FC Barcelona und der VAR:"Eine große Ungerechtigkeit"

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Entscheidende Szene im Spiel zwischen dem FC Barcelona und Inter Mailand: Barcelonas Spieler und Schiedsrichter Slavko Vincic warten auf die Reaktion des Video-Referees - der aber kein Foul gesehen hat. (Foto: Jonathan Moscrop/Sportimage/Imago)

Nach dem 0:1 bei Inter Mailand zürnt Barça über den niederländischen Videoschiedsrichter Pol van Boekel. Er war zuletzt oft an seltsamen Entscheidungen beteiligt - etwa beim Frauen-EM-Finale, in dem Deutschland ein Handelfmeter versagt blieb.

Von Javier Cáceres, Berlin

Der Niederländer Pol van Boekel, 47, ist eine Berühmtheit der Fußballweltgeschichte, er firmiert seit September 2016 als der erste Videoschiedsrichter überhaupt, der eine Entscheidung eines Feld-Referees korrigierte. Bei einem Pokalspiel zwischen Ajax Amsterdam und Willem II Tilburg griff er ein, nachdem Danny Makkelie einen Willem-Spieler namens Anouar Kali wegen eines Fouls lediglich verwarnt hatte - nach van Boekels Zuruf flog Kali vom Platz. Zurzeit ist van Boekel nirgends berühmter als am Mittelmeer. Denn seit der 0:1-Niederlage des FC Barcelona vom Dienstag bei Inter Mailand in der Champions-League-Gruppe des FC Bayern gilt van Boekel in Katalonien als der personifizierte Justizskandal.

Die Einschätzung ist nachvollziehbar. Die ersten beiden kniffligen Szenen entschied er zwar zugunsten der Katalanen, in beiden Fällen ließ ihm die "kalibrierte Linie" keine andere Chance, als auf Abseits zu entscheiden. Das betraf zunächst einen vermeintlichen Handelfmeter von Eric García im Strafraum, durch die Abseitsstellung eines Italieners war die Elfmeterszene annulliert (24.). Ähnlich trug es sich bei der ebenfalls nur vermeintlichen Führung durch Joaquín Correa zu (29.), auch er hatte abseits gestanden.

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Der Videoschiedsrichter soll künftig eingreifen, wenn der Torwart beim Strafstoß nicht lange genug stehen bleibt. Das schränkt ein wichtiges Mittel einer flüssigen Spielleitung weiter ein.

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Erst in der Nachspielzeit der ersten Halbzeit kam Inter durch den ehemaligen Bundesligaprofi Hakan Calhanoglu (45.+2) zu einem in jeder Hinsicht berechtigten Treffer: Die Gäste lieferten, wie auch Barca-Trainer Xavi Hernández einräumte, eine insgesamt schlechte Leistung ab. Was sich allerdings nach der Pause zutrug, war ein einziger Eklat, der nicht nur Xavi zürnen ließ. "Hände hoch!", titelte die Zeitung El Mundo Deportivo.

Barças Treffer von Stürmer Ansu Fati hätte nach den gültigen Regeln zählen müssen

Die erste strittige Szene führte zur Aberkennung des möglichen Ausgleichstores durch Pedri. Barça-Stürmer Ansu Fati hatte den Ball zwar vor dem Torschuss mit den Fingerspitzen berührt - weil ihm der Ball aus nächster Nähe regelrecht an die Hand geklatscht war, sie klappte darob wie tot nach hinten weg. Die Regeln für derartige Szenen sind eindeutig: Seit 2021 gilt, dass Handspiele im Zusammenhang mit Toren nur strafbar sind, wenn der Ball direkt nach dem Handkontakt ins gegnerische Tor fliegt. Oder aber wenn der Spieler, der den Ball mit der Hand berührt, den Treffer unmittelbar nach dem Handkontakt erzielt. Weder der eine noch der andere Fall traf zu - Pedri war ja nicht der Spieler, der den Ball mit der Hand berührte. Dennoch rief van Boekel den Referee an den Videoschirm - und war dann auch bei der Annullierung des Tores dabei. Was Barça aber auf die Zinne brachte, war, dass van Boekel noch einen auf Lager hatte.

