Dortmund in der Champions League:Der Geruch von Blut und Lunten

11.09.2021; Fussball; GER; Saison 2021/2022 ; 1.Bundesliga; 4.Spieltag. : Bayer 04 Leverkusen--BVB Borussia Dortmund :

Trotz blutender Nase: Marco Reus hat seinen Torreicher wieder entdeckt.

(Foto: Siegfried Wensierski/Imago)

Borussia Dortmund tritt mit dem wieder erstarkten Marco Reus bei Besiktas Istanbul an. Auf ihn kommt auch in taktischer Hinsicht eine Führungsrolle zu.

Von Ulrich Hartmann

Die Verletzungshistorie von Marco Reus ist umfangreich und voller wehmütiger Anekdoten. Man denke nur an den Weltmeistertitel 2014, den er wegen einer Verletzung im letzten Testspiel verpasste. Da fällt die blutige Nase nicht ins Gewicht, die sich der Kapitän von Borussia Dortmund am vergangenen Samstag in Leverkusen geholt und die dort letztlich zum siegbringenden Elfmeter geführt hat. Am Dienstagvormittag ist der 32-Jährige auf dem Dortmunder Flughafen schmerz- und beschwerdefrei in jenes schwarz-gelbe Flugzeug gestiegen, auf dem "Mannschaftsairbus" steht und das mit der ans Gründungsjahr des Klubs erinnernden Flugnummer EW1909 gen Istanbul geschwebt ist.

Nach seinem gelungenen Comeback in der Nationalmannschaft vor einigen Tagen und dem spektakulären 4:3-Sieg bei Bayer Leverkusen am Samstag will Reus seinen BVB an diesem Mittwoch (18.45 Uhr, DAZN) beim türkischen Double-Gewinner Besiktas Istanbul erfolgreich in die Champions-League-Saison führen. Das Problem: In einer Gruppe mit Besiktas, Sporting Lissabon und Ajax Amsterdam gilt Borussia Dortmund vielen bereits als gefühlter Gruppensieger. Das schafft Druck.

In neuer Rolle kommt dem BVB-Kapitän auf dem Platz noch mehr Führungsverantwortung zu

Auf den Kapitän Reus kommt da nicht nur als psychologischer Antreiber eine Führungsrolle zu, sondern vielmehr noch in taktischer Hinsicht. In der Spitze der vom neuen Trainer Marco Rose etablierten Mittelfeld-Raute ist er elementar mitverantwortlich für jene Rückwärtsbewegung, die den Dortmundern in den ersten vier Ligaspielen angesichts von neun Gegentreffern noch nicht so gut gelungen ist. "Wir kriegen viel zu viele auch leichte Gegentore", schimpfte Reus nach dem 4:3-Sieg in Leverkusen und fand: "Wir können doch nicht jedes Mal drei oder vier Tore schießen, um zu gewinnen."

Dem Publikum freilich gefällt genau das. Weil in Istanbul aber nur gut 20 000 Besiktas-Fans ins Stadion dürfen und überhaupt keine Dortmunder Touristen, könnte der BVB natürlich auch auf die Idee kommen, die Gastgeber mit einem nüchternen 1:0-Sieg zu strafen. Also ganz ohne Spektakel. So befahl jedenfalls vor dem Abflug der Sportdirektor Michael Zorc: "Wir müssen aus einer guten Ordnung heraus spielen." Und der Technische Direktor Edin Terzic ergänzte: "Wer Besiktas unterschätzt, der macht schon den ersten großen Fehler."

Um Reus und seine Befähigung zum Führungsspieler rankt sich unterdessen mal wieder eine Kontroverse. Nach seinem ersten Startelf-Einsatz für das Nationalteam seit zwei Jahren beim 6:0 gegen Armenien (samt erstem Länderspieltreffer seit zweieinhalb Jahren) hat der Dortmunder nämlich die Reise zum Länderspiel auf Island wegen leichter Kniebeschwerden nicht mehr mitgemacht. Weil er drei Tage später in Leverkusen aber durchgängig, beherzt und zudem recht gut spielte, fühlte sich Bayern Münchens Sportdirektor Hasan Salihamidzic bemüßigt, Reus' Rolle im Nationalteam infrage zu stellen ("Führungsrolle? Wie soll das gehen? Da stehst du jede Minute auf dem Platz."). Der genervte Zorc verbot Salihamidzic daraufhin via Medien den Mund ("Klappe halten!"). Der nostalgisch anmutende Zwist wurde schließlich von Stefan Effenberg geadelt, indem er in einer Internet-Kolumne schrieb: "Endlich fliegen wieder Giftpfeile zwischen Dortmund und München; ich fühle mich an die Zeiten von Uli Hoeneß erinnert."

Vor dem Hintergrund solch westfälisch-bayrischer Verbalscharmützel wissen die Leute bei Besiktas vielleicht gar nicht zu schätzen, dass sie ihr bislang letztes Champions-League-Spiel gegen Bayern München bestritten haben und ihr seither erstes an diesem Mittwoch gegen Borussia Dortmund absolvieren. Im März 2018 waren sie im Achtelfinale gegen die Bayern ausgeschieden und kehren erst jetzt in die europäische Meisterklasse zurück. Mit 7:0 Treffern aus ihren ersten vier Ligaspielen empfangen sie jenen BVB, der in seinen ersten vier Ligaspielen 13 Mal getroffen hat. Das wird eine harte Nuss für die Abwehr.

Nach hinten ist Reus der erste Verteidigungswall

Im zentral-offensiven Mittelfeld oder wie jüngst am Samstag neben Erling Haaland als zweite und dabei hängende Spitze ist Reus nach hinten der erste Verteidigungswall sowie nach vorne nicht nur Vorlagengeber für Haaland, sondern auch selbst latent gefährlicher Torjäger. Der gebürtige Dortmunder hat in 321 Pflichtspielen für den BVB 142 Tore erzielt und steht damit auf Platz fünf der ewigen Torschützenliste des 112 Jahre alten Klubs. Er benötigt nur noch 16 Treffer, um zu den beiden Führenden Manfred Burgsmüller und Michael Zorc vorzustoßen.

"Diese beiden BVB-Legenden einzuholen, würde mir brutal viel bedeuten", hat Reus vor der Saison gesagt und seine Kampfansage so formuliert. "Ich rieche Lunte." Dass er seit einem Jahr bloß noch ein einziges Pflichtspiel verletzungsbedingt versäumt hat, kommt ihm nicht zuletzt bei diesem Unterfangen sehr entgegen.

© SZ/sjo/cca/ska
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