und Stellungsfehler, wie zuletzt gegen Dortmund von den Innenverteidigern van Buyten und Demichelis (im Bild) zelebriert, sorgen dafür, dass trotz aller Schwärmereien nach den vielen Siegen den Mahnern und Nörglern der Stoff nicht ganz ausgeht. Auch die Bayern selbst wissen, dass sie zuletzt "hinten zu viel zugelassen" haben, wie es der inzwischen etablierte Bedenkenträger Philipp Lahm ausdrückt: "In der Champions League wird so etwas knallhart bestraft."

Foto: Reuters

Holger Badstuber

Quelle: SZ

4 / 10

Der junge Holger Badstuber, 20, aus dem Zentrum auf die verwaiste Linksposition versetzt, hat sich als Ausputzer in Ribérys Rücken und als dessen Partner in der Vorwärtsbewegung erst noch zu bewähren gegen Europas große Namen. Deutlich weiter ist schon das Bündnis auf der anderen Seite: Arjen Robben und Lahm. Kollege Mario Gomez sagt zulässig euphorisch: "In Europa gibt es rechts kaum etwas Besseres."

Foto: dpa

robben ribery

Quelle: SZ

5 / 10

Das Mittelfeld Besteht zur Hälfte aus Stürmern und muss ohne Regisseur auskommen, weil sich bei van Gaals Casting für die Nummern zehn einst kein geeigneter Kandidat fand. Das Spiel der Bayern schwebt deshalb markant auf den Flügeln: Sollte Robben von seiner 20. Verletzung binnen sechs Jahren verschont bleiben und der Trotzkopf Ribéry weiterhin artig seinem Trainer die Hand geben - dann besitzen die Bayern auf den Flanken zwei Akrobaten, deren Spektakelfaktor sogar das Münchner Champagnerpublikum aufwecken wird und den sportlichen Vergleich mit den Messis und Ronaldos kaum zu scheuen braucht.

Trotz aller Begeisterung über ihre Kunststücke werden die beiden allerdings von den Kollegen aus dem hinteren Maschinenraum herzlich zur Drecksarbeit in der Defensive eingeladen. Die taktische Balance, in der Liga mangels konkurrenzfähiger Gegner von geringerer Bedeutung, dürfte über Sieg oder Niederlage gegen kompakte Einheiten wie Chelsea, Inter oder Barcelona entscheiden.

Foto: dpa

bastian schweinsteiger

Quelle: SZ

6 / 10

Viel Arbeit wartet auf Schweinsteiger (im Bild) und van Bommel, die beiden Schutzmänner hinter vier Offensivspielern mit vielen Freiheiten. Schweinsteigers Beförderung in die Zentrale erwies sich im Krisenherbst des Trainers van Gaal als Schlüsselpersonalie - seither spielt der ewige Teenager "Schweini" wie ein 25-jähriger, erwachsener Mann mit 72 Länderspielen, der inzwischen auch als Passgeber zur Geltung kommt.

Erst in der K.o.-Phase der Champions League wird sich herausstellen, ob Schweinsteiger, immer noch Neuling auf der Position sechs, die strategische Reife besitzt. Sein Partner van Bommel hat sich auf der Bühne des Hochgeschwindigkeitsfußballs in ähnlich dominanter Rolle zu behaupten wie zuletzt in der Liga - ein anspruchsvolles Ziel für einen bald 33-Jährigen; zumal, wenn Ribéry und Robben nach Ballverlusten den Kollegen wirklich nur die Daumen drücken.

Foto: dpa

mario gomez

Quelle: SZ

7 / 10

Das Sturmduo Besteht zur Hälfte aus einem Mittelfeldspieler - Thomas Müller (alternativ: Ivica Olic) kreiselt ausdauernd um Gomez, den Turm ganz vorne. Wann gab es zuletzt jemanden beim FC Bayern, der so viel gelaufen ist wie Müller - und das auch noch mit enormem taktischen Gehorsam? Aber Müller ist erst 20 und noch Azubi in der Kontinentalklasse - wie irgendwie auch Gomez, der sich als Torjäger von Format in London, Mailand oder Madrid (Hauptsache Italien) erst noch vorzustellen hat mit seinem Torero-Jubel. Gomez' Begnadigung darf als zweite Schlüsselpersonalie im Krisenherbst des Trainers bezeichnet werden. Der Schwabe sollte das jetzt allerdings mit hochwertigerer Ballverarbeitung untermauern.

Foto: dpa

ivica olic

Quelle: SZ

8 / 10

Der zentrale Schachzug im Krisenherbst des Trainers war das - Zitat van Gaal - "Kreieren" eines Systems, in dem er eigene Vorlieben (4-3-3) und Wünsche der Vorständler (4-4-2) listig versöhnen konnte - weil die Grenzen zwischen Mittelfeld und Sturm so fließend sind. Keinen Platz fand darin zuletzt Miroslav Klose, er könnte aber noch ein Faustpfand sein für die strapaziösen Frühjahrswochen. Zusammen mit dem zweiten Zuschauer (Olic oder Müller) haben die Bayern ein beneidenswert qualifiziertes Sturmdoppel auf der Bank. Ivica Olic hat sich in Europa schon kraftvoll bekannt gemacht, neulich in Turin.

Foto: dpa

louis van gaal

Quelle: SZ

9 / 10

Der Trainer Besteht erstaunlicherweise nur zur Hälfte aus einem arroganten, knorrigen Rechthaber. Sogar die Chefetage lobt inzwischen seine (angebliche) Wandlung zur Spaßkanone - wäre kein Spiel gegen Florenz, hätte van Gaal vermutlich am Dienstag mit den Faschingsweibern auf dem Viktualienmarkt geschunkelt. Louis van Gaal ist kein Hausarchitekt mit Dauerlächeln, sondern ein Wegweiser, auf den sich die Mannschaft inzwischen gerne verlässt. Erstmals seit Jahren tritt der FC Bayern München gegen Europas Beste mit einem seriös organisierten, inzwischen auch ansehnlich offensiven Fußball an.

Zurzeit mutet van Gaals Verpflichtung als wahre Schlüsselpersonalie an - aber lieben werden ihn die kritischen Klubikonen erst, wenn die Spieler nach Titeln seine akkurate Frisur mit Weißbier zerstören. Das kann noch ein Weilchen dauern, sagt van Gaal selbst. Er will sich an Barça messen lassen - aber noch nicht in dieser Saison, die er als Übergangsjahr betrachtet. Was nichts daran ändert, dass die Reise in Florenz nicht enden darf. Andernfalls würde van Gaals Debütsaison - mindestens zur Hälfte - aus einer herben Enttäuschung bestehen.

Foto: dpa

anatolij timoschtschuk

Quelle: SZ

10 / 10

Die Bank Klose und Olic sitzen dort, das schon. Und natürlich Müller-Wohlfahrt, der Medizinmann mit dem Kälberblut, der Robbens schmerzhafte Serie beenden soll. Aber sonst? Verunsicherte Millionentransfers und Internationale wie Timoschtschuk, Pranjic und Altintop, Lückenfüller wie Lell oder Görlitz, dazu begabte Heranwachsende wie Alaba, 17, Contento, oder Ekici, beide 19. Ob das in Notlagen reicht? Nie wieder wollen die Bayern ja in eine Verlegenheit geraten wie ehedem beim FCBarcelona, als sie ersatzgeschwächt 0:4 vorgeführt wurden.

Lichtjahre her muss das sein, aber das stimmt nicht. Dieses Spiel fand vor zehn Monaten statt.

Foto: AP

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite