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Champions League:Ein Spiel, das Bayern aufrichtet - und warnt

  • Mit ungewöhnlicher Taktik verdirbt Niko Kovac seinem Liverpooler Trainerkollegen Jürgen Klopp die Laune.
  • Der FC Bayern wirkt nach dem 0:0 in der Champions League beseelt - Partystimmung herrschte in der Kabine allerdings nicht.
  • Hier geht es zu den Ergebnissen der Champions League.

Niko Kovac lächelte im Nieselregen. Sein Haar glänzte dank der feinen Tropfen, die das Wetter von der Irischen See aus über Liverpool sprühte, er klatschte mit seinen Leuten ab, mit Hasan Salihamidzic, der eine rote Mütze aufgezogen hatte. Aber er klatschte nicht mit Jürgen Klopp ab. In England ist es üblich, dass sich Trainer direkt nach dem Spiel die Hand geben, aber Kovac - der an der Anfield Road sein erstes K.o.-Spiel im Europapokal bestritt - wusste das nicht, sprach erstmal mit Franck Ribéry, den er spät eingewechselt hatte und der zum fünften Mal Vater geworden ist.

Klopp war deswegen kurzzeitig pikiert, er zog einige seiner berühmten Grimassen, aber Kovac entschuldigte sich sofort bei ihm, gab ihm mit einer Minute Verzögerung die Hand. Später sagten beide, es sei kein Problem gewesen. Und wahrscheinlich wussten auch beide, dass Klopp nicht wegen des verpassten Handschlags verstimmt war.

Seit genau 233 Tagen ist Niko Kovac nun Trainer des FC Bayern und der Superlativ ist wohl angebracht, dass er in dieser Zeit noch nie so entspannt-stolz wirkte nach einem Spiel, als er vor die Mikrofone trat. Man sah einen Mann, der zufrieden war, der 90 Minuten lang beobachtet hatte, dass seine Mannschaft das und zwar wirklich genau das tat, was er wollte.

"Sepp Herberger hätte heute seine Freude gehabt", befand Rummenigge

Das 0:0 im Hinspiel des Champions-League-Achtelfinales gegen den FC Liverpool war ein Trainer-Spiel - und eigentlich hatte man diesem Niko Kovac es kaum zugetraut, gegen den schlachtenerfahrenen Klopp die beste Strategie zu finden. Noch vor ein paar Tagen fing sich seine Mannschaft unerklärliche Gegentore in der Augsburger Arena. Nun besteht sie an der Anfield Road.

"Es gibt nicht viele Klubs, die hier nicht verloren haben und auch kein Gegentor bekommen haben", sagte Kovac: "Das war eine tolle Defensivleistung. Die Mannschaft hat sich an das gehalten, was wir ihnen vorgegeben haben." Eine der Vorgaben war: tief stehen. Die beiden Außenverteidiger, Kimmich und Alaba, unterließen offensive Vorstöße und konzentrierten sich aufs Verteidigen gegen Sadio Mané und Mo Salah. Im Spielaufbau ließen sich Mats Hummels und Niklas Süle bis auf die Grundlinie zurückfallen, um die Wege für Klopps Sprinter so weit wie möglich zu machen - auch Manuel Neuer wurde ins Spiel eingebunden (der hatte am Ende 70 Ballkontakte, mehr als in jedem anderen K.o.-Spiel seiner Karriere). In die Zentrale - da wo Liverpool am liebsten den Ball gewinnt - wurde die Kugel erst gar nicht gespielt, sondern direkt zu den Flügelstürmern Serge Gnabry und Kingsley Coman. Und: alle verteidigten. Wirklich alle.

Karl-Heinz Rummenigge kombinierte nach dem Spiel sogar die drei Musketiere mit dem Weltmeister-Trainer von 1954, um seine Begeisterung darüber auszudrücken: "Sepp Herberger hätte heute seine Freude gehabt. Das war einer für alle und alle für einen." Die Mannschaft mache das seit November sehr gut, und heute habe sie die Vorgaben des Trainers hervorragend umgesetzt, sagte der Vorstandsvorsitzende durchaus beseelt.

