Manchester United:Ronaldo schickt Grüße nach Paris

Champions League - Group F - Manchester United v Villarreal

Cristiano Ronaldo feiert ekstatisch sein Tor.

(Foto: Phil Noble /Reuters)

Einen Abend nach dem gefeierten Tor von Lionel Messi zeigt auch Cristiano Ronaldo, dass er im Weltfußball noch eine Rolle spielt: Sein Siegtor in der Nachspielzeit gegen Villarreal verzaubert Manchester United.

Von Sven Haist, Manchester

Fast hätte Cristiano Ronaldo sein Trikot beim Torjubel bis nach Paris geworfen. Wie eine Leuchtrakete flog das Shirt des Manchester United Football Club in die Luft, viel höher als bei seinen sonstigen Treffern, bis es über dem Stadion Old Trafford in Manchester für jeden sichtbar seine Wirkung entfaltete. "Ronaldo 7" stand auf dem Shirt, und damit nicht Messi, nicht Neymar und auch nicht Mbappé. Mehr musste CR7 nicht mitteilen, weil die Botschaft an den Weltfußball am Mittwochabend für sich sprach: Was immer die drei Heiligen bei Paris Saint-Germain auf den Platz zaubern (am Dienstag ein 2:0 über Uniteds Stadtrivalen City mit Messi-Einstandstreffer), der Konter aus Manchester folgt auf dem Fuß - auf mindestens ähnlichem Niveau.

In seinem 178. Spiel in der Champions League, das ihn jetzt vor dem ehemaligen Torwart Iker Casillas zum alleinigen Rekordspieler des Wettbewerbs macht, gelang Ronaldo nicht weniger als der dramatische Siegtreffer zum 2:1 gegen den FC Villarreal in der fünften Minute der Nachspielzeit, mit dem er dem zuvor taumelnden Branchenriesen Manchester United kurzerhand auf die Beine verhalf. Zumindest mal bis Samstag, ehe Ligakonkurrent FC Everton den Rekordmeister wieder ins Wanken bringen könnte. Zur eigenen Belohnung setzte sich Ronaldo nach seinem überschwänglich gefeierten Tor vor den Fans aufs Spielfeld und ließ sich vom Applaus berieseln.

Mit dem anhimmelnden Sprechgesang "Viva Ronaldo" (Es lebe Ronaldo) gingen die Anhänger gleich gänzlich ergeben vor dem Ausnahmeangreifer auf die Knie, auch wenn gegen ihn in den USA noch eine Zivilklage und ein Vergewaltigungsvorwurf im Raum stehen. Ähnlich verhielten sich Mitspieler und Trainer, die nach Abpfiff minutenlang seine Gunst suchten, um sich vor allem dafür zu bedanken, dass er ihnen nach drei Niederlagen in vier Spielen, darunter die Auftaktpleite bei YB Bern in der Königsklasse, aus der Patsche geholfen hatte.

Rückkehr der Fergie Time

Denn normalerweise geht so ein Ball in letzter Sekunde niemals ins Tor, schon gar nicht bei einem verzweifelten letzten Versuch. Nach mäßiger Flanke des eingewechselten Fred entschied sich Ronaldo instinktiv, den Ball per Kopf auf den ebenfalls eingewechselten Jesse Lingard im Strafraum weiterzuleiten, der den Ball wiederum direkt auf ihn zurücklegte. Aus spitzem Winkel presste Ronaldo den Ball durch eine minimale Lücke über die Torlinie, wobei der vor ihm im Abseits liegende Lingard sich geistesgegenwärtig aus der Schussbahn duckte und dabei gerade noch so viel Abstand zum gegnerischen Torwart hielt, dass der Treffer einer minutenlangen Videoüberprüfung standhielt. Aber was bedeutet diese Dramatik schon für Ronaldo, der seit jeher mit der Nachspielzeit ebenso im Bunde zu stehen scheint wie sein Verein?

