Barça gegen Benfica:"Es hat mich emotional zerrissen"

Lesezeit: 3 min

Champions League - Group E - FC Barcelona v Benfica

Alle hat er überwunden, Marc-André ter Stegen kann nur noch zuschauen - aber dann schiebt Haris Seferovic (Mitte) den Ball am Tor vorbei.

(Foto: Nacho Doce/Reuters)

Weil Haris Seferovic eine monumentale Chance liegen lässt, verpasst Benfica einen Sieg im Camp Nou. Barcelona kann so noch aus eigener Kraft weiterkommen - steht aber vor einer großen Aufgabe in München.

Von Javier Cáceres, Barcelona

Jesus fiel vom Glauben ab. Genauer: Jorge Jesús, der Trainer von Benfica Lissabon, im Stadion des FC Barcelona. Die vierte Minute der Nachspielzeit lief, die Gastgeber waren noch mit der Belagerung des Strafraums von Benfica beschäftigt, da tat sich ein Konter auf. Zwei gegen einen, und der Ball landete bei Haris Seferovic. Der Schweizer Stürmer lupfte den Ball über den herausstürzenden Barça-Torwart Marc-André ter Stegen hinweg. Das ganze Tor lag vor Seferovic, nur Eric García kam noch herangerauscht, aber mehr der Form halber als in wirklicher Hoffnung, den Ball noch zu erwischen. 50 000 Menschen, die dem Regen in Barcelona bis dahin getrotzt hatten, sahen schon den Treffer. Aber Seferovic tat etwas, was Jorge Jesús unmittelbar danach auf die Knie sinken, die Ellbogen auf den Rasen stützen, die Stirn am Boden ruhen ließ.

Seferovic legte den Ball am Tor vorbei.

Jorge Jesús hatte sich nicht wieder beruhigt, als er vor die Mikrofone trat. "Es hat mich emotional zerrissen", sagte er, "ich dachte, ich sterbe, ich krieg' einen Infarkt." Sekundenlang verharrte er auf dem Boden. "In meinen 30 Jahren als Trainer habe ich so einen Fehler nicht gesehen", sollte er später sagen. "An der Playstation hätte er ihn gemacht." Es ärgerte ihn auch deshalb, weil das Tor bedeutet hätte, Geschichte zu schreiben: Noch nie hatte Benfica in Barcelona gewonnen. Nach der spektakulären Nullnummer bleiben die Portugiesen auf dem dritten Platz - mit zwei Punkten Rückstand auf Barça.

Im Saisonbudget rechnet Barcelona selbstbewusst mit dem Viertelfinale

Nach menschlichem Ermessen haben die Portugiesen vor dem abschließenden Spieltag die bessere Ausgangsposition. Sie empfangen am 8. Dezember Dynamo Kiew, die bereits ausgeschieden sind. Barça hingegen reist nach München, wo die Katalanen noch nie gewonnen haben. Und die letzten beiden Niederlagen - 2:8 in Lissabon im Mai 2020, 0:3 im Camp Nou im vergangenen September - haben Spuren hinterlassen. Außer bei Xavi: "Uns bleibt noch eine Patrone. Wir fahren nach München, um zu gewinnen", sagte Barças Trainer und fand zumindest im Sportblatt El Mundo Deportivo ein paar Optimisten: "Hat da jemand unmöglich gesagt?"

Xavi jedenfalls nicht. Dass Bayern schon als Gruppensieger für die K.-o.-Runde qualifiziert ist und wegen der Pandemie nicht vor vollem Haus antreten darf, war für ihn nur von relativer Bedeutung: "Was mir Vertrauen gibt, ist diese Mannschaft." Ein Aus in der Gruppenphase war im Saisonbudget jedenfalls nicht eingeplant, da rechnete man selbstbewusst mit dem Viertelfinale und Einnahmen von 20 Millionen Euro, die nun fehlen könnten. Barça hat 1,3 Milliarden Euro Schulden.

Im hoffnungslos verregneten Camp Nou hatte Barcelona phasenweise sogar hervorragend Fußball gespielt, nur: Es mangelte an Torgefahr. Einmal nur landete der Ball im Netz der Portugiesen, nach einer Direktabnahme des starken uruguayischen Verteidigers Ronald Araujo. Doch der Treffer fand keine Anerkennung. Es war eine von acht (!) Situationen, in denen Angriffe Barcelonas wegen Abseits abgepfiffen wurden.

"Hätten wir getroffen, würden wir von einem Traumspiel sprechen", sagt Xavi

Auf der anderen Seite wackelte die Abwehr Barcelonas insbesondere bei Eckbällen bedenklich. Einmal rettete der von Xavi hochgelobte ter Stegen ("für mich einer der besten drei Torhüter der Welt") mit einem Weltklassereflex. Dann wieder versagte der Referee dem brachialen Treffer von Benficas gigantisch auftrumpfenden Innenverteidiger Nicolás Otamendi die Anerkennung, weil die Eckballflanke in der Luft die Grundlinie überquert hatte.

Ansonsten war Barça nur zwei Mal einem Tor nahe: als der 18-jährige Österreicher Yusuf Demir kurz vor der Pause den Ball aus 16 Metern mit viel Effet von rechts an den linken Torgiebel zwirbelte; und bei einem späten Kopfball von Frenkie de Jong, den der frühere Stuttgarter Keeper Odisseas Vlachodimos bravourös zur Ecke lenkte.

"Hätten wir getroffen, würden wir von einem Traumspiel sprechen", sagte Xavi - und das war gar nicht mal übertrieben. Aber so sehr Gavi, Nico und später auch Ousmane Dembélé glänzten, das Tor fehlte nun mal. Zum Glück für Benfica, dessen Coach Jorge Jesús den Bayern-Kollegen Julian Nagelsmann in die Pflicht nahm. "Ich gehe davon aus, dass er die beste Mannschaft aufbietet", sagte er. Dass wegen Corona wenig Publikum zugegen sein wird, ließ ihn offensichtlich an Barças 2:8-Pleite gegen Bayern in Lissabon denken, sie ereignete sich ohne Fans. "Vielleicht", sagte er, "ist das ein Zeichen."

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