Denn: In der Nachspielzeit flog eine der mehr als 50 sterilen Barça-Flanken in den Strafraum von Inter. Mailands Verteidiger Denzel Dumfries verfehlte den Ball mit dem Kopf - aber er erwischte ihn eindeutig mit der Hand, die er auf die Höhe seines rechten Ohrläppchens gerissen hatte. "Klares Handspiel!", sagte der frühere Referee Urs Meier am Mittwoch zur SZ, ebenso sein früherer Kollege Manuel Gräfe: "Eine 100:0-Entscheidung." Sie stießen damit ins gleiche Horn wie Ex-Schiedsrichter Wolfgang Stark: "Der Spieler geht ganz klar mit der Hand zum Ball und nimmt dem Stürmer sogar mehr oder weniger die Kugel vom Kopf", sagte Stark. Doch die Szene wurde von van Boekel gecheckt - und für legal befunden.

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Das war schon deshalb bemerkenswert, weil zwei nahezu identische Szenen zu unterschiedlichen Entscheidungen führten: Bei Barcelonas Angreifer Hand, beim Verteidiger Inters: keine Hand. - "Ich bin empört", sagte auch Barça-Trainer Xavi, "dies ist eine große Ungerechtigkeit." Am Vorabend hatte er angeregt, die Schiedsrichter nach Spielen ebenfalls von der Presse vernehmen zu lassen. Und am Dienstagabend in San Siro sah er sich bestätigt: "Eigentlich müsste der Schiedsrichter hier sitzen", sagte der frühere Weltklassespieler.

Der VAR meldete sich nicht, als Russo zu Boden gedrückt wurde. Dabei ist dies kein Rugby, sondern Fußball

Genau genommen wäre es angebracht gewesen, nicht den Referee, sondern den VAR van Boekel in den Pressesaal zu setzen. Denn dann hätte man mit ihm gleich ein paar weitere Fälle der jüngeren Vergangenheit aufarbeiten können.

Am 2. Spieltag der gleichen Champions-League-Gruppe war dem FC Barcelona beim FC Bayern beim Stand von 0:0 ein Strafstoß versagt geblieben, nachdem Alphonso Davies den Barça-Stürmer Ousmane Dembélé gefoult hatte. "So ein klarer Elfmeter, hallo!", sagte Meier soeben im SZ-Interview. Mag man da auch anderer Meinung sein - so etwa Manuel Gräfe -, so überrascht doch zweierlei. Dass van Boekel beim nächsten Barça-Spiel wieder als VAR fungierte, und dass er überhaupt bei solch entscheidenden Partien zugelassen ist.

Denn van Boekel hatte in den vergangenen Monaten weitere strittige VAR-Entscheidungen mitgetragen. Nach dem 2:1-Sieg der Engländerinnen gegen Spanien im Viertelfinale der Frauen-EM klagten die spanischen Frauen nachvollziehbar darüber, dass dem späten Ausgleich der Engländerinnen (84. Minute) ein Foul vorangegangen war. Irene Paredes war vor dem Treffer von Ella Toone bei einem Kopfballduell mit Alessia Russo im Strafraum durch einen ausgefahrenen Arm am Sprung mindestens gehindert, im Grunde zu Boden gedrückt worden. Wie im Rugby, das ja ein anderer Sport ist. Turniergastgeber England siegte in der Verlängerung, was dem Verlauf der Sause zuträglich war. England zog ins Finale ein, und auch da war van Boekel dabei - als 2. Videoassistent. Er war mit anderen Worten Teil des VAR-Teams, welches ein klares Handspiel von Leah Williamson im Strafraum übersah, welches den Finalgegner Deutschland um einen Elfmeter und also um die mögliche Führung brachte.

Auch diese Szenen wurden beim FC Barcelona am Mittwoch studiert. Der Verein prüfe, einen offiziellen Protestbrief an die europäische Fußballunion Uefa zu verfassen, hieß es in spanischen Medien. Allerdings gibt es beim FC Barcelona auch Stimmen, die sagen, dies sei vergebene Liebesmühe. Barça liegt schon länger mit der Uefa überkreuz, wegen der aktiven Beteiligung der Katalanen an Real Madrids Super-League-Projekt.

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