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Champions League:Auf dornenreichem Weg

Club Atletico de Madrid v CD Leganes  - La Liga

Krisenmanager: Diego Simeone, Trainer von Atletico Madrid, muss zwei Corona-Fälle im Team moderieren.

(Foto: Gonzalo Arroyo Moreno/Getty Images)

Trotz zweier positiver Corona-Tests kann Atlético Madrid zum Finalturnier nach Lissabon reisen. Vor dem Duell gegen RB Leipzig beleuchtet der Fall beispielhaft das Hygienekonzept der Uefa.

Von Javier Cáceres, Lissabon

Die Zeiten, zu denen Atlético Madrid "El Pupas" genannt wurde, galten als vergangen. "Pupas" ist ein Fantasiewort, abgeleitet vom lautmalerischen Begriff "pupa", den Kinder lernen, wenn sie sich stoßen: "Aua!" Es war in aller Munde, nachdem Georg Schwarzenbeck im Landesmeisterfinale 1974 in Brüssel gegen Atlético Madrid getroffen hatte. In der letzten Sekunde der Verlängerung. Aus einer Distanz, die in der Erinnerung des Anhangs von Atlético Jahr für Jahr immer länger wird. "Pupas", das heißt seither so viel wie: Irgendwas ist immer bei Atlético.

Dreizehn Mal hat der Nachbar Real Madrid die wichtigste Vereinstrophäe des europäischen Fußballs gewonnen, das schmerzt schon lange. Letztmals erreichte Atlético das Champions-League-Finale 2016 und verlor in Mailand tragisch nach Elfmeterschießen - gegen Real Madrid. Jetzt schien die Gelegenheit günstig wie nie zu sein, des Titels habhaft zu werden. Die einzigen Teams, die in der 2011/12 begonnenen Amtszeit von Trainer Diego Simeone jemals in der Champions League gegen Atlético gewonnen haben - Juventus Turin und eben Real Madrid -, sind ausgeschieden. Atlético warf im Achtelfinale den Titelverteidiger Liverpool aus dem Wettbewerb, gegen alle Prognosen. Und der Weg zum Champions-League-Titel wurde danach wegen Corona ja verkürzt: Alle verbleibenden Runden werden in Lissabon ohne Rückspiel ausgetragen. Und dann war da noch die Auslosung, die besagte, dass man im Viertel- und Halbfinale nur auf Teams treffen würde, die das Turnier noch nie gewonnen haben, am Donnerstag steht das Spiel gegen RB Leipzig an.

Am Sonntagabend aber fiel Atlético aus allen Wolken: Der Klub teilte mit, dass zwei Personen aus dem Kreis derer, die nach Lissabon fahren sollten, positiv auf Corona getestet wurden. Die für Montag angesetzte Reise wurde storniert, Trainingspläne mussten umgeworfen, Nachtests durchgeführt werden. Für bange Stunden stand die Befürchtung im Raum, das Spiel könne verlegt oder gar abgesagt werden. Am Montagmittag kam dann doch Entwarnung.

Bei einer zweiten Testreihe waren alle Proben negativ. Das Spiel am Donnerstag findet statt

Alle neuen Tests, die am Sonntag und Montag die Spieler und das Trainerteam über sich ergehen lassen mussten, stellten sich als negativ heraus. Damit stand der umgehend für diesen Dienstag anberaumten Reise Atléticos nach Lissabon nichts mehr im Wege, 21 Spieler aus dem A-Kader und vier Nachwuchsspieler sollen in die portugiesische Hauptstadt aufbrechen. Gleichzeitig wurden die Namen der betroffenen Spieler veröffentlicht: Offensivkraft Ángel Correa und Verteidiger Sime Vrsaljko. Zumindest Correa hatte beste Chancen, in der Startelf zu stehen, vergangene Woche sprach er in einem Telefongespräch mit der Süddeutschen Zeitung über seine Vorfreude und den Traum, der alles Leid vergessen lassen würde: Als er mit 18 Jahren aus Argentinien nach Madrid wechselte, wurde ihm ein Herzfehler diagnostiziert, er fiel monatelang aus, kämpfte sich heran und wurde der Prototyp des Spielers, der fußballerische Qualität aufweist, aber von Trainer Diego Simeone zur Opferbereitschaft erzogen wurde. Das Finale von Lissabon, es hätte die Krönung eines Prozesses werden können. Und nun dies. El Pupas? El Pupas.

Auch wenn alle Nachtests einen negativen Befund lieferten und "nur" zwei Spieler betroffen waren: Es wäre nicht verwunderlich, wenn nun die Angst vor einer Ausbreitung des Virus mitreisen würde. In Spanien ist der Fall des Zweitligisten CD Fuenlabrada nur allzu präsent. Bei diesem Madrider Vorortklub waren vor dem letzten Spieltag zunächst ein paar Profis positiv getestet worden, nach und nach wurden neue Ansteckungen bekannt. Am Ende lag die Zahl der infizierten Personen aus dem erweiterten Mannschaftskreis bei 28, sie wurden über Tage hinweg in einem Hotel in La Coruña isoliert. Das heißt nicht, dass sich ein solches Ansteckungsgeschehen bei Atlético wiederholen muss. Aber wer weiß; denn es stimmt ja, was im Prolog des Sicherheits- und Hygieneprotokolls des europäischen Fußballverbandes (Uefa) nachzulesen ist: dass die Dynamik der Lage unvorhersehbar sei.

Am Beispiel Atléticos lässt sich nun erkennen, welche Vorkehrungen für das Champions-League-Turnier von Lissabon getroffen wurden. Unter anderem ist in den Regularien vorgesehen, dass Spiele bei positiven Corona-Fällen stattfinden - solange die zuständigen Gesundheitsbehörden nicht ganze Mannschaften in Quarantäne stecken. Ein Team muss antreten, wenn es mindestens 13 Spieler und einen Torhüter aus dem A-Kader zusammenbekommt. Sollten es weniger sein oder kein Torhüter zur Verfügung stehen, könnte eine Partie verlegt werden. Wenn sich aber herausstellen sollte, dass eine Mannschaft nicht antreten kann - etwa wegen einer Quarantäne-Anordnung der Behörden - und eine Verlegung nicht in Betracht kommt, würde das Spiel für die betroffene Mannschaft mit 0:3 als verloren gewertet werden. Am Montag schien diese Option immerhin weit entfernt zu sein.

Und dennoch: Die beiden positiven Tests richteten den Blick darauf, dass Atlético die vielleicht dornenreichste Saison der Ära Simeone hinter sich hat. Die Resultate stimmten nicht, der Topeinkauf João Félix (Benfica/126 Millionen Euro Ablöse) kam nicht in Tritt, es gab ein schmähliches Aus im Pokal gegen den Drittligisten Cultural Leonesa - und Pfiffe wegen des Spiels der Mannschaft. "Dass er in seiner schwierigsten Saison das Team zum dritten Platz und ins Viertelfinale der Champions League geführt hat, ist gar nicht so schlecht", betonte ein Vorstandsmitglied Atléticos laut der Zeitung El País. Und es erinnert daran, dass "El Pupas" auch das ist: Ein Klub, der imstande ist, sich den Mund abzuputzen (soweit es die Corona-Regeln erlauben), Pein in Treibstoff zu verwandeln - und der bislang noch nach jedem Nackenschlag dem Schicksal die Stirn geboten hat.

© SZ vom 11.08.2020

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