Eben jener Trainer hatte dazu noch ein paar Details parat. "In der Bundesliga spart sich der eine oder andere mal den Gang, um seinem Mitspieler zu helfen", sagte Kovac vielsagend. Er sei eben hilflos, wenn Spieler Konzepte nicht mit Leben füllen. "Aber in der Champions League ist der Fokus noch mal größer", sagte er. Dass Hummels und Martínez beide ihr bestes Spiel in dieser Saison machten, half zusätzlich. Hummels bilanzierte: "Es galt für uns, die Stärken des Gegners rauszunehmen, das haben wir hervorragend geschafft."

Bayern löschte das Feuer an der Anfield Road

Die Taktik und ihre Umsetzung nahm Klopps Mannschaft die Wucht und löschte das Feuer an der Anfield Road. Dabei gab das mystische Backstein-Stadion, an dem noch nie eine deutsche Mannschaft gewinnen konnte, alles. Das berühmte "You'll never walk alone" sangen die Fans so laut, dass man die zeitgleich aus den Boxen kommende Champions-League-Hymne nicht hören konnte. Das Spiel begann also durchaus mit einem Orkan, aber so wie Salah und Mané ins Leere liefen, so verstummten auch die Gesänge von den Tribünen nach und nach wie die Schläge eines Boxers, der nach den ersten harten Fausthieben auf den Boxsack müde wird. Am Ende kam statt einem Sturm von den Rängen jedenfalls nur noch Nieselregen - die Trumpfkarte Anfield hat Klopp damit in diesem Duell verloren.

Liverpools Trainer saß dann auch vor den Mikrofonen wie jemand, der unfreiwillig geduscht wurde. "Das war ganz offensichtlich nicht das Spiel, von dem wir geträumt haben", sagte er. "In Germany, we say, it was a little bit like the Hornberger Schießen", erklärte Klopp: großes Ballyhoo vor dem Spiel und dann nicht so viel Action in den 90 Minuten. Er habe Bayern nicht so erwartet, gab er zu. Die tiefstehenden Außenverteidiger, wie Gnabry verteidigt hätte - das sei alles überraschend gewesen. Er denke auch, dass Bayern sich im Augenblick besser fühle als seine eigene Mannschaft.

Zum Rückspiel kehrt Liverpools Abwehrchef zurück

"Aber", sagte Klopp dann ein bisschen lauter, "Tag für Tag wird sich das Ergebnis ein bisschen besser für uns und ein bisschen schlechter für Bayern anfühlen." Ein 0:0 sei rechnerisch das beste Unentschieden, dass man in der Champions League zu Hause holen könne, und wenn Liverpool 1:0 gewonnen hätte, dann hätte sich für das Rückspiel nicht so viel geändert: "Es war nicht perfekt, aber gut genug, um damit zu arbeiten."

Das Fiese an diesen Aussagen war, dass darin ein Kern Wahrheit liegt: Jeder Liverpool-Treffer im Rückspiel am 13. März würde die Notwendigkeit eines zusätzlichen Bayern-Tores nach sich ziehen. Bei Klopps Mannschaft kehrt dazu voraussichtlich der im Hinspiel gesperrte Abwehrchef Virgil van Dijk zurück, beim FC Bayern dagegen wird Joshua Kimmich wegen seiner dritten gelben Karte fehlen. Vielleicht herrschte auch deswegen in der Bayern-Kabine "keine Partystimmung", wie Rummenigge berichtete. Wobei der Bayern-Boss das ausdrücklich gut fand: Er deutete es als Zeichen der Konzentration.

Spätestens da wurde klar: Die Münchner ließen in dieser Regen-Nacht von Liverpool keine Schmuddelwetter-Gedanken zu. Der FC Bayern wollte ausnahmsweise in dieser Saison einfach mal stolz auf sich sein.

© SZ.de/ebc/stein
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