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Champions League:Dazn bildet seine Zuschauer weiter

Übertragung FC Schalke 04 gegen FC Porto bei DAZN

Für die Berichterstattung zur aktuellen Champions League holt DAZN auch Per Mertesacker (li.) und den Moderator Alex Schlüter vor die Kameras.

(Foto: Guido Kirchner/dpa)
  • Wer in dieser Saison die Spiele der Champions League sehen will, kommt am kostenpflichtigen Streamingdienst Dazn nicht vorbei.
  • Der Sender geht andere Wege als die etablierte Konkurrenz; mit einer Art Live-Fortbildung für Zuschauer, die nicht nur das Offensichtliche hören wollen.
  • Experten sind ehemalige Kicker der Kategorie FC Fulham (Moritz Volz), Unterhaching (Jonas Hummels) oder Lutz Pfannenstiel, der fast in sämtlichen Mitgliedstaaten der UN spielte.

Etwas ist anders als sonst, zum Beispiel der Joystick der Playstation, der plötzlich in elterlichen Händen liegt. Nicht, weil er im Zorn konfisziert wurde, sondern weil sich mit ihm die Spiele der Fußball-Champions-League ansteuern lassen, die seit dieser Saison erstmals im Programm des Streamingdienstes Dazn angeboten werden. Das heißt auch: Die deutschen Zuschauer müssen sich umstellen. Erstmals übertragen weder das ZDF noch einer der frei verfügbaren Privatsender in diesem Jahr den Wettbewerb der besten europäischen Vereine. Während das ZDF allenfalls übertragen darf, wenn es ein deutscher Klub ins Finale schafft, teilen sich Sky und Dazn nach einem komplizierten Picking-Verfahren die Spiele auf. Der Zuschauer muss sich ans Bezahlen gewöhnen, an neue Formate, an neue Stimmen. Und daran, dass nicht mehr mit medialem Feuerwerk ein Spiel als Hauptattraktion angeboten wird. Die Auswahl übernimmt der Zuschauer selbst. Wie ist das nun?

Zunächst stellen sich Fragen wie: Schon Juventus Turin gegen Young Boys Bern gucken und erst danach Bayern gegen Ajax Amsterdam? Auch Lyon gegen Schachtjor Donezk wurde übertragen, am Mittwochabend gab es Tottenham gegen Messis Barcelona, ein atemraubendes Spiel, von dem man sich schwer lösen konnte. Und doch lohnte es sich, zwischendurch zu Neapel - Liverpool zu wechseln, wenigstens um mal wieder Carlo Ancelotti zu sehen und Jürgen Klopp, sonst allerdings recht wenig. Weshalb man doch wieder gern das Londoner Wembley-Stadion ansteuerte.

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Das allzeit mögliche Zappen oder Klicken von Spiel zu Spiel ist eine Form, die sich von den bisherigen Gewohnheiten der meisten Zuschauer grundlegend unterscheidet. Schon allein wegen der Auswahl an Spielen kann Dazn nicht auf die Inszenierung eines Einzelspektakels setzen, wie es die etablierten Sender pflegen. Ein Spiel, selbst wenn es eins des FC Bayern ist, wird so von vornherein wieder etwas heruntergestuft zu dem, was es ist: zum zweiten von sechs Gruppenspielen in der Champions League. 15 Minuten vor dem Spiel gegen Ajax Amsterdam startet die Übertragung, am Spielfeldrand steht Per Mertesacker, der vom jungen Sender verpflichtete Weltmeister, im Interview mit dem Moderator Alex Schlüter, es gibt ein kurzes Taktik-Video, Kurzinterviews mit Trainer Niko Kovac und Karl-Heinz Rummenigge. Und dann beginnt auch schon das Spiel.

Mehr als 30 Kommentatoren und zehn Experten arbeiten für den Sender

Der Experte Mertesacker verschwindet nun nicht etwa und überlässt das Feld 90 Minuten einem einzigen Kommentator; Mertesacker kommentiert mit, analysiert, seziert, beschreibt, wieso Arjen Robben schwer zu verteidigen ist, "weil er immer wieder diese Verzögerungen macht", erklärt die defensive Stabilität des Dreiecks aus Martinez, Boateng, Hummels. Jedenfalls, bis es schiefgeht, weshalb er in der Halbzeitanalyse das mangelnde Stellungsspiel der Innenverteidiger eben auch präzise aufzeigt. Will man das? Oder ist es müßig, dem Zuschauer aufzutischen, ob nun fatalerweise das Gespann Boateng und Hummels sich von den Amsterdamern auseinanderziehen ließ und so Räume preisgab, die der Gastverein ausnutzte?

Was Dazn anbietet, ist bodenständiges, präzises Handwerk. Eine Art Live-Fortbildung für Zuschauer, die nicht nur das Offensichtliche hören wollen, etwa, dass der Fernschuss von Ivan Rakitic im Barcelona-Spiel ein "Traumtor" war. Sie werden auch auf das Detail aufmerksam gemacht, dass der Spieler während des Schusses sogar noch mit dem Standbein abgesprungen ist - höchste Kunst, die nur selten aufgeführt wird. Wo Wert auf Präzision gelegt wird, sollten Plattitüden selten sein, aber auch die sind bei Dazn durchaus vernehmbar. Im Spiel Juventus gegen Bern wurde über eine "abgefälschte Pille" sinniert, ein Spieler "packte den Hammer aus" und, ja, da ging auch mal was "in die Hose", bei allen Beteiligten.

Derartige Reflexe waren Ausnahmen und können auch den höchstdekorierten Ex-Fußballern passieren, überwiegend bescheidet sich der Streamingsender jedoch mit ehemaligen Kickern der Kategorie FC Fulham (Moritz Volz), Unterhaching (Jonas Hummels) oder Lutz Pfannenstiel, der fast in sämtlichen Mitgliedstaaten der UN spielte. Das alles ist einerlei, wenn sie nur packend erklären. Vor allem Jonas Hummels, Bruder von Mats Hummels, erweist sich als pointierter, meinungsstarker Analytiker. Dazn setzt ihn entsprechend oft ein. Allerdings nicht nur im Stadion.