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Champions League:FC Bayern gegen Atlético: Härtetest gegen elf Vidals

Diego Godin

Mit Aua am Auge: Atléticos Diego Godin.

(Foto: Paul White/AP)

Ein Spieler drückte sich sogar einen Bluterguss weg: Bayerns Halbfinalgegner Atlético Madrid gilt als Mannschaft mit der größten Leidensfähigkeit. Das macht das Team gefährlich.

Kurz vor der Auslosung soll Pep Guardiola in der Kabine noch sein persönliches Ranking verraten haben. Zwischen Manchester City und Real Madrid hat der Trainer dem Vernehmen nach keine großen Unterschiede gemacht, beides schwere Gegner, nicht umsonst im Halb- finale, solche Sachen eben. Beiden Klubs wäre der Trainer mit dem branchenüblichen Respekt begegnet, aber Angst hätten sie ihm offenkundig nicht eingejagt; außerdem ist Guardiola ein so radikaler Sportlehrer, dass es ihm vermutlich sogar gelungen wäre, die politischen Aspekte dieser Dienstreisen auszublenden.

Real Madrid wäre für Guardiola eine Tour in die Vergangenheit geworden, das Signalwort Real markiert Guardiolas erste große Niederlage in München (im Halbfinale 2014). Und Manchester City wäre eine Reise in die Zukunft gewesen, hin zu seinem künftigen Klub. Wunderbar hysterische Schlagzeilen hätte das gegeben, Pep gegen sich selbst! , aber das hätte Guardiola ausgehalten. Lieber jedenfalls als das, was ihm nun bevorsteht: ein Duell mit Atlético Madrid, jener Elf, die im Pep-Ranking auf Platz drei kam. Atlético wollte er auf keinen Fall.

Die Bayern wollten Atlético vermeiden

Wer in seinem Leben auch nur eine einzige Auslosung erlebt hat, der weiß, dass nach erfolgter Ziehung gerne versiert dahergeheuchelt wird; große Gegner werden gerne etwas kleiner und kleine Gegner gerne etwas größer gemacht. Der zweite Kunstgriff richtet sich meist an die eigene Kundschaft, die bittebitte nicht glauben soll, dass man einen entspannten Spaziergang in die nächste Runde unternehmen könne. Man könnte also meinen, dass die Verantwortlichen des FC Bayern ihre Sache wieder mal sehr gut gemacht haben nach der Halbfinal-Ziehung am Freitag: Sie haben so auffällig vor Atlético gewarnt, dass es vermutlich jeder kapiert hat. Das Problem ist halt nur: Es war keine Taktik dabei. Es war die reine Wahrheit.

Champions League "Atlético ist ein Leidenschaftsmonster"

Stimmen zur Auslosung

"Atlético ist ein Leidenschaftsmonster"

Bayern-Vorstand Matthias Sammer warnt vor dem nächsten Gegner aus Spanien, Thomas Müller hofft auf Katsche Schwarzenbeck. Reaktionen zur Halbfinal-Auslosung.

"Die beste Stimmung Europas" herrsche im Estadio Vicente Calderón, sagte Guardiola, der es wissen muss, weil er dort schon viele Auswärtsspiele durchlitten hat. Atlético sei "ein Leidenschaftsmonster", sagte Sportvorstand Matthias Sammer, der es wissen muss, weil er als Spieler selber eines war. Atlético könne "einem weh tun und die Freude am Fußball nehmen", sagte Klubchef Karl-Heinz Rummenigge, der es ebenfalls wissen muss, weil Klubchefs immer Recht haben.

Das Rückspiel (3. Mai) dürfen die Bayern zu Hause bestreiten, das ist noch das Beste, was sie an dieser Auslosung finden können. Was ihnen aber speziell fürs Hinspiel in Madrid (27. April) Sorgen bereitet, ist die Tatsache, dass sie sich dort auf eine etwas andere Sportart gefasst machen müssen. Die Champions League ist als Fußballwettbewerb ausgeschrieben, und die Profis von Atlético sind raffiniert genug, um auf dem Platz immer wieder bemerkenswerte fußballartige Aktionen einzustreuen. Es geht also als Fußball durch, was sie so tun, es fällt dann nicht so auf, dass sie auch andere Sachen machen.

Für den ausgefeilten Guardiola-Fußball wird dieses Halbfinale im wahrsten Sinn des Wortes zum Härtetest. Wer wissen will, wie Atlético tickt, dem sei zur Ansicht der Abwehrchef Diego Godin, 30, empfohlen. Zum Viertelfinal-Rückspiel gegen Barcelona haben die Bayern ihren Kaderplaner Michael Reschke geschickt, und der hat mit einer Mischung aus Amüsement und Faszination dabei zugesehen, wie der Uruguayer mit dem Daumen immer wieder einen Erguss über der Augenbraue weggedrückt hat; wenn dann ein hoher Ball geflogen kam, hat Godin kurz den Daumen weggenommen und sich ins Getümmel geschmissen, und wenn er den Ball dann mit der Augenbraue aus der Kampfzone geköpfelt hatte, hat er den Daumen halt wieder hochgenommen. Er hat den Erguss dann wieder weggedrückt, bis zum nächsten Kopfball natürlich nur. "Was Leidensfähigkeit und Opferbereitschaft anbetrifft", sagt Reschke, "ist dieser Klub im Weltfußball einzigartig."