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BVB in der Champions League:Favre und sein 9-0-2-System

FC Barcelona - Borussia Dortmund

Wie lange ist er noch Dortmunds Trainer? Lucien Favre versucht in Barcelona Einfluss aufs Spiel seiner Mannschaft zu nehmen.

(Foto: dpa)
  • Nach dem 1:3 in der Champions League beim FC Barcelona reißt die Kritik an BVB-Trainer Lucien Favre nicht ab.
  • Dass das Liga-Spiel in Berlin für den Coach wohl noch nicht die letzte Chance ist, liegt auch an fehlenden Nachfolge-Kandidaten.
  • Intern macht der Name Daniel Farke die Runde, doch der steht noch in England unter Vertrag.

Ein Spiel im Stadion Nou Camp zum vermeintlichen Schicksalsspiel aufzubauschen, ergibt normalerweise keinen tieferen Sinn. Der FC Barcelona hat in der Champions League zu Hause 35 Mal nicht verloren, vor dem Anpfiff am Mittwochabend hatte er 30, jetzt 31 Siege gesammelt, dazu nur vier Unentschieden. Borussia Dortmunds 1:3 in Barcelona war am Mittwochabend deshalb so erwartbar wie ein sonniger Tag im August am Mittelmeer. Dass das Stimmengewirr um eine mögliche Entlassung von BVB-Trainer Lucien Favre nach dieser wenig überraschenden Pleite trotzdem noch lauter anschwillt, hat wohl mehr mit seit Wochen aufgestautem Frust zu tun.

Dortmunds Sportmanager Michael Zorc sagte, das Spiel sei "kein Schritt aus der Krise" gewesen. Dabei meinte er vermutlich nicht nur die zehn Gegentore in den vergangenen drei Pflichtspielen (in der Liga noch ein 0:4 in München sowie ein 3:3 gegen Paderborn), sondern vor allem die oft verunsichert wirkende, gehemmte Spielweise des Teams.

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Und doch hätte Zorc wohl bestritten, dass Favre aufgrund der wankelmütigen, oft leidenschaftslosen Auftritte seiner Spieler bald mit einer Kündigung rechnen müsste. Wie man hört, gibt es kein Ultimatum, auch kein internes, dass Favre praktisch nur noch auf Bewährung Trainer bleibe, oder dass nun das nächste Bundesliga-Duell bei Hertha BSC bereits seine letzte Chance wäre.

Der BVB wirkt uninspiriert und kraftlos wie in München

Gegen Barcelona, das in dieser Saison bisher selbst um seine Form kämpft, hatte Dortmund einige recht ordentliche Phasen, vor allem die ersten zehn Minuten und die letzten fünfzehn. Aber insgesamt blieb von dieser Partie erneut die Zweikampfschwäche und die mangelnde Durchschlagskraft der Borussen. Barcelona dominierte bald das Spiel, führte die Dortmunder eine Zeitlang fast ein wenig vor. Lionel Messi war kaum zu bremsen mit den Mitteln der Borussen. Er erzielte ein Tor, gab zwei Torvorlagen, traf außerdem den Pfosten. Dortmund wirkte ähnlich uninspiriert und kraftlos wie beim Debakel vor drei Wochen in München, oder beim Champions-League-Spiel in Mailand (0:2).

Zur allgemeinen Verwunderung hatte Favre an diesem Abend in Nou Camp mit sechs gelernten Verteidigern begonnen. Neben den beiden Innenverteidigern (Hummels und Akanji) und zwei Außenverteidigern (Piszczek und Guerreiro) bot Favre auf den offensiven Flügeln zwei weitere Verteidiger auf (Schulz und Hakimi), dazu zwei defensive Sechser (Witsel und Weigl). Die ausgewiesenen Offensiv-Leute Götze und Sancho dagegen blieben auf der Bank. Mit Reus und Brandt liefen beim BVB nur zwei Offensiv-Fachkräfte auf. Lästermäuler bezeichneten die Favre-Aufstellung deshalb als neues Spielsystem: 9 - 0 - 2. Immerhin: Nationalverteidiger Nico Schulz gelang nach zwei Minuten der einzige BVB-Torschuss der ersten Hälfte.

