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Champions-League-Aus des BVB:Danke für so viel Mut

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Gar nichts war durch: BVB-Coach Jürgen Klopp.

(Foto: AFP)

Mit einer überraschenden Aufstellung und Raffinesse beweist BVB-Trainer Klopp gegen Real Madrid, dass sein Team am stärksten ist, wenn niemand mehr mit ihm rechnet. Joachim Löw und Pep Guardiola sollten diesen Fußballabend gut analysieren.

Ein Kommentar von Thomas Hummel

Der Mensch lernt in der Regel am meisten aus Erfahrung, weshalb davon auszugehen ist, dass so eine Frage nie mehr in einem Fernsehstudio gestellt wird. Jedenfalls nicht, wenn der Gefragte Jürgen Klopp heißt.

"Die Sache ist durch, oder Jürgen Klopp?" fragte ZDF-Moderator Jochen Breyer direkt nach dem 0:3 im Hinspiel in Madrid den Trainer von Borussia Dortmund. Dem emotionalen Klopp stieg bei dieser Frage die Wut in den Kopf, er konnte kaum an sich halten. Diese Wut ist nun ein Teil der Geschichte des Rückspiels mit der Erkenntnis: Es war nix durch, gar nix.

Klopps Dortmunder erschufen beim 2:0 im Rückspiel einen solch kolossal mitreißenden Fußballabend, dass jeder Liebhaber dieser Sportart nur Danke sagen kann. Danke für so viel Mut, Leidenschaft, Einsatz. Danke auch für so viel taktische Raffinesse und Schlauheit, mit der dieser hoffnungslos abgeschlagene Außenseiter den hochgerüsteten Giganten schwer ins Taumeln brachte, dass dieser trotz Weiterkommens gedemütigt nach Hause reisen musste.

Im Dortmunder Biotop unter den Experten Klopp und dessen Ko-Trainer Željko Buvač gedeihen Pflanzen, die oft selbst nicht wussten, wie gut sie Fußball spielen können. Oder gibt es jemanden, der angesichts der Aufstellung dem BVB auch nur den Hauch einer Chance gegeben hatte, ein 0:3 gegen Real Madrid aufzuholen? Mit einer Startelf, in der Manuel Friedrich, Oliver Kirch, Milos Jojic und Erik Durm stehen?

Erkenntnisse für Löw und Guardiola

Doch der BVB unter diesem Trainerteam kann eines besser als vielleicht jeder andere Klub gerade in Europa: den Underdog-Fußball. Diese tödliche Mischung aus bissigen Störmanövern, wenn der Gegner am wenigsten damit rechnet und den Ballgewinnen folgenden Überfallkommandos. Dieser Plan verbunden mit einem verschossenen Elfmeter des Favoriten sowie einem wie aufgepeitschten Publikum, das jeden gewonnen Zweikampf wie ein Tor feierte, führte zu diesem Spektakel. Hätten dem sonst bärenstarken Henrikh Mkhitaryan beim Torschuss nicht die Knie geschlottert, die Fanpolonäse wäre noch Mittwochmittag durch Dortmund getanzt.

Nun ist der BVB ausgeschieden und dennoch ist die Geschichte noch nicht zu Ende. Mindestens zwei andere Trainer sollten den Dienstagabend von Dortmund gut analysieren. Joachim Löw zum Ersten, weil er bei der Fußball-Weltmeisterschaft es irgendwie hinkriegen sollte, dass die leidenschaftlichen Underdog-Fußballer Mats Hummels, Kevin Großkreutz, Marco Reus und vielleicht auch die derzeit verletzten Sven Bender und Marcel Schmelzer auch in seinem Ballbesitz- und Flachpass-Fußball funktionieren.

Außerdem darf Pep Guardiola mit einer Erkenntnis in sein Rückspiel gegen Manchester United gehen: Seinem FC Bayern kann auf dem Weg zur Triple-Titelverteidigung dieses Real Madrid selbst mit Cristiano Ronaldo kaum wehtun. Dazu vertrauten die Spanier in beiden Spielen gegen Dortmund viel zu sehr auf die Stärken ihrer Individualisten. Und hatten kaum eine mannschaftstaktische Idee.

Die größere Gefahr für die Triple-Bayern könnte da plötzlich wieder aus Dortmund kommen. In einem möglichen DFB-Pokal-Finale wären die Rollen klar verteilt: der Underdog hieße Borussia Dortmund.

© Süddeutsche.de/hum/ebc
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