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FC Bayern:Der Killerinstinkt friert ein

31:6 Torschüsse, aber 2:3 Tore: In einem teilweise absurden Spiel verliert der FC Bayern gegen Paris Saint-Germain. Hansi Flick bleibt dennoch optimistisch, kämpft aber mit Verletzungen - und den Fragen zu seiner Zukunft.

Von Martin Schneider

"Wir müssen uns an unsere eigene Nase fassen", sagte Thomas Müller und fasste sich an seine eigene Nase. Just als er das Sprichwort aussprach, fand seine Hand den Weg ins Gesicht, vor dem Sky-Mikrofon fiel der Schnee immer noch auf seine Haare. Übersprungshandlungen nennen es die Psychologen, wenn sich Leute an der Nase oder am Kopf kratzen. Treten sie gehäuft auf, soll es ein Zeichen von Stress sein und dass Thomas Müller unter Stress stand, das war offensichtlich und auch nur allzu verständlich.

"Wir sollten drüber sprechen, dass wir wahrscheinlich 20:5 Torschüsse hatten", sagte Müller und es zeigte die Absurdität des Spiels, dass er auch mit dieser Schätzung noch daneben lag. 31:6 stand auf dem amtlichen Statistikzettel der Uefa, der früher noch nach dem Spiel an alle Journalisten ausgeteilt wurde, nun natürlich nur digital verfügbar ist. Was aber an den Zahlen nichts ändert: 31:6 Torschüsse, 15:1 Ecken, 2:3 Tore. "Wenn wir hier den Killerinstinkt an den Tag legen, hätten wir sicher ein anderes Spiel gesehen", sagte Müller.

Der FC Bayern hat ein Spiel verloren, das er eigentlich nicht verlieren darf, aber irgendwie passt es auch in die Saison. Da war zum Beispiel das frühe Gegentor nach drei Minuten - das hat man schon öfter so gesehen. Ballverlust auf der Außenbahn, konfuse Laufwege in der Abwehr und diesmal sah auch Manuel Neuer unglücklich aus, weil er aus kurzer Distanz auf die lange Ecke spekulierte und ihm der Schuss von Kylian Mbappé durch die Beine rutschte. Beim 0:2 von Marquinhos hoffte die Abwehr auf einen Abseitspfiff, der sie kurz davor noch vor einem Tor von Julian Draxler bewahrt hatte. Und weil es auch noch schneite, konnte man sogar Parallelen zwischen Kiel, Bielefeld und Paris ziehen: Schnee können die Bayern diese Saison nicht.

"Klar ist es so, dass man sich bei Gegentreffern meistens nicht super anstellt", sagte Müller. "Aber die Diskussion über die Gegentore brauchen wir nicht führen." Auch damit hatte er irgendwie recht, denn dass die Pariser Offensive mit Mbappé, Neymar und Angel Di Maria pro Spiel immer was zustande bringt - darüber herrscht im Weltfußball weitgehend Einigkeit.

Nein, Thema des Spiels war definitiv die teilweise ins Groteske abdriftende Chancenverwertung der Münchner, bei der das Fehlen von Robert Lewandowski offenkundig wurde und auch Serge Gnabry, der sich nach einem positiven Corona-Test in Isolation befindet, sicher geholfen hätte. Man weiß gar nicht, welche Situation man sich herausgreifen soll, zu viele waren es. Schon vor dem Tor von Mbappé traf Lucas Hernandez das Außennetz und Eric Maxim Choupo-Moting köpfte den Ball an die Latte, in der zehnten Minute vergab Müller frei vor dem wie üblich auf der Linie ganz stark parierenden PSG-Torwart Keylor Navas. 19. Minute: Kopfball Leon Goretzka. 20. Minute: Schuss Benjamin Pavard. 27. Minute: Choupo-Moting rutscht ab und so weiter und so fort.

In der Schlussphase mussten sich die Live-Ticker-Schreiber der Republik verschiedene Formulierungen für "fast das 3:3!" ausdenken, aber David Alaba und wieder Müller versiebten Chancen kurz vor Schlusspfiff, von denen normalerweise eine rein geht. Choupo-Moting per Kopf nach Pavard-Flanke (37. Minute) und Müller nach Kimmich-Flanke (60. Minute) waren die beiden Versuche, die glückten.

"Vor dem Tor war es nicht so entschlossen, wie wir das normal können. Die Effizienz war nicht gut", sagte Trainer Flick später auf der Pressekonferenz. Es war aber auch das einzig Negative, was er über das Spiel sagte, er wählte durchweg den positiven Interpretationsansatz. "Die Art und Weise, wie wir Fußball gespielt haben, war beeindruckend", sagte Flick. Er sei zufrieden und: "Wir sind guter Dinge. Wenn man unser Spiel gesehen hat, kann man positiv nach Paris schauen." Das 2:3 war übrigens Flicks erste Champions-League-Niederlage überhaupt.

Das Rückspiel findet bereits in einer Woche statt. Zwei Tore muss der FC Bayern wegen der Auswärtstorregel mindestens schießen - wenn er keins kassiert. Was bei einem Mbappé als Gegner schwierig ist. Der Franzose erzielte das dritte Pariser Tor mit einer Einzelleistung aus dem gehobenen Niveau-Regal- sein Schuss durch die Beine von Jérôme Boateng schlug im kurzen Eck ein.

Boateng war an diesem Abend übrigens gleich zweimal Thema. Zum einen, weil er schon in der 42. Minute eingewechselt werden musste - Niklas Süle und Leon Goretzka gingen angeschlagen vom Platz, beide zogen sich laut Flick Muskelverletzungen und fallen für das Bundesligaspiel am Samstag aus, Prognose fürs Rückspiel ist offen. Zum anderen, weil Sportvorstand Hasan Salihamidzic vor dem Spiel am Sky-Mikrofon offiziell verkündete, dass Boateng den FC Bayern im Sommer definitiv verlassen muss. Der Vertrag läuft aus und wird auch nicht verlängert.

Wie er das findet, wurde Flick später gefragt. "Ich muss nicht jede Frage beantworten", sagte der Trainer dazu nur. "Schauspielern gehört auch zum Trainerjob." Dass Flick mit Salihamidzic oft nicht einer Meinung ist, ist bekannt. Und weil Flick erneut trotz hartnäckigster Nachfragen der TV-Journalisten nicht sagte, ob er nach der EM nun Bundestrainer wird, gärt das Thema weiter an der Säbener Straße.

© SZ/ska/tbr
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