Das Experiment brach Favre zur Halbzeit ab, als das Spiel beim Stande von 0:2, durch Tore von Suarez und Messi, längst vorentschieden war. Nicht zum ersten Mal ging das so. Gegen Paderborn hatte Favre vergangenen Samstag nach der Pause drei Spieler wechseln müssen, beim Zwischenstand von 0:3. In Barcelona kam dann nach der Halbzeit doch Jadon Sancho, den Dortmunds Trainer aus disziplinarischen Gründen auf die Bank gesetzt hatte. Der 19-Jährige war bei der vergangenen Mannschaftssitzung zu spät gekommen, nicht zum ersten Mal. Sancho gilt als etwas nachlässig, aber halt auch als genialer Fußballer. Nach seiner Einwechslung zur zweiten Hälfte war der englische Nationalspieler sofort bester Dortmunder, er erzielte den späten Anschlusstreffer und traf noch die Latte. Favres Kampf um Autorität hat Dortmund an diesem Abend wohl direkt in bar bezahlt. Mats Hummels sagte hinterher vielsagend: "Das Thema möchte ich nicht kommentieren. Ich finde aber, Jadon hat in der zweiten Halbzeit mit einem schönen Tor eine gute Reaktion gezeigt."

Intern macht der Name Daniel Farke die Runde

Zorc kritisierte in den Kabinengängen: "Mit Worten ist es nicht mehr getan, es müssen auch mal Taten und Ergebnisse folgen." Das ließe sich zwar als maliziöser Seitenhieb gegen den Trainer interpretieren, aber es war wohl eher als ein Statement zur eigenen Machtlosigkeit gemeint. Selbst wenn Dortmund den als Fachmann weiterhin geschätzten Favre am liebsten feuern wollte, was offiziell hartnäckig bestritten wird: Auch Tage nach der erschütternden Aufführung beim 3:3 gegen Paderborn ist kein echter Nachfolge-Kandidat in Sicht.

Auch wenn intern der Name von Daniel Farke, bis vor etwa zwei Jahren Trainer der zweiten Mannschaft des BVB, die Runde macht: Der Ex-Dortmunder ist mit Norwich City inzwischen in die Premier League aufgestiegen. Er ist dort unter Vertrag, auch wenn der Tabellenstand von Norwich - Rang 18 - derzeit wenig erfreulich ist. Wäre Farke aber frei, er wäre ein Kandidat. Dortmund mag Rückhol-Aktionen.

Vorerst aber muss Favre selbst sehen, wie er die Lage entspannt. "Ich bin zuversichtlich, ich habe Vertrauen", sagte er nach dem Spiel. Bisher hatten seine Chefs, Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke und Manager Zorc, stets beschwichtigt, dass "noch alle Saisonziele erreichbar" seien, trotz der Krise. Das ändert sich mit der Niederlage in Barcelona gerade, weil zugleich Inter Mailand auswärts bei Slavia Prag (3:1) gewann. Dortmund ist am letzten Spieltag also auf die Schützenhilfe des bereits feststehenden Gruppensiegers Barcelona angewiesen. Verliert Barça mit einer Rotations-Mannschaft am letzten Spieltag in Mailand, würde dem BVB nicht einmal ein Heimsieg im letzten Spiel gegen Prag zum Weiterkommen reichen. Eine Spätfolge des völlig vermasselten 0:2 des BVB beim Hinspiel in Mailand. Die beinahe demütigende Niederlage wurde damals ebenfalls Favres Defensiv-Taktik angekreidet.

Am Samstag geht es in der Bundesliga in Berlin nun erst einmal darum, das andere Saisonziel, die Meisterschaft, nicht früh aus den Augen zu verlieren. Lizenzspieler-Chef Sebastian Kehl kommentierte den Trainerwechsel zu Jürgen Klinsmann bei den Berlinern lakonisch: "Wir müssen uns darauf einstellen, dass Berlin ein anderes Gesicht zeigen wird." Zorc fordert trotzdem in Berlin die "Trendwende".

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