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Champions League: FC Bayern:Zu oft die falsche Farbe

In einer packenden Champions-League-Partie verliert der FC Bayern 1:2 gegen Girondins Bordeaux. Müller und van Buyten fliegen vom Platz, Butt hält zwei Elfmeter.

Es war eines dieser Spiele voller Geschichten, mit Eigentoren, vielen gelben Karten, einer gelb-roten und einer roten Karte, mit zwei gehaltenen Elfmetern, mit Pfostentreffern, mit wechselnder Führung, mit Kampf und Dramatik, mit Wut und Geschrei. Es war kein schönes Spiel, kein technisch hochstehendes, aber ein packendes, ein spannendes, ganz so also, wie man es sich für einen schönen Fußballabend in der Gruppenphase der Champions League wünscht. Aus Sicht des FC Bayern hatte das Spiel allerdings etwas äußerst Unerfreuliches, denn es ging 1:2 (1:2) bei Girondins Bordeaux verloren, was die Ausgangslage in der Gruppe A deutlich verschlechtert. "Das ärgert mich sehr", sagte Trainer Louis van Gaal ruhig, so ruhig wie ein Mann, der wirklich wütend ist.

Dabei hatte es zunächst nach einem ruhigen Abend für die Münchner ausgesehen. Wie zuletzt in der Bundesliga half der Gegner eifrig mit, die Arbeit van Gaals in besserem Licht erscheinen zu lassen. In Freiburg hatte Du-Ri Cha ein Eigentor erzielt, in Bordeaux war es Michaël Ciani, der den Ball ins eigene Netz beförderte. Holger Badstuber hatte einen Eckball in den Strafraum gebracht, Daniel van Buyten konnte die Kugel nicht erreichen, doch Ciani fälschte unglücklich ab. Das passierte bereits in der sechsten Minute, und so hatte der FCBayern also eine gute Ausgangsposition. "Das war ein Geschenk", befand van Gaal.

Er hatte sein Team ein wenig umgestellt. Philipp Lahm rückte mal wieder auf die Position des linken Verteidigers, auf der rechten Seite agierte Hamit Altintop - und nicht, wie spekuliert worden war, Anatoli Timoschtschuk. Der sollte mit Mark van Bommel und Bastian Schweinsteiger im Mittelfeld einen möglichst lückenlosen Verbund bilden. Es stürmten Miroslav Klose und Luca Toni, der zuletzt in Italien beklagt hatte, sein neuer Trainer möge ihn nicht (vielleicht hatte van Gaal nichts davon gehört).

Viel zu viele Fouls

Bordeaux ließ sich allerdings weder von der Aufstellung des Gegners noch von dessen Führung beeindrucken. Die Mannschaft leitete umgehend zum Gegenangriff über und hatte bald gute Möglichkeiten: Marouane Chamakh tauchte frei vor dem Tor auf, doch sein Schuss aus 15Metern flog am Pfosten vorbei (9.Minute). Der Brasilianer Wendel jagte ein paar Freistoßflanken durch den Münchner Strafraum, alle gefährlich, aber alle zunächst ohne Erfolg. "Wir haben viele Pässe zur falschen Farbe gespielt", sagte van Gaal, "da ist es klar, dass der Gegner kommt." Auffällig war zudem, wie oft Bordeaux zu Freistößen aus gefährlichen Distanzen kam.

Die Münchner foulten zu oft, insbesondere in der Nähe des eigenen Tores, und eines der Kennzeichen moderner Verteidiger ist, dass sie meist ohne solche Fouls auskommen. "Wir haben gewusst, dass sie bei Standards gefährlich sind", sagte Verteidiger Philipp Lahm, "deshalb wollten wir diese Fouls eigentlich vermeiden." Einer der Freistöße - diesmal getreten von Benoit Trémoulinas - führte zu einer Ecke, diese segelte in den Strafraum, und erneut war Ciani zur Stelle: Er beförderte den Ball mit der Hacke ins Netz, es war ein Traumtor, und nicht nur hatte er sein Eigentor wieder gutgemacht, er hatte auch dem Spiel eine Wende gegeben.

Anschließend war Bordeaux hochüberlegen, begünstigt auch durch die Tatsache, dass Thomas Müller nach 30 Minuten den Platz verlassen musste: Er hatte völlig zurecht die gelb-rote Karte wegen wiederholten Foulspiels gesehen (siehe untenstehenden Bericht). Die Bayern gerieten unter Druck, weiterhin foulten sie oft, und ein weiterer Freistoß führte zur Führung für die Franzosen: Wendel brachte den Ball in den Strafraum, wo Altintop und Marc Planus die Kugel in unfreiwillig gemeinsamer Anstrengung zum 2:1 ins Tor bugsierten (41.).

Butt hält zwei Elfmeter

In der Folge - in Unterzahl und in Rückstand - zeigten sich die Bayern als Mannschaft. Sie kämpften, sie gaben sich nicht auf, Luca Toni wühlte sich durch die Abwehr der Franzosen wie ein Ein-Mann-Räumkommando, Schweinsteiger spielte intelligente Pässe wie ein Regisseur, Torwart Jörg Butt hielt einen Elfmeter. Diesen hatte er selbst verursacht, indem er erst den Ball vertändelte und anschließend Chamakh auf eine Weise foulte (65.), die mit dem Wort ungeschickt freundlich beschrieben ist. "Es ist komisch, dass wir in der zweiten Halbzeit zu zehnt besser waren als in der ersten Halbzeit zu elft", sagte van Gaal, und er schien ehrlich verwundert zu sein.

Es gelangen sogar dem nicht als Mann mit feinem Fuß bekannten Mark van Bommel Flanken, eine köpfte Luca Toni an den Pfosten (72.), das Tor war leer. Als van Gaal diese Szene später auf einem Monitor sah, stieß er zwei Mal das gleiche Wort hervor: "Unglaublich!" Die Bayern spürten in dieser Phase, dass der Ausgleich möglich war, van Gaal wechselte Mario Gomez und Andreas Ottl (für Toni und van Bommel) ein, zwei frische Leute. Die Bayern machten jetzt das Spiel, Bordeaux verlegte sich - in Überzahl, im eigenen Stadion - aufs Kontern.

In dieser Phase hätte den Münchnern ein kreativer Mann wie Franck Ribéry helfen können - so aber arbeiteten sie Fußball, eifrig, bemüht, wacker, doch der Ausgleich wollte ihnen nicht mehr gelingen. Da war es auch kein Trost, dass Butt in der 88. Minute einen weiteren Elfmeter hielt - van Buyten hatte ihn verursacht und dafür Rot gesehen.

Sowohl Müller als auch van Buyten werden also im Rückspiel fehlen. Wegen der starken Leistung in der zweiten Halbzeit üben sich die Bayern dennoch in Zweckoptimismus. "Wenn wir zu Hause 1:0 gewinnen, stehen wir vor denen", sagte van Gaal, noch immer in der großen Ruhe, die sich aus großer Wut speist.

© SZ vom 22.10.2009
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