Wie desaströs doch diese Champions-League-Saison für die Fußballerinnen des FC Arsenal begonnen hatte. Am Anfang stand eine 2:5-Pleite beim FC Bayern, kaum etwas lief an diesem Oktoberabend 2024 in München wirklich zusammen, in der Liga war es ähnlich ernüchternd. Arsenal hatte sich in eine Sackgasse manövriert, sechs Tage später trat Trainer Jonas Eidevall zurück. Was dann folgte, war jedoch kein Chaos, sondern eine bemerkenswerte Wende, die sieben Monate später ihren vorläufigen Höhepunkt gefunden hat: im Triumph in der Champions League. Für Arsenal war es die zweite Trophäe im zweiten Finale – 18 Jahre mussten vergehen bis zur erneuten Krönung.
Und das auch noch gegen die Titelverteidigerinnen des FC Barcelona, die zum sechsten Mal in sieben Jahren im Finale standen und den Wettbewerb in ihrem fünften Endspiel nacheinander zum dritten Mal in Serie hatten gewinnen wollen. Die Katalaninnen sind das Siegen so gewohnt, dass sie am Samstag im ausverkauften Estádio José Alvalade von Lissabon gar nicht wussten, wie ihnen nach Abpfiff geschah. „Ich bin völlig am Boden zerstört“, sagte Aitana Bonmatí dem Sender TV3: „Ich kann das nicht glauben! Ich möchte das Spiel nochmal von vorne anfangen und es anders machen.“

Champions League der Frauen:Arsenal bezwingt Titelverteidiger Barcelona
Gegen den FC Barcelona reicht den Fußballerinnen des FC Arsenal ein Tor von Stina Blackstenius für ihren zweiten Champions-League-Titel nach 18 Jahren.
Der nächste Erfolg in der Champions League war von ihnen geradezu erwartet worden. Und sie hatten dieses intensive Spiel phasenweise durchaus bestimmt, kamen zu Chancen und drängten Arsenal nach der Pause in die eigene Hälfte. Aber insgesamt war es zu wenig. Vor allem, weil die Engländerinnen gar nicht daran dachten, sich einschüchtern zu lassen vom Favoriten. Sie kombinierten eine kompakte Verteidigung, die Barças effektives Passspiel einschränkte, mit dynamischem Pressing. Ein Abseitstor und ein Elfmeter blieben Arsenal verwehrt, die eingewechselte Stina Blackstenius war es schließlich, die in der 74. Minute das einzige Tor des Abends erzielte.
„Wir wussten, dass wir perfekt spielen müssen, um Barcelona zu schlagen“, sagte Kapitänin Kim Little. „Wir haben im Training Dinge gemacht, die nicht funktioniert haben. Wir haben sie angepasst – und heute haben sie funktioniert.“ So einfach ist das manchmal. Aber dieser Erfolg nach 15 Partien von der ersten Qualifikationsrunde bis zum Finale wäre wohl nicht möglich gewesen ohne Renée Slegers. Die Niederländerin, einst selbst Spielerin bei Arsenal, sollte als Trainerin eigentlich nur eine Zwischenlösung nach der Trennung von Eidevall sein. Doch dann blieb Arsenal mit ihr die ersten elf Partien ungeschlagen, die Zusammenarbeit lief so gut, dass sie das Team im Januar fest übernahm. Die Liga beendete Arsenal als Zweiter hinter dem FC Chelsea. „Renée war es, die das Team wieder auf Kurs gebracht hat“, sagte Katie McCabe der BBC, „sie hat uns Selbstvertrauen und Zuversicht vermittelt.“
Slegers ist erst die vierte Trainerin, die den Pokal holt
Slegers hatte den schwedischen Rekordmeister FC Rosengård zu zwei Liga-Titeln und einem Pokalerfolg geführt, bevor sie im April 2023 Eidevalls Co-Trainerin wurde. Der Wechsel zum Chefcoach lief reibungslos, alle kannten sie und sie kannte alle. Slegers nahm ein paar taktische Veränderungen vor, die dem Zusammenspiel halfen, und setzt stärker als Eidevall auf eine Stammelf. Außerdem soll sie die Spielerinnen mehr einbeziehen. Nun ist sie mit 36 Jahren eine der jüngsten Siegerinnen unter den Champions-League-Coaches. Nach Monika Staab (2002, 1. FFC Frankfurt), Martina Voss-Tecklenburg (2009, FCR 2001 Duisburg) und Sonia Bompastor (2022 mit Olympique Lyon) ist sie zudem die vierte Frau. Längst wird Slegers mit Sarina Wiegman verglichen, die 2017 mit den Niederlanden und 2022 mit England die EM gewann.

„Wir haben so viel zusammen durchgemacht, und uns immer wieder zurückgekämpft“, sagte Slegers nach dem größten Erfolg ihrer Karriere. „Der Glaube an uns ist die ganze Saison über gewachsen, und die kritischen Momente haben diesen Glauben bestärkt.“ Ein Beispiel dafür: Im Halbfinale gegen Rekordsieger Olympique Lyon verlor Arsenal das Hinspiel 1:2, lernte aus den Fehlern und gewann das Rückspiel 4:1. Diese Mentalität kam auch im Finale zum Ausdruck, da halfen Barcelona weder die Ballon d’Or-Gewinnerinnen Alexia Putellas und Aitana Bonmati, noch die frühere Wolfsburger Stürmerin Ewa Pajor mit ihren wettbewerbsübergreifend mehr als 40 Treffern in dieser Saison. Ihnen bleibt der Trost, Meisterschaft und Supercup gewonnen zu haben. Sowie die Aussicht auf den Pokal „Copa de la Reina“ am 7. Juni gegen Atlético Madrid.
Und während Barça im nächsten Finale angetrieben wird von der Enttäuschung, dürfte sich bei Arsenal das Gefühl der Befreiung breit machen, wenn schon national der FC Chelsea meist überragt. Der Titel liefert einen enormen Schub für das Selbstbewusstsein jenes Vereins, der von den 24 Champions-League-Siegern, die es seit der Premiere 2002 (damals noch als Uefa Women’s Cup) gegeben hat, der einzige englische ist. Für Klublegenden wie Kim Little, erstmals 2008 und dann wieder ab 2017 bei Arsenal, und Leah Williamson, seit 2014 bei den Profis, vervollständigt es ihre Geschichte. „Viele in diesem Team sind schon sehr lange zusammen und haben hart gearbeitet, um die nächste Stufe zu erreichen“, sagte Williamson. „Einige hatten gerade das Spiel ihres Lebens.“
Besonders für sie schloss sich mit diesem Titel ein Kreis. Als die Fußballerinnen des FC Arsenal 2007 gegen den schwedischen Umeå IK erstmals im Finale standen, war die damals 10-Jährige auch schon dabei – als Einlaufkind.

