bedeckt München 22°

Champions League:Ein Tor muss wieder ein Tor sein

Raus aus der Champions League wegen dieses Auswärtstors: Paris um Torwart Gianluigi Buffon (unten).

(Foto: AFP)

Auswärtstore haben in der Champions League einen zu hohen Stellenwert. Die Regel sollte einst Nachteile ausgleichen - doch sie ist aus der Zeit gefallen.

Einer derjenigen, der mit jener Regel, die vermutlich bald im Archiv der Fußball-Historie landet, noch Spannendes anzufangen wusste, war Oliver Kahn. Denn das, was im April 2008 im kleinen Stadion des FC Getafe geschah, hat seiner Aura als ewiger Titan noch eine Legierung obendrauf verpasst. In Getafe führte Kahn damals vor, wie man die seit 1965 gültige Auswärtstorregel (AWTR) für ein erlebnishungriges Publikum interpretiert. Nicht im Sinne aller, die Spanier verabschiedeten ihn mit einem "Hijo de puta!" ("Hurensohn") als Ausdruck ihrer Fassungslosigkeit aus der Arena. Doch Kahn selbst, damals 38, ging mit den Worten: "Es ist interessant, dass man 20 Jahre Europacup gespielt hat, glaubt, dass man alles schon erlebt hat, und jetzt das noch draufgesetzt bekommt."

Ähnliches erhofft das Publikum an diesem Mittwoch fürs Rückspiel des FC Bayern gegen den FC Liverpool, das als Spiel des Jahres gilt, auch wenn erst Achtelfinale ist in der Champions League. Zum Gänsehaut-Gefühl verhilft naturgemäß der Trainer Jürgen Klopp, der die Münchner mit dem Hinweis auf die Heimreise schickte, das für seine Engländer enttäuschende Hinspiel-0:0 werde mit jeder Nacht Abstand positiver strahlen.

Champions League Es war einmal der Heimvorteil
Datenanalyse zur Auswärtstorregel

Es war einmal der Heimvorteil

Die Auswärtstorregel sollte einst für mehr Gerechtigkeit sorgen. Doch der Nachteil der Gäste-Teams scheint kleiner zu werden. Eine Daten-Analyse.   Von Thomas Gröbner und Benedict Witzenberger

Gerade weil die ominöse AWTR-Anwendung immer noch möglich ist, wegen der einst Kahn in Getafe weiterkam. Nach dem 1:1 in München glückte dort in letzter Sekunde der Verlängerung das 3:3 - zumal der wilde Torwart in einem 80-Meter-Sprint in den Getafe-Strafraum eilte, dort fuchtelnd mit Händen und Füßen für Verwirrung sorgte, die Kollege Luca Toni nutzte, um einen Kopfball ins Netz zu drücken.

Das Auswärtstor hat einen zu hohen Stellenwert

Hätte es AWTR in Getafe nicht gegeben, wäre beim Gesamtstand von 4:4 ein Elfmeterschießen gefolgt. Stattdessen feierten die Bayern. Würde es AWTR heute nicht mehr geben, wäre der FC Bayern jetzt nicht gar so sehr in Gefahr: Denn nur wenn das Duell torlos bleibt, kann er sich mittels Verlängerung ins Elfmeterschießen hangeln. Schießt Liverpool in München ein Tor, muss der FCB gewinnen.

Prominente Trainer wie Mourinho, Tuchel oder Nagelsmann vertreten die Forderung: AWTR muss weg! Die Regel sei nicht zeitgemäß, die Gründe, weshalb sie eingeführt wurde, gebe es längst nicht mehr. Einst sollte sie Nachteile ausgleichen, da Auswärtsteams oft erst am Spieltag anreisten und in fremden Städten auf fremde Stadien mit fremden Bällen trafen. Weshalb sie nicht nur aus Gründen der Akklimatisation erst mal einen Riegel zogen. Heute, so erklären die Abschaffer, sei es doch viel leichter, auswärts ein Tor zu schießen; die taktischen Anti-Riegel-Systeme seien ausgereift, die Örtlichkeiten von Klo bis Kabine bestens bekannt.

Pro- wie Contra-Argumente gegen AWTR gibt es Hunderte, und womöglich fügt dieser Mittwoch weitere hinzu. Generell aber ist es so: Das Auswärtstor, das bei einem Unentschieden nach Hin- und Rückspiel dann doppelt zählt, hat nicht erst seit Kahns Sprint einen zu hohen Stellenwert bekommen, die Verhältnismäßigkeit ist nicht gewahrt. Weshalb ein Zurück in die Zukunft zu empfehlen ist: Ein Tor muss wieder ein Tor sein. Keines sollte mehr zählen als ein anderes.

Champions League "Die Bayern müssen froh sein, dass sie Kovac haben"

Dietmar Hamann im Interview

"Die Bayern müssen froh sein, dass sie Kovac haben"

Der frühere Bayern- und Liverpool-Spieler spricht über seine Wertschätzung für den Münchner Trainer, die Folgen seiner Kritik an Robert Lewandowski - und den gefährdeten Heldenstatus von Jürgen Klopp.   Interview von Klaus Hoeltzenbein und Moritz Kielbassa