Champions League:"Das war einfach nur wild"

Von Felix Meininghaus, Nikosia

Nach dem Abpfiff schleppten sich die Dortmunder Profis mit hängenden Köpfen zum Block ihrer mitgereisten Fans. Artig bedankten sie sich für die Unterstützung, die ihnen während 90 Minuten zuteil geworden war. Wohlwissend, dass die Reaktion auch anders hätte ausfallen können. Doch Pfiffe oder andere Missfallenskundgebungen waren nicht zu vernehmen - und das war nicht selbstverständlich, nach allem, was im Stadion von Nikosia zu sehen gewesen war.

Was der BVB beim mageren 1:1 (0:0) auf Zypern über 90 Minuten bot, war meilenweit von dem entfernt, was dem eigenen Selbstverständnis entspricht. Der Tabellenführer der Bundesliga taumelte beim krassen Außenseiter von der Mittelmeerinsel am Rande einer Niederlage. Gegen einen Kontrahenten, der im Sturmzentrum mit Mickael Poté einen Mann aufbot, der nicht nur als ständiger Unruhestifter und Torschütze auffällig wurde, sondern auch über eine deutsche Vergangenheit berichten kann. Beim Zweitligisten Dynamo Dresden, wo er bis 2014 spielte. Das allein sagt viel über die Ausgangslage vor diesem Aufeinandertreffen, das für die Borussia mit einer Enttäuschung endete, die alle Beteiligten nachdenklich zurückließ.

Gekommen, um drei Punkte mitzunehmen

Der BVB war nach Zypern geflogen, um drei Punkte mitzunehmen. Nicht mehr und nicht weniger. Nach zwei Niederlagen zu Beginn der Gruppenphase erwarte er von seiner Mannschaft einen Sieg, hatte Trainer Peter Bosz vor Spielbeginn unmissverständlich zu verstehen gegeben. Das sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein: gegen den am schwächsten eingestuften Kontrahenten in der Gruppe H zwei Erfolgserlebnisse einzufahren, um Platz zwei nicht frühzeitig aus den Augen zu verlieren.

"Wenn wir noch eine Chance auf das Weiterkommen haben wollen, müssen wir in Nikosia gewinnen", hatte Sportdirektor Michael Zorc vor dem Abflug zu Protokoll gegeben: "Wir fahren als Favorit dort hin und müssen dem gerecht werden."

Die Realität sah dann anders aus. Der BVB fand keine spielerischen Mittel, es gab keine Tempowechsel, keine Positionswechsel, kein Überraschungsmoment. Am Ende gab es am Remis nichts zu deuteln, es war sogar schmeichelhaft. "Das hätte uns nicht passieren dürfen", sagte Mittelfeldspieler Mario Götze, der sich genau wie seine Nebenleute vergeblich bemüht hatte, dem blutleeren Auftritt der Dortmunder so etwas wie Klasse und Struktur zu verleihen.

Debatte um Torhüter Roman Bürki

Die ärmliche Darbietung in Nikosia lässt die Frage dringlicher erscheinen, die bereits nach dem glücklichen Sieg in Augsburg und der Heimniederlage gegen Leipzig aufpoppte: Wie weit klaffen Anspruch und Wirklichkeit bei Borussia Dortmund im beginnenden Herbst auseinander?

Vor zwei Wochen hatte Bosz noch betont, er sei positiv überrascht, wie schnell die Mannschaft seine Idee von Fußball verinnerlicht habe und wie gut es ihr gelinge, die Marschroute von Ballbesitz und Vorwärtsverteidigung umzusetzen. Nun klingt die Selbsteinschätzung ein wenig anders: "Im Fußball ist es unmöglich, dass man in jedem Spiel super spielt", sagte der Niederländer: "Aber zwei Mal in Folge nicht zu gewinnen, das darf einer Mannschaft wie Borussia Dortmund nicht passieren."

Auffallend war in Nikosia die spielerische Armut, mit der das Team des BVB versuchte, seinen spielerisch limitierten Gegner in die Schranken zu weisen. "Das war nicht zwingend genug, gerade in der letzten Zone vor dem Tor", monierte Götze: "Da musst du mehr draus machen." Und der zurückgekehrte Kapitän Marcel Schmelzer ergänzte: "Das war heute nicht gut von uns, das war einfach nur wild. Das darf in der Champions League einfach nicht passieren."

"Roman ist ganz klar unsere Nummer eins"

Über die hochstehende Abwehr, die immer wieder Gefahr läuft, überlaufen zu werden, wurde bereits nach der Heimniederlage gegen Leipzig diskutiert. Nun kommt noch die Debatte um Torhüter Roman Bürki dazu. Der Schweizer patzte vor dem Führungstreffer für Nikosia gleich zwei Mal, als er zuerst unbedrängt einen Fehlpass spielte und dann auch noch einen Schuss nach vorne abprallen ließ. Es war nicht die erste Fehlleistung des Keepers, dessen Eignung für höhere Aufgaben oft infrage gestellt wird. Auf einen solchen Exkurs wollen sie sich beim BVB jedoch nicht einlassen. "Bei uns in der Mannschaft und bei uns im Verein gibt es gar keine Diskussionen", sagte Kapitän Schmelzer: "Roman ist ganz klar unsere Nummer eins."

Es gehe darum, Ruhe zu bewahren nach den letzten Rückschlägen. Zwei Niederlagen und ein Remis, das ist die magere Ausbeute der Borussia nach drei Spielen in der Champions League. Das börsenorientierte Unternehmen hatte sich in der Rolle gesehen, hinter dem Favoriten Real Madrid mit den Tottenham Hotspurs um Platz zwei in seiner Gruppe zu streiten. Doch diese Gedankenspiele sind nur noch Makulatur. "Ich bin Realist", sagt Sportdirektor Zorc: "Es geht jetzt darum, den dritten Platz abzusichern." Das sieht Bosz ähnlich: "Wir müssen ehrlich sein: Das Achtelfinale zu erreichen, wird sehr schwer."

© SZ.de/sonn/lala
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