Die Idee einer generösen Nachspielzeit hatte einst Uniteds Ewigkeitstrainer Alex Ferguson in seiner Amtszeit geprägt, von der es heißt, die reguläre Spieldauer sei stets verlängert worden, bis sein Team vorne lag. In dieser sogenannten "Fergie Time" gelangen dem Klub die zwei stilbildenden Tore zum 2:1 über den FC Bayern im Champions-League-Finale 1999, als der jetzige Trainer Ole Gunnar Solskjaer als Einwechselspieler den Siegtreffer erzielte.

Zwei Minuten und 17 Sekunden waren damals über die Zeit gespielt, das späteste Tor der Klubhistorie in der Champions League - bis eben nun Ronaldo unter Mithilfe der Aura seines früheren Lehrmeisters Ferguson auf der Tribüne und des Killerinstinkts seines Trainers Solskjaer am Seitenrand den Rekord auf 94 Minuten und 13 Sekunden ausdehnte. Diesen Umstand griffen die Inselmedien mit diversen Wortspielen dankbar auf. "Schon wieder Ron - in Fergie Time", jubelte das Hausblatt Manchester Evening News, während die Sun andeutete, dass zukünftig erst abgepfiffen werden soll, wenn Ronaldo getroffen hat ("Neunzig bis Ron").

Das Ergebnis sei glücklich, gibt Solskjaer zu

Sein ehemaliger Mitspieler Rio Ferdinand erklärte bei BT Sport, soeben von Ronaldo eine Nachricht erhalten zu haben, dass er zwar "nicht gut" gespielt hätte, aber immer "überzeugt" davon gewesen sei, doch noch "sein Tor" zu machen. Der Textinhalt ist durchaus ernst zu nehmen, weil Ronaldo mittlerweile mit zwölf Toren ab der 90. Minute sogar doppelt so viele Treffer markiert hat wie jeder andere Spieler in diesem Wettbewerb. Er habe einst Geschichte geschrieben mit United (CL-Sieg 2008), sagte Ronaldo - und das wolle er jetzt wieder tun. Gegenspieler Juan Foyth klagte, dass Ronaldo nur "eine Chance" bekommen hätte, aber "na gut, er ist halt Ronaldo".

Noch euphorischer als er selbst genoss nur Solskjaer den Rettungstreffer. Nach zahlreichen ernüchternden Auftritten sah sich der Norweger abermals dem Vorwurf ausgesetzt, trotz kostspieliger Zugänge den Spielstil der Mannschaft kaum verbessert zu haben. Die Neuauflage des verlorenen Europa-League-Endspiels gegen Villarreal im Mai geriet zur nächsten Durchschrift der akuten Probleme, die von mangelndem Spielwitz bis hin zu phlegmatischem Verteidigen reichen. Ohne die Reflexe des Torwarts David de Gea hätte United das Spiel nach dem verdienten Rückstand durch den früheren BVB-Stürmer Paco Alcácer (53.) kaum offen gestalten können. Schon der Ausgleich infolge des Volleyschusses von Alex Telles (60.) spiegelte das Chancenverhältnis nicht wider. Das Ergebnis sei glücklich, gab Solskjaer zu, betonte jedoch lieber die "magische Aura" des Old Trafford sowie die Superkräfte seines populärsten Spielers: Wenn Ronaldo auf dem Platz stehe, habe sein Team "immer" eine Chance auf ein Tor.

Für sein Trikotvergehen sah Cristiano Ronaldo indes pflichtgemäß die gelbe Karte - aber entscheidender war, dass er überhaupt sein Trikot wiedergefunden hatte. Sturmpartner Edinson Cavani fing sein Shirt auf. Ansonsten wäre er sicher auch bei den Zuschauern fündig geworden. Die meisten Fans trugen das Trikot mit der Aufschrift: "Ronaldo 7".

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