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Champions League:Dortmunds Überflieger bleiben sitzen

Tottenhams Jan Vertonghen bei seinem Treffer zum 2:0.

(Foto: AFP)
  • Beim 0:3 bei den Tottenham Hotspurs ist der BVB dem tonnenschweren Widerstand des Premier-League-Klubs nicht wirklich gewachsen.
  • Nach dem Pokal-Aus sind nun auch die Chancen aufs Champions-League-Viertelfinale nur noch sehr gering.
  • Die Tendenz des Teams, sich zu sehr selbst zu gefallen, fing zu Monatsbeginn bei Eintracht Frankfurt an.

Nach choreografiertem Ritual, so wie er es nach Toren pflegt, hielt sich Jan Vertonghen die Fäuste auf die Brust, um sie dann zur Seite zu strecken. Als würde er einen Vorhang aufziehen: Schaut mich an! Doch die Spieler von Borussia Dortmund schauten weg. Sie waren enttäuscht, und sie hatten vermutlich sowieso schon genug gesehen von Vertonghen. Die Sun bezeichnete den Verteidiger der Tottenham Hotspur später als "Jan, den Mann", aufgrund des dankbaren Namenswortspiels, aber auch wegen seiner nach dem Tor zum 2:0 zur Schau gestellten Statur, die nicht besser zum Ideal des englischen Fußballs passen könnte. Bei seinem Jubel ließ Vertonghen die Muskeln spielen. Wie Tottenham.

Bei der Besetzung der Startformation stellte Mauricio Pochettino als Trainer der Spurs im Achtelfinal-Hinspiel der Champions League gegen Dortmund im wahrsten Sinne des Wortes seine schlagkräftigste Elf auf. Mit einer Fünferkette (die mehr oder weniger aus fünf Innenverteidigern bestand) und zwei davor postierten Mittelfeldabräumern wartete auf die leichtgewichtigen Überflieger des BVB ein tonnenschwerer Widerstand, den sie in ihren Fußballerleben noch kaum kennengelernt haben dürften - und dem sie dementsprechend nicht wirklich gewachsen waren.

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Beim entscheidenden zweiten Gegentreffer probierte Mario Götze in der Funktion des Mittelstürmers den Ball vor dem kraftvollen Davinson Sanchez abzuschirmen. Nach dem Zweikampf landete Götze auf seinem Hintern (und blieb erst mal sitzen), der Ball jedoch landete nach einer Flanke sieben Sekunden später durch Vertonghen im Tor. Das riss dem BVB sieben Minuten vor Spielende den Boden unter den Füßen weg: "Wir können nicht dagegenhalten. Wir setzen uns zu wenig durch und müssen rigoroser verteidigen", klagte Borussia-Torwart Roman Bürki.

Beim 3:0 für Tottenham sind dem Tabellenführer der Bundesliga am Mittwochabend in London erstmals richtig die Flügel gestutzt beziehungsweise, wie man in Dortmund gerade sagen würde, die Haare rasiert worden. Am Tag nach dem ersten verlorenen K.-o.-Spiel einer deutschen Mannschaft in England seit acht Jahren kam nämlich über die Bild-Zeitung heraus, dass ein jamaikanischer Starfriseur vor dem Spiel ein Zimmer im Mannschaftshotel des BVB auf Anfrage der Spieler zu einem Salon umgebaut hatte, um deren Haare schön zu machen. Das rief Unmut bei Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke hervor, der ankündigte, die sportlichen Verantwortungsträger Michael Zorc und Sebastian Kehl würden sich dem Thema widmen. Nicht ohne selber auszurichten: "Dass die Niederlage dazu führt, dass ein Friseurbesuch medial kritischer betrachtet wird, ist klar. Ein Haarschnitt hat dennoch selbstverständlich keinerlei Einfluss auf die Mannschaft."

Der haarige Vorfall gibt aber wohl die gegenwärtige Spielweise im Team wieder, die Aussehen vor den Nutzen stellt. Ganz im Gegensatz zu Tottenham, das bereit war, sich schmutzig zu machen, weil für die Spurs das Ergebnis deutlich mehr zu zählen schien als das Spiel fürs Auge. Beim richtungsweisenden ersten Treffer für Tottenham durch Heung-min Son, der mit nun neun Toren gegen keinen Klub häufiger getroffen hat als gegen den BVB, versuchte Rechtsverteidiger Achraf Hakimi zwei Minuten nach der Halbzeit am eigenen Strafraum, mit einem Beinschuss den belgischen Nationalspieler Vertonghen vorzuführen.

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